05

19

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Die ersten acht

Eine ungewöhnliche Szene spielt sich 1919 im österreichischen Parlament ab: Frauen beziehen erstmals Sitze und Position, sieben Sozialdemokratinnen, eine Christlichsoziale. Ihre Lebensgeschichten erzählen von Kinderarbeit, familiären Verlusten, Gefängnisstrafen – und unbändiger Widerstandskraft.

DIE WOHLTÄTIGE

Hildegard Burjan (1883–1933), geborene Freund

Hildegard Burjans weitestreichendes Erbe ist die Schwesternschaft „Caritas Socialis“. Bis heute unterstützt die von ihr gegründete Organisation Familien, Jugendliche und alte Menschen. Hildegard Burjan kommt durch ihre Nierenerkrankung mit katholischen Ordensschwestern in Kontakt, deren Fürsorge sie beeindruckt. Sie konvertiert daher mit 26 Jahren, jüdisch erzogen, zum Katholizismus. Politisch wirkt sie nur kurze Zeit: 1919 wird sie als einzige christlichsoziale Abgeordnete in die provisorische Nationalversammlung entsandt. Schon bei den Wahlen im darauffolgenden Jahr lässt sie sich nicht mehr aufstellen. Studiert hat sie Germanistik, ihr Beruf ist die Schriftstellerei, aber ihre Berufung ist das soziale Engagement. 2012 wird Hildegard Burjan im Stephansdom seliggesprochen.

DIE GEWERKSCHAFTERIN

Anna Boschek (1874–1957)

Als sie mit neun Jahren ihren Vater verliert, endet Anna Boscheks Kindheit abrupt. Statt weiterhin die Schule zu besuchen, muss sie Geld verdienen: zunächst als Heimarbeiterin, später in der Fabrik. Ihr Vormund wird Anton Hueber, Obmann der „Österreichischen Gewerkschaftskommission“. Anna Boscheks Einsatz in der Gewerkschaft, wo sie mit 20 Jahren eine Anstellung findet, scheint kein Zufall. Sie nimmt sich besonders der Situation der Hausgehilfinnen, Erzieherinnen und Heimarbeiterinnen an. Mit der Überzeugung, dass Frauenarbeit stärkere Beachtung finden müsse, wird sie 1928 Vorsitzende einer neuen Frauensektion der „Freien Gewerkschaften“. Als Parlamentsmitglied macht sich Anna Boschek unter anderem für die Einführung von Achtstundentag, Mindestlohn und Mutterschutz stark.

 

DIE ÖKONOMIN

Emmy Freundlich, geborene Kögler (1878–1948)

Ungewöhnlich für eine Sozialdemokratin ihrer Zeit, wächst Emmy Freundlich in einer wohlhabenden Familie auf. Da ihre Mutter erkrankt und ihr Vater stirbt, als sie 16 ist, kümmert sich Emmy Freundlich in jungen Jahren um die Finanzen und den Haushalt der Familie. Diese Erfahrungen tragen möglicherweise dazu bei, dass sie später in ihrer politischen Arbeit die ökonomisch wichtige Rolle von Hausfrauen herausstreicht. Im Eigenstudium erwirbt sie sich volkswirtschaftliches Fachwissen, das sie als Abgeordnete durch häufige Wortmeldungen im Nationalrat einbringt.

 

DIE WORTGEWANDTE

Adelheid Popp, geborene Dworak (1869–1939)

Als Kind einer Arbeiterin und eines Webers leistet Adelheid Popp schon mit neun Jahren ihren Beitrag zum Familieneinkommen. Nur drei Jahre lang geht sie zur Schule, doch ihr Wissensdurst und gute Kontakte in der sozialdemokratischen Partei verhelfen ihr zu Bildung. Schließlich wird sie Vorsitzende des „Arbeiterinnen-Bildungsvereins“ und hält in dieser Funktion erste Ansprachen. Adelheid Popp wird zur Person des öffentlichen Lebens. Sie schreibt Zeitungsartikel, Bücher und Broschüren über die Bedingungen der arbeitenden Frauen – in der Fabrik und in der Familie. Das bringt ihr im Alter von 26 Jahren sogar eine Gefängnisstrafe wegen „Herabwürdigung der Ehe und Familie“ ein. Nachdem sie sich für das aktive und passive Frauenwahlrecht eingesetzt hat, wird sie selbst 1920 ins Parlament gewählt. Sie hält als erste Frau eine Rede im Hohen Haus.

DIE BEHARRLICHE

Gabriele Proft, geborene Jirsa (1879–1971)

Vom Dienstmädchen zur Heimarbeiterin, schließlich zur langjährigen Parteifunktionärin: So verläuft Gabriele Profts berufliche Laufbahn. Sie engagiert sich zunächst in der Gewerkschaft, publiziert in sozialdemokratischen Blättern und ist in der Frauenbewegung aktiv. Ihre Herzensthemen sind die Rechte der Arbeiterinnen, Entmilitarisierung und die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Sie wird – wie viele ihrer Mitstreiterinnen – unter Dollfuß verhaftet, schließt sich aber gleich nach ihrer Freilassung den „Revolutionären Sozialisten“ an. Von den Nazis ins Konzentrationslager Lanzendorf deportiert, behält sie dennoch ihren Mut und nimmt gleich 1945 ihre Tätigkeit als Nationalrätin wieder auf. Als solche wirkt sie bis 1953 und ist danach noch sechs Jahre stellvertretende Vorsitzende der SPÖ.

DIE GEBILDETE

Therese Schlesinger, geborene Eckstein (1863–1940)

Aufgrund ihres Geschlechts kann Therese Schlesinger zwar nicht an einer Universität studieren, sie nützt als Tochter eines jüdischen Industriellen jedoch die Möglichkeit, Privatunterricht zu nehmen. Der Zugang zu höherer Bildung und den freien Berufen für Frauen ist daher, neben dem Wahlrecht, ihre zentrale politische Forderung. Trotz ihrer bürgerlichen Herkunft unterstützt Schlesinger den sozialistischen Flügel der Frauenbewegung und schreibt für linke Medien wie die „Arbeiter-Zeitung“, „Die Unzufriedene“ und „Der Kampf“. Beim ersten Frauentag am 19. März 1911 ist sie Vorsitzende.

DIE TEMPERAMENTVOLLE

Amalie Seidel, geborene Ryba (1876–1952)

Amalie Seidel trägt von ihrer Kindheit an ein schweres Los: 13 ihrer Geschwister sterben. Sie selbst beginnt früh zu arbeiten und tritt als Jugendliche dem „Arbeiterinnen-Bildungsverein“ bei. In einer Textilfabrik tätig, organisiert Amalie Seidel 1893 den „Streik der 700“, der als erster Arbeiterinnenstreik in die österreichische Geschichte eingeht. Im selben Jahr wird sie für drei Wochen verhaftet – Grund ist die „zu temperamentvolle Teilnahme“ an einer Wahlrechtskundgebung. Im Parlament ist die Jugendfürsorge ihr Fachgebiet, das „Wiener Jugendhilfswerk“ wird auf ihre Initiative gegründet. Eine einmonatige Haft nach den Februarkämpfen 1934 scheint Amalie Seidels Temperament zu brechen: Sie zieht sich für immer aus der Politik zurück.

DIE ARBEITERIN

Maria Tusch, geborene Pirtsch (1868–1939)

Als uneheliches Kind einer Magd und eines Knechts wird Maria Tusch in Klagenfurt geboren. Im Kloster Maria Saal muss sie sich bereits als Siebenjährige ihr Schulgeld verdienen. Später findet sie Beschäftigung in einer Tabakfabrik. Als sie dort die Willkür der Fabrikleiter zu spüren bekommt, wird Maria Tusch in der Gewerkschaft aktiv, schließlich auch als Obfrau der Tabakarbeiterschaft. Laut Biograf Vinzenz Jobst wird sie von den jungen FabrikarbeiterInnen „wie eine Heilige verehrt“. Sie selbst hält nicht viel von Heiligen – aus der katholischen Kirche tritt sie aus. Ihr politischer Einsatz gilt vor allem der sozialen Absicherung von Frauen und Müttern. Von 1920-1934 ist sie Abgeordnete im Nationalrat; unter den ersten Nationalrätinnen ist sie die Einzige, die nicht aus Wien stammt.

Titelbild:
Bei der verfassungsgebenden Nationalversammlung im Parlament in Wien am 3. März 1919 waren erstmals Frauen unter den Abgeordneten: Adelheid Popp, Anna Boschek (erste Reihe v.l.), Therese Schlesinger, Emmy Freundlich (zweite Reihe v.l.), Maria Tusch und Amalie Seidel (dritte Reihe v.l.)

 

Mehr zum Thema:

Das Frauenwahlrecht, ein Meilenstein

Sind die Frauenrechte schon gesichert?

Was zählt, wenn Frauen „volksbegehren“?

Fotos: www.hildegardburjan.at, ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com, Welt-Press-Photo/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Erschienen in „Welt der Frauen“ 11/18