Aktuelle
Ausgabe
12/22

Frauen, die Krippen bauen

Frauen, die Krippen bauen

Was bringt uns an der Weihnachts­krippe zum Nachdenken? Am besten können das wohl Menschen beantworten, die sich das ganze Jahr über mit ihr beschäftigen. Drei Krippenbauerinnen und ihre Werke.

Bei Gott haben die Klein­gehaltenen Vorrang

Marlene Moss

Marlene Moss aus Kiel setzt sich sehr bewusst mit der politischen Botschaft von Krippen auseinander und hält wenig davon, wenn Krippen nur zur „Zierde“ aufgestellt werden. „Ich bin als Christin in der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung engagiert. 1975 lebte und arbeitete ich ein Jahr als Freiwillige in der Taizé-Gemeinschaft mit, was mich verändert und geprägt hat. Meine Haltung fließt natürlich stark in meine Arbeiten ein“, sagt Moss, die mit ihren Krippen deutlich machen möchte, dass bei Gott die Armen, Kleinen, Kleingemachten und Kleingehaltenen Vorrang haben.

In die Wiege gelegt

Das Basteln und Handarbeiten machte ihr schon als Kind Freude, die Eltern waren kunstinteressiert, die Krippe aus Oberammergau mit geschnitzten, feingliedrigen, schön bekleideten Figuren war für die Familie etwas Besonderes. „Jedes Jahr kam eine ­Figur dazu, die kostbaren Figuren waren ‚heilig‘ und kein Spielzeug. Ich denke, dass so mein Respekt und die Achtung vor Krippen und den Krippenbauern entstand“, erzählt Moss, die beruflich als Pädagogin tätig war.

Seit 1995 beschäftigt sie sich mit dem Krippenbau, ihre bevorzugten Materialien sind pflanzengefärbte Wolle, Leinen in natürlichen Tönen, Seide, Baumwolle und Holzmehl zum Modellieren. Pro Jahr fertigt Marlene Moss eine große Krippe für die Krippenausstellung im Museum „Religio“ in Telgte bei Münster und Laternen-, Schachtel- und Papierkrippen, die sich zum Verkauf auf kleinen Weihnachtsmärkten eignen. So finanziert sie auch das Material für die großen Krippen, die sie fürs Museum baut.

Das Kind in der Schiffskiste

2015 stellte sie dort ihre „Kieler Krippe“ aus, eine große Heimatkrippe mit fast 100 Figuren, angesiedelt im Kieler Stadtmilieu und den Dörfern um die Kieler Förde in der Zeit nach dem Weltkrieg 1918. Man sieht Blinde, Bettler, Mütter, Seeleute und Kriegsversehrte, die zur Krippe streben. Das kleine Kind bettete Moss in eine alte Schiffskiste auf Möwenfedern.

In der Krippe „Der Stern zeigt uns den Aus-Weg“ von 2016 stellte Moss die Heilige Familie in einer Lücke der heutigen Bethlehem-Mauer dar, 2017 positionierte sie das Krippengeschehen im Spannungsfeld zwischen Rüstungsindustrie und Friedensbewegung an eine Kasernenmauer vor einem Kriegsgräberfeld. Die Krippe 2018 trägt den Titel „Durchbruch“ und zeigt die Heilige Familie vor der Klagemauer in Jerusalem. Aus der Mauer ist ein Stern herausgebrochen, darauf liegt Jesus. Im Hintergrund sieht man Golgotha mit den 3 Kreuzen.

Die fünf Weisen

Der Plan für die Krippe im nächsten Jahr steht bereits fest: Es soll eine Darstellung mit fünf statt mit drei Weisen werden, denn zur Zeit von Jesu Geburt seien ja nur drei Erdteile bekannt gewesen. „Wahrscheinlich werden diese fünf Weisen Menschen aus jedem Kontinent sein, die theologisch und politisch gewirkt haben: Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, Martin Luther King, ein Aborigine für Australien und – für Europa – Frère Roger aus Taizé. Ich weiß natürlich, dass die von mir angedachten Weisen ‚nur‘ Männer sind, aber bisher fehlen mir geeignete, berühmte Frauen als Vorlagen“, sagt Moss.

Marlene Moss baut Krippen mit politischen, gesellschaftskritischen Botschaften: ihre Krippe „Der Stern zeigt uns den Aus-Weg“ mit der Heiligen Familie in einer Lücke der Bethlehem-Mauer (oben); ein Ausschnitt aus der „Kieler Krippe“, die das Milieu nach 1918 aufnimmt (unten).

Fröhliches Beten mit Herz

Waltraud Lechner

„Als mein Mann, mein Sohn und ich gemeinsam an unserer Familienkrippe bauten, hat mir das so große Freude gemacht, dass ich 1989 beschloss, die Krippenbauschule in Innsbruck zu besuchen“, erzählt Waltraude Lechner, die in Grafendorf bei Hartberg daheim ist. Die Schule schloss sie nach vier Jahren als Krippenbaumeisterin ab, und die Faszination am Krippenbau hat sie seither nicht mehr losgelassen.

Lechner unterrichtet selbst seit Jahren Krippenbau, sie gründete den Verein „Krippenfreunde Oststeiermark“, dessen Obfrau sie auch ist. „Beim Start waren wir 13 Mitglieder, heute sind es mehr als 200“, weiß sie zu berichten. Die Frauen und Männer kommen aus allen Bildungs- und Berufsschichten, der Verein bietet auch für Kinder und Jugendliche laufend Kurse an.

Heimatlich oder orientalisch

„Der Startschuss fürs Krippenbauen ist bei den meisten rund um die Familiengründung oder rund um die Pensionierung angesiedelt“, erzählt Lechner. Gebaut werden vorwiegend heimatliche Krippen mit regionalem Bezug, gerne auch im winterlichen Kleid als Schneekrippen. Auch am „Original“ einer orientalischen Krippe versuchen sich die KrippenbauerInnen, einen Trend sieht die Krippenbaumeisterin neben den Wurzel- und Kastenkrippen aktuell im Fertigen von Laternenkrippen. „Da wird die Heilige Familie in eine Laterne hineingebaut.“

Wie baut man nun eigentlich eine klassische Krippe, wie geht man an die Sache heran? Auf diese Frage gibt Waltraude Lechner praktische Tipps mit auf den Weg. Zuerst muss klar sein, wo die Krippe aufgestellt werden soll und wieviel Platz für sie zur Verfügung steht. „Wenn ich den Raum betrete, soll mich die Krippe erwarten, sie soll nicht versteckt sein.“ Weitere Fragen: Wie ist die Heilige Familie positioniert, soll es eine orientalische oder eine heimatliche Krippe werden, welche Elemente – Tore, Fenster, Mauern – sollen enthalten sein, und welche Figuren und Tiere? Für Bau und Ausstattung müsse man laut Lechner zwischen 40 und 100 Stunden Arbeitszeit rechnen.

Die Herbergssuche

Man denke das Krippenbauen das ganze Jahr über mit, vom Spazierengehen oder Wandern komme man nie mit leeren Händen nach Hause, erzählt die passionierte Krippenbauerin. Das Bauen selbst sei immer auch eine Beschäftigung mit sich selbst, ein in sich Hineinhören. „Ich sage immer: Das ist fröhliches Beten mit Herz.“ Waltraude Lechner spricht auch die weltweite reale Herbergssuche an, ein Thema, mit dem sie sich beim Krippenbauen unweigerlich konfrontiert sieht. Eine Freude seien die vielen positiven Rückmeldungen von KursteilnehmerInnen. „Da sind Unternehmer dabei, die beim Krippenbauen zur Ruhe kommen oder auch schwerkranke Menschen, für die das Bauen einer Krippe zum Kraftspender wird.“

Waltraud Lechner besuchte von 1989 bis 1993 die Meisterschule für Krippenbauer in Innsbruck. Sie ist Krippenbaumeisterin und stand fast 30 Jahre dem Verein Krippenfreunde Oststeiermark-Hartberg als Obfrau vor.

Krippe von Waltraud Lechner

Eine Geschichte der Hoffnung

Manuela Eibensteiner

Eine Kunsthandwerkerin, die sich bereits seit 38 Jahren mit dem Malen von Hinterglaskrippen befasst, ist die Freistädterin Manuela Eibensteiner. Das Malen von Krippenmotiven auf Glas kennt nahezu keine Grenzen: Da gibt es Krippenkugeln, die mit einem Teelicht bestückt sind, genauso wie Fenstergläser für Hauskapellen, die mit Motiven der Weihnachtsgeschichte bemalt werden. Auch Eibensteiner erzählt von Krippenlaternen, die sie herstellt – in diesem Fall sind die Heilige Familie, der Ochs, der Esel und der Stern auf das Glas der Laterne gemalt.

Die Botschaft von Weihnachten

Für Eibensteiner, die in Freistadt ein Atelier betreibt, ist die Hinterglasmalerei ebenfalls ein ganzjähriges Thema; Aufträge für Krippenarbeiten kommen aus Österreich, Deutschland, Amerika und Italien. „Bei mir kann man auch zuschauen, wie die Hinterglasmalerei entsteht. Ich gebe mein Wissen gerne weiter, ohne etwas dafür zu verlangen“, lädt sie zum Besuch in ihre Werkstatt ein. Und für all jene, die die Hinterglasmalerei von Krippen von der Pike auf lernen möchten, bietet Manuela Eibensteiner zugunsten des Vereins „Mühlviertler Krippenfreunde“ jedes Jahr im November einen Workshop an.

„Ich bin selbst immer wieder erstaunt, wie viele Menschen an Krippen interessiert sind“; erzählt sie. Im Rahmen ihrer Tätigkeit als Obfrau des Landesverbandes der Krippenfreunde bemerkt Eibensteiner, dass dieses Interesse in vielen Ländern vorhanden ist. „Wir sind ja im Austausch mit KrippenbauerInnen anderer Länder, zum Beispiel aus Luxemburg, Liechtenstein oder den Niederlanden.“

Eibensteiner hat auch eine Erklärung für die Faszination, die die Menschen beim Betrachten einer Krippe immer wieder erleben: „Die Beschäftigung mit der Weihnachtsbotschaft ist die Beschäftigung mit Hoffnung. Diese Hoffnung und der Blick auf das Kind in der Krippe tun immer wieder aufs Neue gut.“ Für sie selbst sei es jedes Mal ein besonderer Moment, wenn eines der Hinterglasbilder mit dem Krippenmotiv fertiggestellt ist. Bei ihr daheim spielen diese Bilder zur Weihnachtszeit natürlich eine wichtige Rolle – genauso aber auch eine Krippe, die sie vor mehr als 30 Jahren von ihrem Bruder geschenkt bekam und die sie jedes Jahr am 24. Dezember aufstellt.

Manuela Eibensteiner Krippenbaumeisterin

Geboren in Waldburg bei Freistadt. Lebt und arbeitet in Freistadt (OÖ) Atelier ART-ME Ihre große Leidenschaft, die Malerei, begann sie schon in jungen Jahren. Die Faszination der Farben, deren Ausdruckskraft fesselten sie, neben der Tätigkeit als Tourismusfachfrau entwickelte sich eine stetig wachsende künstlerische Neugierde.

3D Krippenfenster Von Manuela Eibensteiner

Kleine Krippen-Geschichte

Die Geburt Christi, die Verkündigung an die Hirten und deren Ankunft im Stall: Das sind die zentralen Szenen des Weihnachtsevangeliums, die in Krippen dargestellt werden. Es gibt orientalische Krippen, die das Originalszenario im Stall zu Bethlehem nachbilden.

Es gibt sogenannte heimatliche Krippen, die die Geburt Jesu und die Ankunft der Heiligen Drei Könige in heimische Gefilde verlegen. Erste Krippen gab es bereits im Mittelalter, es heißt, dass der Heilige Franz von Assisi im Jahr 1222 der erste war, der die Weihnachtsgeschichte mit Figuren in einer Grotte darstellte. In Österreich weiß man von Krippen in Jesuitenkirchen im Tirol des frühen 17. Jahrhunderts, das Krippenbrauchtum hierzulande ist vielfältig und hat sich je nach Bundesland mit eigenen Feinheiten entwickelt.

Die „Welt der Frauen“-Krippe

unterstützen & gewinnen

Wir haben die Lebenshilfe-Werkstätte in St. Florian eingeladen, für unseren Fotoessay in unserer Dezember-Ausgabe eine „Welt der Frauen“-Krippe herzustellen, die wir kurz vor Weihnachten verlosen. Und wenn auch Sie dazu beitragen möchten, dass diese besonderen Menschen weiterhin ihren Talenten und Wünschen nachgehen können, dann freuen wir uns über Ihre Spende.

>> Hier geht’s zur Verlosung