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Fast genesen

Die Quarantäne hat mein System beruhigt. Aber noch ist das Leben voller Absurditäten.

Mitte März beim Spazierengehen:
Eine Frau bleibt zehn (!) Meter vor mir stehen:
„In welche Richtung gehen Sie?“, fragt sie.
Ich deute mit der Hand in die geplante Richtung. „Haben Sie Angst vor dem Hund“, frage ich und halte Lila am Halsband.
„Nein!“, ruft sie zurück, „Der schaut eh lieb aus, aber Abstand.“
Keine fünf Minuten später, an einer etwas engeren Passage, aber doch locker zwei Meter breit, schreit mich doch tatsächlich eine Frau an, ob ich noch nichts von „Abstand halten“ gehört hätte.

Anfang Mai an einem lauen Frühlingsabend:
Ich bringe meinen Sohn zum „Donaustrand“. Es ist sein erstes Treffen mit Freunden seit der Lockerung. Schon von weitem sehe ich zahlreiche Menschen dort sitzen, in Grüppchen vereint, von Abstand keine Rede. „Festivalstimmung“ beschreibt mein Sohn später die Atmosphäre. Aufs Händewaschen daheim hat er glatt vergessen. Auch ich habe das erst bemerkt, als schon ein paar Knabbereien in seinem Mund verschwunden sind. Ob er wenigstens das Desinfektionsmittel einmal benutzt hätte. „Jaja.“ Und Abstand? „Naja, schwierig, aber die waren jetzt eh alle in Quarantäne.“

Zwei Szenen, die sich möglicherweise auch heute noch so gegenüberstehen könnten. In diesem Fall aber liegen sieben Wochen dazwischen. Keine normalen Wochen. Wochen, die wohl in allen von uns Spuren hinterlassen haben. Und zwar höchst unterschiedliche. Welche, das wird sich jetzt zeigen, wenn wir alle schön langsam wieder aus unseren Schutzhöhlen hervorkriechen und mit unseren Spuren aufeinander zugehen.

Ich kann nur von meinen Spuren reden. Bei mir hat sich in den letzten sieben Wochen mein System beruhigt. War ich anfangs völlig mit einem „Angst-und-bange-Gefühl“ infiziert, bin ich heute großteils davon genesen. Es ploppt nicht mehr überall das „Vorsicht, Lebensgefahr!“-Schild in mir auf. Der geschützte Rückzug von der Außenwelt, die bereichernde Zeit mit den Kindern, die langen Spaziergänge, auch das Unnötig-Werden des ständigen Hände-Waschens und die sinkenden Fallzahlen – all das hat in meiner Innenwelt wieder Ruhe einkehren lassen. Ich bin so weit genesen, dass ich mitunter vergesse, dass es dieses Virus gibt. Dass ich vergesse, bei Besuchen in der Außenwelt mein Desinfektionsmittel mitzunehmen oder die Atemmaske. Dass ich ganz ohne Engegefühl einen Lebensmittelmarkt betrete, wo dann aber doch unvermittelt wieder dieses „Vorsicht, Lebensgefahr!“-Schild aufploppen kann und ich für einen kurzen Moment wieder ganz am Anfang stehe.

Ganz ohne Risse, Widersprüche und Ungereimtheiten wird es nicht gehen in nächster Zeit. Vermutlich auch nicht ohne Absurditäten. Etwa in der Art, wenn die Oberstufenschüler bald in halbvollen Klassenzimmern sitzen werden, damit brav der Zwei-Meter-Abstand eingehalten wird, und sie nach der Schule Hand in Hand zum Donaustrand pilgern.

Verena Halvax

lebt mit drei Kindern (16, 19, 21), Hund und Katz’ in Leonding, in einem kleinen Haus mit Garten.
Nervenstatus: infiziert
Arbeitet als Autorin, Redakteurin, Leiterin von Schreibworkshops
www.schreiben-als-weg.at

Foto: Alexandra Grill

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