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Gehirn und Gefühl können nicht miteinander

„Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“ Mit diesem Kästner-Zitat wollte mich mein Gehirn eigentlich beruhigen. Aber mein Gefühl funktioniert eigen.

Wieder einmal sitze ich vor dem Computer und zieh’ mir wie eine Süchtige Horrornachrichten ins Innerste. Mein heutiges Highlight: „Das Coronavirus kann auch ins Gehirn gelangen.“ Was zur Folge hat, dass sich, wie so oft, Gehirn und Gefühl nicht ideal aufeinander abstimmen lassen. Mein Gehirn versucht zu beschwichtigen, gibt vernünftige, beruhigende Töne von sich: „Verena, du bist gesund, du gehörst nicht zur Risikogruppe, deine Kinder auch nicht, die paar Ausnahmen, die es gibt, das sind halt Ausnahmen, das ist immer so, nur normalerweise hörst und siehst du davon nichts, das Leben ist lebensgefährlich und war es immer schon, trotzdem überleben es die meisten für viele Jahre, außerdem geht es nicht um das Virus, sondern um die Kurve.“ Und so weiter und so fort. Mein Gefühl reagiert darauf nicht, sondern eben eigenständig auf das soeben Gelesene und sorgt dafür, dass alles in mir eng wird, dass das Herz schneller klopft, dass sich mein Bauch anspannt und die Schultern hochziehen.

Ich muss an Kafkas „Der Bau“ denken, an diese permanente, unsichtbare Gefahr, bei ihm in Form eines Tones, die sich nicht orten lässt und aus diesem Grund ins unermesslich Große wächst. Die Gedanken kreisen nur noch um dieses Geräusch, das gesamte Tun ist damit beschäftigt, den Ton zu orten und sich davor zu schützen. Bei einem unsichtbaren Feind neigen wir dazu, ihn überall zu vermuten. Alles und alle werden zur Bedrohung. Kafkas Geschichte zeigt keinen Ausweg, sie endet mitten im labyrinthischen Denken. Da möchte ich nicht enden.

Also, ich gehe jetzt mal springen, setze mir Kopfhörer auf, höre laut Songs aus meiner wilden Jugend und fühle mich unverletzbar wie eine 17-Jährige. Darauf reagiert mein Gefühl.

PS: Neben diesen bangen Momenten formt sich natürlich auch bei uns langsam eine andere Normalität. Es ist ein Sich-Ergeben, ein Hinnehmen und auch zögerliches Genießen, das zeitweise euphorisch ist. Keine Termine, kein Wecker, dafür kreatives Kochen, lange Spaziergänge, eine verordnete Selbstfürsorge und viele Einfälle: „Wir könnten doch …“, „Sollten wir nicht …?“, „Was haltet ihr von …?“, „Ich hänge hier eine Liste auf mit …“ Auch die Kinder orientieren sich um, suchen sich neue Beschäftigungen. Lesen, Schachspielen, Handwerken, Kreuzworträtseln, Sporteln sowieso, Partys feiern mit Freunden. Digital wird in die Kamera gewinkt, wild durcheinandergeredet, gelacht, vielleicht auch einmal zugeprostet, diskutiert. Ein phasenweises Vergessen. Geht doch.

Verena Halvax

lebt mit drei Kindern (16, 19, 21), Hund und Katz’ in Leonding, in einem kleinen Haus mit Garten.
Nervenstatus: infiziert
Arbeitet als Autorin, Redakteurin, Leiterin von Schreibworkshops
www.schreiben-als-weg.at

Foto: Alexandra Grill

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