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Frauen, die Krippen bauen

Was bringt uns an der Weihnachts­krippe zum Nachdenken? Am besten können das wohl Menschen beantworten, die sich das ganze Jahr über mit ihr beschäftigen. Drei Krippenbauerinnen und ihre Werke.

Marlene Moss:

Bei Gott haben die Klein­gehaltenen Vorrang

Marlene Moss (68) aus Kiel setzt sich sehr bewusst mit der politischen Botschaft von Krippen auseinander und hält wenig davon, wenn Krippen nur zur „Zierde“ aufgestellt werden. „Ich bin als Christin in der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung engagiert. 1975 lebte und arbeitete ich ein Jahr als Freiwillige in der Taizé-Gemeinschaft mit, was mich verändert und geprägt hat. Meine Haltung fließt natürlich stark in meine Arbeiten ein“, sagt Moss, die mit ihren Krippen deutlich machen möchte, dass bei Gott die Armen, Kleinen, Kleingemachten und Kleingehaltenen Vorrang haben.

IN DIE WIEGE GELEGT
Das Basteln und Handarbeiten machte ihr schon als Kind Freude, die Eltern waren kunstinteressiert, die Krippe aus Oberammergau mit geschnitzten, feingliedrigen, schön bekleideten Figuren war für die Familie etwas Besonderes. „Jedes Jahr kam eine ­Figur dazu, die kostbaren Figuren waren ‚heilig‘ und kein Spielzeug. Ich denke, dass so mein Respekt und die Achtung vor Krippen und den Krippenbauern entstand“, erzählt Moss, die beruflich als Pädagogin tätig war. Seit 1995 beschäftigt sie sich mit dem Krippenbau, ihre bevorzugten Materialien sind pflanzengefärbte Wolle, Leinen in natürlichen Tönen, Seide, Baumwolle und Holzmehl zum Modellieren. Pro Jahr fertigt Marlene Moss eine große Krippe für die Krippenausstellung im Museum „Religio“ in Telgte bei Münster und Laternen-, Schachtel- und Papierkrippen, die sich zum Verkauf auf kleinen Weihnachtsmärkten eignen. So finanziert sie auch das Material für die großen Krippen, die sie fürs Museum baut.

DAS KIND IN DER SCHIFFSKISTE
2015 stellte sie dort ihre „Kieler Krippe“ aus, eine große Heimatkrippe mit fast 100 Figuren, angesiedelt im Kieler Stadtmilieu und den Dörfern um die Kieler Förde in der Zeit nach dem Weltkrieg 1918. Man sieht Blinde, Bettler, Mütter, Seeleute und Kriegsversehrte, die zur Krippe streben. Das kleine Kind bettete Moss in eine alte Schiffskiste auf Möwenfedern. In der Krippe „Der Stern zeigt uns den Aus-Weg“ von 2016 stellte Moss die Heilige Familie in einer Lücke der heutigen Bethlehem-Mauer dar, 2017 positionierte sie das Krippengeschehen im Spannungsfeld zwischen Rüstungsindustrie und Friedensbewegung an eine Kasernenmauer vor einem Kriegsgräberfeld. Die Krippe 2018 trägt den Titel „Durchbruch“ und zeigt die Heilige Familie vor der Klagemauer in Jerusalem. Aus der Mauer ist ein Stern herausgebrochen, darauf liegt Jesus. Im Hintergrund sieht man Golgotha mit den 3 Kreuzen.

DIE FÜNF WEISEN
Der Plan für die Krippe im nächsten Jahr steht bereits fest: Es soll eine Darstellung mit fünf statt mit drei Weisen werden, denn zur Zeit von Jesu Geburt seien ja nur drei Erdteile bekannt gewesen. „Wahrscheinlich werden diese fünf Weisen Menschen aus jedem Kontinent sein, die theologisch und politisch gewirkt haben: Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, Martin Luther King, ein Aborigine für Australien und – für Europa – Frère Roger aus Taizé. Ich weiß natürlich, dass die von mir angedachten Weisen ‚nur‘ Männer sind, aber bisher fehlen mir geeignete, berühmte Frauen als Vorlagen“, sagt Moss.

Infos: Marlene Moss zeigt ihre Werke im Kieler Kirchenkai noch bis 13. Jänner 2019; www.city-pastoral-kiel.de. Im Religio Museum in Telgte nahe Münster ist Moss eine der mehr als 90 KunsthandwerkerInnen und KünstlerInnen, die ihre Krippen noch bis 27. Jänner 2019 ausstellen; www.museum-telgte.de

Marlene Moss baut Krippen mit politischen, gesellschaftskritischen Botschaften: ihre Krippe „Der Stern zeigt uns den Aus-Weg“ mit der Heiligen Familie in einer Lücke der Bethlehem-Mauer (oben); ein Ausschnitt aus der „Kieler Krippe“, die das Milieu nach 1918 aufnimmt (unten).

Mehr zu den Frauen die Krippen bauen, wie Manuela Eibensteiner und Waltraud Lechner, finden Sie in der Printausgabe.

 

Fotos: Siegfried Becker, Marlene Moss, Ute Boeters

Erschienen in „Welt der Frauen“ 12/18