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Es gibt keine Welt ohne Design

Die politische Situation in Österreich ist wohl nicht rosig zu nennen, was Feminismus, Gleichstellung und Diversität betrifft. Die Autorin sagt in klaren Sätzen, was Sache ist und fordert heraus, die Voreingenommenheit in Pension zu schicken und die Dinge richtig, also ohne voreingenommen zu sein, anzugehen. Das klingt vollmundig, aber Iris Bohnet liefert Belege für ihre Visionen und Strategien.

Da gibt es beispielsweise den Vorhang, hinter dem Musiker*innen vorspielen, Sie wissen schon, die Wiener Philharmoniker haben erst 1997 die erste Frau ins Orchester aufgenommen: Weiße Männer dominieren die fünf wichtigsten Orchester der USA. Dann führte man das „blinde Vorspielen“ ein, die Bewerber*innen traten hinter einem Wandschirm bzw. Vorhang auf, wurden nur nach ihrer Leistung, nicht nach Hautfarbe oder/und Geschlecht bewertet. Die Verhältniszahlen änderten sich; heute sind 35 Prozent der Orchestermitglieder weiblich, im Vergleich zu den mickrigen 5 Prozent vor dieser Änderung. Ehrlich erzählt Iris Bohnet von ihrem Erschrecken, das ihr Kind in der Kinderkrippe von einem Mann betreut werden sollte: Diese Vorstellung war bis dahin nicht in ihrem Kopf gewesen!

Glücklicherweise gab ich meiner voreingenommenen Spontanreaktion nicht nach. Der Erzieher erwies sich als großartig und wurde zu einer Betreuungsperson, der wir vertrauten. Aber bis heute beschäftigt mich mein damaliges Bauchgefühl. In den Vereinigten Staaten und in vielen anderen Ländern sind nur 10 bis 20 Prozent der Lehrkräfte an unseren Grundschulen männlich. Diese Männer stehen vor einer Sisyphosaufgabe. (Seite 15)

Die Wissenschaftlerin hält immer wieder fest, dass gleiche Chancen in einem Unternehmen für alle von Vorteil sind, nicht nur für die Benachteiligten (Frauen, ethnische Minderheiten): Diversität steigert die „kollektive Intelligenz“ jeder Gruppe. Immer wieder weist sie darauf hin, wie Vorurteile entstehen und wirken: Wer schön ist, verdient mehr, gilt als erfolgreicher! Wie verhandeln Frauen ihre Gehälter und wie die Männer? Frauen beherrschen das Verhandeln, sobald sie es für andere machen, denken wir an Anwältinnen, die ihre Mandanten verteidigen, an Ärztinnen, die sich für ihre Patient*innen stark machen. Es geht also, ändern wir das Design. Sie lädt die Verantwortung für die Veränderungen nicht bei den Angestellten, den Bewerber*innen ab, sondern nimmt die leitenden Arbeitskräfte in die Verantwortung: Wie sehen die Aufnahmetests aus, welche Porträts schmücken die Gänge und Sitzungsräume, ebenso viele Porträts von Frauen wie von Männern? Wer Frauen und Männer beschäftigen will, muss sie eben auch als Frauen und Männer ansprechen. Sie regt an, lernende Umgebungen zu schaffen, die Menschen sollen ermutigt werden, Neues auszuprobieren.

Gleichstellung ist niemals nur eine Frage der Zahlen. Zahlen sind wichtig, aber wahrscheinlich ist noch wichtiger, wie die Zahlen zustande gekommen sind und wie sie zusammenwirken. (S. 16)

 

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: Selbsterkenntnis, Visionen und Tipps, diese zu verwirklichen, historische Beispiele, wie Gleichberechtigung gewachsen ist, die Bedeutung von systematischen Veränderungen, gelungene Beispiele – etwa das Vorspielen bei berühmten Orchestern hinter Vorhängen bei Auswahlverfahren; Motivation, 36 forschungsgestützte Designempfehlungen, Schlüsselprinzipien auf dem Weg der Gleichstellung.

Die Autorin ist Professorin für Verhaltensökonomie an der Harvard Universität.

Iris Bohnet:
What works.
Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann.
Aus dem Englischen übersetzt von Ursel Schäfer.
München: C. H. Beck 2017.
381 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

One thought on “Es gibt keine Welt ohne Design”

  1. Thea sagt:

    Mich hat vor Jahren wirklich gefreut, dass auch ein paar (wenige!) männliche Autoren sich für Gleichberechtigung aussprechen: „Die Söhne Egalias“ von Peter Redvoort fällt mir dazu ein …

    LG Thea

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