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Herausforderung angenommen

Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen: Früher wollte ich unbedingt Volksschullehrerin werden. Jetzt bin ich Homeschooling-Coach und lerne dabei wahrscheinlich selbst am meisten.

Unsere Generation „challengt“ sich ja prinzipiell sehr gerne. Und erlegt sich so manche Herausforderung im Alltag selbst auf: No-plastic, low carb, Digital Detox, zwischendurch mal 100 Tage ohne Zucker, Stiegensteigen statt Aufzug, einen Monat lang kein Gewand kaufen. Es gibt nichts, was sich nicht zu einer echten Herausforderung hochstilisieren ließe.

Corona hat uns nun die ultimative Eltern-Kind-Challenge beschert. Und die geht so: keine Schule, kein Kindergarten, kein Hort, keine Großeltern, kein Babysitter, keine ArbeitskollegInnen, keine FreundInnen, keine Nachbarskinder, kein Spielplatz, kein Ende in Sicht, dazu noch ein paar Zukunftsängste. Traust dich nie, wetten?

Innerhalb von wenigen Tagen änderten die Menschen in Österreich die Pläne für die nächsten Wochen, kauften kräftig ein und ließen die neue Realität ganz langsam in die Köpfe sickern. Ich jedenfalls muss mich in diesem vogelzwitschernden Frühling immer wieder daran erinnern, was um uns gerade alles passiert.

Wir gehören zu den Privilegierten in dieser Challenge, wir haben einen Garten und unsere Kinder sind in einem Alter, in dem man ohne große Sorge für fünf Minuten den Raum verlassen kann, und ich fühle mich dem Schulstoff meines Siebenjährigen gerade noch gewachsen. Nicht auszudenken, wenn ich ihm Differentialrechnung erklären müsste…

Aber auch diese Challenge wollte vorbereitet sein: Am Freitag vor dem „shut down“ habe ich wie viele Österreicher also gehamstert, äh eingekauft: eine ordentliche Kühlschrankfüllung, Rätselhefte und Bastelmaterial, zugegeben auch etwas Klopapier. Ich habe – wie mir in den sozialen Medien nahegelegt wurde – einen minutiösen Tagesplan erstellt und schon Sonntagabend einen Arbeitstisch für unsere erste Schulwoche im Kindergarten-Schul-Coworking vorbereitet. Auf dem Stundenplan stehen neben den Kernfächern auch Turnen, Basteln, Putzen, Kochen, Aufräumen. Aber soviel weiß ich in meiner kurzen Lehrerinnenkarriere: der Lehrplan ist das eine, der Alltag das andere. Am Ende von Woche 2 muss die abgebrühte Pädagogin, die ich heute bin, jedenfalls schmunzeln über die engagierte Junglehrerin von Tag 1, die ihre staunenden Eleven wie eine aufgekratzte Club-Med-Animateurin um 8 Uhr zur Morgenfitness mit 80er-Beats in den Garten jagte, um 8.45 Uhr den Morgenkreis im Wohnzimmer eröffnete und Punkt 9 Uhr alle stramm am Arbeitstisch versammelte. Mittlerweile hat diese Lehrerin, die nebenbei ja auch noch Mutter, Internatsköchin, Journalistin, Streitschlichterin, Vorleserin usw. ist, dazugelernt. Dass Perfektionsanspruch die allerschlechteste Antwort auf diese neue Situation ist. Dass Humor die allerbeste ist. Und auch sonst so manches. Darüber aber in den nächsten Wochen. Ich muss jetzt in den Morgenkreis.

Julia Rumplmayr

lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen (5 und 7) in einem Haus mit Garten im Mühlviertel.
Nervenstatus: dankbar für jahrelange Yogapraxis (hat vorsorglich allerdings Rumkugeln gehamstert)
www.juliarumplmayr.at | www.linzerkind.at

Foto: Alexandra Grill

Über Welt der Frauen

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