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Eisbärmama

Ich dachte, wir hätten das hinter uns. Das mit dem Loslassen und so. Plötzlich bin ich wieder ganz Eisbärmama.

Im Geburtsvorbereitungskurs teilte uns die Hebamme das Bild einer Eisbärmama mit ihren Babys aus. Ich weiß nicht mehr genau, worauf die Hebamme hinauswollte, es hatte irgendwas mit dem Beschützerinstinkt zu tun. Jedenfalls ist das Eisbärbild zu meinem inneren Bild geworden.

Ich habe nachgelesen, wie das nun tatsächlich ist mit den Polarbären. Ein Weibchen, das schwanger ist, gräbt einige Wochen vor der Niederkunft eine Geburtshöhle in den tiefen Schnee. Diese Höhle soll verhindern, dass die Neugeborenen erfrieren. Im April, nach dem Ende der winterlichen Schneestürme, verlässt die Eisbärfamilie die Geburtshöhle. Die Eisbärmama wühlt die dicke Schneedecke von unten auf und lockt ihren Nachwuchs durch laute Rufe an das Tageslicht. Vorsichtig recken die Kleinen ihre Nasen aus der Höhle und beschnuppern die neue Umgebung.

In dieser Phase sind wir auch gerade. Die ersten scheuen Schritte hinaus aus unserer Höhle, hinein in diese komische Welt mit diesem komischen Virus. Der erste Ausflug in unsere Buchhandlung, das erste Eis von unserem Lieblings-Eisstand. Nach mehr als fünf Wochen waren die Kinder zum ersten Mal wieder einen Vormittag in der Schule beziehungsweise im Kindergarten, weil es notwendig war, dieses Betreuungsangebot in Anspruch zu nehmen. Die erste Trennung nach langer Zeit für die Eisbärmama und ihre Kinder. Die Schritte fühlen sich noch ein wenig wackelig an und unsicher. Hält das Eis?

Ich denke an den ersten Kindergartentag zurück, die unterdrückten Tränen, die erst im Auto fließen durften. Ich dachte, wir hätten das hinter uns. Mittlerweile sind die Kinder in einem Alter, in dem sie mich nicht mehr so dringend brauchen (es sei denn, sie haben Hunger oder sie treten auf eine Wespe) wie in den ersten Jahren. Das ist auch gut so.

Doch plötzlich bin ich wieder ganz Eisbärmama. Mir wird bewusst, wie eng wir in den vergangenen Wochen zusammengerückt sind. So eng, dass wir uns manchmal aneinander gerieben haben. Jetzt rücken wir langsam wieder auseinander.

Ich war erleichtert, als die Eisbärkinder wieder wohlbehalten in die sichere Höhle zurückgekehrt sind.

In den nächsten Wochen und Monaten werden wir und jeder für sich weitere Erkundungstouren unternehmen, wir werden uns weiter weg von der Höhle wagen. Und irgendwann werden die Kinder alleine in die Welt ziehen. Anders als im Tierreich werden sie aber jederzeit wieder zurückkommen können, wenn sie eine sichere Höhle brauchen.

Julia Langeneder

lebt mit Mann, Tochter (9 Jahre) und Sohn (5 Jahre) im südlichen Oberösterreich.
Nervenstatus: Eisbärmama.

Foto: Alexandra Grill

Foto: avstraliavasin/iStock

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