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„Es war nicht so gemeint“

Manchmal verletzt uns ein unachtsam dahingesagter Satz. Über warum reagieren wir empfindlich? Aber unangebrachtes Mitleid, Beleidigung und verschleppte Kränkung.

Gott, mein herzliches Beileid“, sagte A. am anderen Ende der Leitung und atmete
schwer. Rund drei Jahre ist das jetzt her, ich saß an meinem Schreibtisch, hielt das Handy ans Ohr gedrückt und war sprachlos. Denn es war niemand gestorben. Niemand lag im Krankenhaus. Ich hatte A. nur gerade erzählt, dass ich im siebten Monat schwanger sei und Zwillinge erwarte. Gesunde zweieiige Zwillinge, ein Bub und ein Mädchen.

Heute kann ich über diese Episode nur lachen. Kränkende Aussagen oder auch Beleidigungen sagen schließlich oft mehr über die Person aus, die sie äußert, als über die, gegen die sie gerichtet sind.

Aussage und Reaktion trennen

Die meisten Menschen tragen die ein oder andere verletzende Aussage lange – zu lange? – mit sich herum und würden sie am liebsten vergessen. Ist es kleinlich, sich immer wieder zu fragen: „Wie hat sie das bloß gemeint?“ Oder: „Wie konnte er das nur zu mir sagen?“ Ja, vielleicht ist das kleinlich. Aber es ist auch zutiefst menschlich.

Manchmal hilft es, sich kränkenden Sätzen mit kühler Rationalität zu nähern. In der Sprache der JuristInnen wird zum Beispiel zwischen Beleidigung, Unhöflichkeit und Taktlosigkeit unterschieden. Ob ein Kommentar nur ein bisschen ungeschickt oder wirklich beleidigend ist, lässt sich dabei oft nur schwer feststellen und hängt stark mit der Persönlichkeit des oder der Beleidigten zusammen. JuristInnen fragen deshalb: Wie würde eine durchschnittliche Person die Aussage auffassen? Diese Frage könnte auch bei den ganz alltäglichen kleinen Beleidigungen nützen. Sie könnte
helfen, Aussage und Reaktion zu trennen: War das gerade wirklich eine böswillige Beleidigung?

Oder nur eine unachtsame Bemerkung, bei der sich das Gegenüber vielleicht gar nicht bewusst war, wie sie für uns geklungen hat?

Keine Strafe, sondern Hilfe

Was wir als verletzend empfinden, ist so individuell wie unsere Lebensgeschichte. Wer sich hauptsächlich über seine Arbeit definiert, kann es schwer ertragen, wenn die eigene Leistung bemängelt wird. Ein Mensch, dem Aussehen und Schönheit wichtig sind, reagiert empfindlich, wenn sich jemand über die schicke neue Frisur lustig macht. Und wenn man – wie ich damals – als Schwangere besorgtist, wie das Leben mit zwei Neugeborenen werden wird, dann trifft ein schwarzseherischer Kommentar natürlich umso mehr.

Der Zenmönch Thich Nhat Hanh hat den Vietnamkrieg überlebt und viele Freunde verloren. Er sprach oft darüber, dass es ihm damals geholfen habe, sich in die gegnerischen US-amerikanischen Soldaten hineinzuversetzen, die seiner Meinung
nach keine Feinde waren, sondern selbst Opfer der Kriegspropaganda.

Aber auch bei ganz alltäglichen Beleidigungen rät er, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen: „Wenn ein anderer Mensch dich leiden lässt, liegt es daran, dass er tief in sich leidet und sein Leiden nun auf dich abfärbt. Er braucht keine Strafe, er braucht Hilfe. Das ist die Botschaft, die er sendet.“

„Mein schlimmster Albtraum“

Ich habe verstanden, dass A. ihr eigenes Leben als Mutter eines Einzelkindes damals als so anstrengend empfand, dass für sie eine Zwillingsschwangerschaft nun einmal bemitleidenswert war. Trotzdem haben mich ihre Worte noch eine Zeit lang begleitet. Als meine Kinder auf der Welt waren, häuften sich nämlich die Beileidsbekundungen.

„Zwei auf einmal, das war immer mein schlimmster Albtraum“, kommentierte eine müde aussehende Frau an der Straßenbahnhaltestelle und betrachtete dabei meine im Kinderwagen schlummernden Babys. Eine Bekannte, die selbst erwachsene Kinder hat, formulierte es noch drastischer: „An deiner Stelle würde ich mir die Kugel geben!“ Ich habe mich gefragt, was hinter solch harschen Beurteilungen steckt.

Vermutlich sind sie wie ein Ventil für eigene negative Erfahrungen und eine Reaktion darauf, dass gerade Eltern – und vor allem Mütter – in unserer Gesellschaft wenig Wertschätzung erhalten. Dass sich viele immer noch schwertun, Hilfe anzunehmen, wenn die Doppelbelastung mit Kindern und Job überhandnimmt. Dass sich bei vielen stiller Frust anstaut, der sich gerade dann entlädt, wenn sie auf eine Person treffen, die es in ihren Augen noch ärger getroffen hat.

In der letzten Zeit ist oft die Rede von „Political Correctness“ und sensibler Sprache. Oft heißt es, dass VertreterInnen dieser Bewegung radikalisieren und bei geringen Anlässen überreagieren. Schon Gendersternchen und Binnen-I empfinden manche als Affront. In meinen Augen ist es eine wichtige und wohltuende Entwicklung, dass wir uns als Gesellschaft vornehmen, empathischer miteinander umzugehen, und die Perspektiven anderer Menschen mitbedenken. Es ist wichtig, zu fragen, wie die von unserer sehr individuellen Weltsicht geprägten Aussagen beim Gegenüber ankommen.Nicht nur, wenn es um Minderheiten geht.

Bis hierhin und nicht weiter

Aber die von vielen belächelten „Mikroaggressionen“, also unterschwellige Kränkungen, machen sich eher Menschen lustig, die so etwas noch nicht erlebt haben. Wer sich beispielsweise als dunkelhäutige Frau immer wieder – teils herablassende – Kommentare anhören muss, bekommt langsam, aber sicher das Gefühl, nicht dazuzugehören. Wir sind soziale Wesen und es schmerzt uns, wenn wir gebrandmarkt und damit in gewisser Weise aus der Gruppe verstoßen werden.

Wer hat Sie in der letzten Zeit beleidigt? Und wie haben Sie sich dabei gefühlt? Ich habe mir bewusst gemacht, wie oft ich selbst – ganz automatisch – andere Menschen beurteile. Mir ist aufgefallen, dass auch ich unüberlegt Sätze ausspreche, die vermutlich beim Gegenüber ganz anders ankommen als beabsichtigt.

Geholfen hat mir umgekehrt aber auch die Erkenntnis, dass ich Beleidigungen nicht wehrlos ausgeliefert bin. Gerade wir Frauen empfinden oft den Druck, immer freundlich und versöhnlich zu bleiben. Dabei kann man es auch kreativ angehen. Es gibt viele Möglichkeiten, auf eine Beleidigung zu reagieren: mit Humor. Mit einer Gegenfrage, zum Beispiel: „Wie meinst du das?“

Bei besonders argen Beleidigungen können wir aber auch mit verbaler Stärke und Entschlossenheit reagieren und signalisieren: bis hierhin und nicht weiter! Oder eben mit Empathie. Wenn ich jetzt von fremden Müttern bemitleidet werde, während meine quirligen Zweijährigen um mich herumwuseln, frage ich einfach, wie es ihnen denn in dieser schwierigen Zeit so geht. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Welt der Frauen - Juli/August 2021Der Artikel ist in der „Welt der Frauen“-Ausgabe Juli/August 2021 erschienen.

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