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Ein Zuschnüren & Kopfschütteln

Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Oder vielleicht doch? Erinnerungen an die ersten Tage im Home-Modus.

Obwohl ich mehr Zeit als sonst habe, bleibt mir nicht mehr Zeit. Magisch zieht es mich alle paar Minuten zum Computer und irgendeine Kraft zwingt mich, ein News-Update zu machen. Ist das Masochismus? Oder Katastrophengeilheit? Oder machen das alle? Schon nach zwei Tagen Dauer-Updates habe ich mir vorgenommen, das ab sofort zu reduzieren. Es war mir nicht möglich. Obwohl mir die Nachrichten nicht gut tun. Sie schnüren alles in mir zu und ab. Seit Freitag notiere ich außerdem die Fallzahlen. Mit Uhrzeit. Sie schnüren mir ebenfalls alles zu und ab.
Es gibt aber noch andere Gründe, warum mir nicht mehr Zeit bleibt.
Ich schlafe länger. Nicht nur länger, sondern insgesamt um zwei Stunden mehr als sonst. Die fehlen mir natürlich. Tun aber auch gut. Außerdem habe ich mir eine spezielle Corona-Hygiene festgelegt, die aufwändig ist: Gurgellösung mit Meersalz und ätherischen Ölen für alle herrichten, spezielle Tees kochen, Wasserdampf inhalieren, frischen Gemüsesaft pressen und ein warmes, ayurvedisches Frühstück mit mehreren speziellen Gewürzen zubereiten. Das dauert.
Schließlich bin ich langsamer geworden. Kochen, in Ruhe, News-Update, in Ruhe, Nachrichten beantworten, alle, in Ruhe, mit Freunden, Oma und Mama telefonieren, in Ruhe, Lila frisieren, regelmäßig, in Ruhe. Duschen, Zähne putzen, Toilettengänge, Dehnungsübungen, alles in Ruhe.
Insgesamt ist eine eigenartige Gespaltenheit in mir. Auf der einen Seite dieses Zuschnüren, auf der anderen ein Aufmachen.

Beim Spazierengehen. Ich habe das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Alle dürften dieses Gefühl haben. Jeder macht einen großen Bogen um die anderen. Als ob jeder Entgegenkommende deinen Tod bedeuten würde. Mir fällt auf, dass ich nicht einatme, wenn ich an jemandem vorbeigehe. Ein gehauchtes „Hallo“ und schnell weitergehen. Der blöde Facebook-Witz fällt mir ein: „Servas Gschissener!“ So viele Zischlaute. Und vorhin, da habe ich eine Nachbarin getroffen, die völlig entspannt und ziemlich nah bei mir stehen geblieben ist und auch gar nicht mehr zum Reden aufhören wollte. Zwei Fragen waren dauernd in meinem Kopf: „Stehe ich weit genug entfernt?“ und „Hat Lila jetzt Corona-Viren am Fell?“, nachdem sie ununterbrochen über ihren Kopf gestreichelt hat. Bei diesen Fragen bin ich mir nicht einmal blöd vorgekommen. Aber gleichzeitig heftiges Kopfschütteln über diese Situation. Und über mich. Zuhause dann ein Aufatmen. Zuhause der geschützte Raum. Zuhause die sichere Höhle. Ich will das nicht! Ein Zuschnüren. Vielleicht sollte ich mich mehr auf dieses Aufmachen konzentrieren.

Eintrag vom 19. 3. 2020

Verena Halvax

lebt mit drei Kindern (16, 19, 21), Hund und Katz’ in Leonding, in einem kleinen Haus mit Garten.
Nervenstatus: infiziert
Arbeitet als Autorin, Redakteurin, Leiterin von Schreibworkshops
www.schreiben-als-weg.at

Foto: Alexandra Grill

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