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Eh, aber …

Das, was jetzt kommt, mag Gejammer sein, dazu selektive Wahrnehmung. Ich sage trotzdem: Diese Krise ist eine Krise der Mütter.

Auf meinen Laptop ist „Microsoft Teams“ installiert. Ich bin Wächterin über die Zugangsdaten zu Moodle, Zoom, Schulklas.se, OneDrive, Anton und Antolin, habe pro Kind einen Ordner mit dem Titel „Schule“ angelegt und bin in einer Klassen-WhatsApp-Gruppe pro Kind. Dazu bekomme ich Emails, SMS und hin und wieder Anrufe. In diesen WhatsApp-Gruppen, in denen Elternteile für insgesamt 44 Kindern mitschreiben, lese ich Nachrichten von 43 Müttern und einem Vater.

Diese Krise, finde ich, ist eine Krise der Mütter. Und auch wenn die Väter sich noch so bemühen, Aufgaben übernehmen, Einkäufe erledigen, Essen zubereiten und mit den Kindern Sport machen, ist es unser Mental Load, der langsam aber ganz sicher zum Overload wird. Eine nicht repräsentative Umfrage unter meinen Freundinnen hat mir das sehr stark bestätigt. Und da habe ich die Alleinerzieherinnen sogar ausgeklammert, weil es sowieso übermenschlich ist, was die zurzeit leisten. Unter den Vätern mag es leuchtende Ausnahmen geben – aber die bleiben eben genau das: Ausnahmen.

Es sind unsere Mütterfinger, die auf liegengebliebene Socken zeigen, so lange, bis sie jemand aufhebt. Wir weisen außerdem darauf hin, dass ein Kind wieder mal duschen sollte, so lange, bis es das dann widerwillig tut. Wir sitzen daneben, während unsere Laptops von klebrigen Fingern entweiht werden, die die Taste mit dem „?“ suchen, so lange, bis wir entnervt selber draufdrücken. Unsere Handys piepsen im Minutentakt, wir verlesen die Nachrichten, Aufgaben, zeigen die Videos her, die via uns für die Kinder hereinkommen. Wir denken an die Geburtstagskarte für den Cousin, der zum ersten Mal ganz alleine und ohne Gäste feiern wird müssen. „Kommt, schreibt ihm ein paar Zeilen, da freut er sich.“

Sie machen es eh, aber.
Sie räumen eh auf, aber.
Die Väter sind eh super, aber.

Aber es sind nicht die Tätigkeiten selber, die so ermüden, sondern das Drandenken.

Dazu kommt: Die Kinder fangen langsam an, uns zu hassen. Weil wir es sind, die immer keppeln, weil wir es sind, die sie zu ein bisschen Ordnung, halbwegs Sauberkeit und zumindest rudimentären Tischmanieren (kein Rülpsen, kein Pupsen, wir essen Reis mit Besteck) anhalten, weil wir sie darauf hinweisen, dass sie langsam zu miefen anfangen, und weil wir neben ihnen sitzen und ihre Rechtschreibfehler anmerken.

Es gibt zwei Wege aus dieser speziellen Krise. Wir halten durch. Oder wir übergeben tatsächlich die Hälfte der Verantwortung, das Risiko miteingeschlossen, dass dann eben auch die Hälfte verlottern und vergessen wird. Also halten wir durch.

Ursel Nendzig

lebt mit Mann und zwei Söhnen (7 und 9 Jahre alt) in Wien, Stadtrand.
Nervenstatus: Overloaded! Auch wenn sie das Socken-Such-Spiel gewinnt.
www.urselnendzig.at

Foto: Stefan Knittel

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