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Sind die Frauenrechte schon gesichert?

Die Debatte um #MeToo lässt viele euphorisch werden: So stark waren Frauen noch nie. Ohne sie geht nichts mehr. Die Zeit des Patriarchats sei vorüber, skandieren die Aktivistinnen weltweit. Ist das Wunsch oder Wirklichkeit?

Es hat mich berührt, als meine Schwester, die früh Kinder bekommen und ein klassisches Frauenleben mit Teilzeitjob und viel Familie gelebt hat, sagte, sie wolle ihre zweieinhalbjährige Enkelin unterstützen in ihrem Selbstwert. Diese solle sich alles zutrauen und nie meinen, etwas sei für sie als Mädchen nicht möglich. Mich hat das berührt, weil es mir in meiner nächsten Nähe gezeigt hat, dass die Botschaft in den Herzen angekommen ist: Als Frau soll, darf, muss mir die Welt so offenstehen wie jedem Mann. In halbwegs liberalen Gesellschaften wie den unseren ist zumindest die Wahrscheinlichkeit hoch, das auch leben zu können. Selbst wenn viele eine Rückwärtsbewegung wahrnehmen wollen. Natürlich gibt es junge Frauen, die sich wieder gerne in einer Versorgerehe binden, und laute Stimmen, die Feminismus und „Genderwahn“ verteufeln. Es war ein Mann, der vor einigen Jahren in einem Artikel die Auffassung vertrat, die heiße Zeit der Gleichstellung von Männern und Frauen komme jetzt. Wenn viele Frauen durch Rechte, Bildung und Vorbilder selbstbewusster geworden sind, werde der Kampf um grundlegende Veränderungen erst wirklich heftig. Da halten wir heute. Wollen Frauen nun für ihre Freiheit und ihren Anteil an der Welt tatsächlich kämpfen – und wenn ja, wie? Der ­#MeToo-Debatte wurde vorgeworfen, bloß plakativ die Vorwürfe von Frauen zu sammeln, aber daraus keine politische Agenda zu machen. Ob das stimmt, bleibt abzuwarten. Viele Frauen in Österreich lehnen nach wie vor den Begriff „kämpfen“ für sich ab. Sie wollen überzeugen, aber nicht, wie der Begriff nahelegt, in Schlachten ziehen. Es hat etwas für sich, nicht jede Verhaltensnorm, die der öffentliche Diskurs propagiert, übernehmen zu wollen. Aber Macht ohne Kampf – und damit ist nicht Gewalt gemeint – ist eine Illusion. Wer ohne Strategie, ohne Verbündete, ohne Ziele in eine Auseinandersetzung geht, wird unterliegen. #MeToo hat ­zumindest in den Dimensionen von Holly­wood eine neue Form der weiblichen Solidarität präsentiert. Wie stark ist diese wirklich? Es war befremdlich, dass die Initiatorinnen von #MeToo nicht zur Golden-­Globe-Gala eingeladen waren. Sich ein schickes schwarzes Kleid anzuziehen, ist ganz sicher weniger mutig, als einen Herrn Weinstein öffentlich zu attackieren. Und natürlich ist es ein Irrtum zu meinen, hinter errungene Rechte gäbe es kein Zurück. Ein Blick in den Nahen ­Osten belehrt uns sofort eines Besseren. In Ägypten war man in den 70er-Jahren als Bikini-Model ein Hit, heute landet man dafür im Gefängnis. In der Türkei war das Kopftuch schon verbannt, heute gilt die Losung, wer keines trage, sei keine gute Türkin. Dass mit dem Backlash in der Türkei auch die Zahl der familiären Morde an Frauen gestiegen ist, sei nur am Rande erwähnt. Was haben die Frauen dort falsch gemacht oder übersehen? Vielleicht das, dass die langfristigen Strategen immer mehr erreichen als die kurzfristig Glücklichen. Der Umbau von Gesellschaften auf ein anderes ­„Mindset“ geht in der Regel langsam, aber stetig vor sich. Frauen sollten daher besonders wachsam sein, welches Frauen­bild ihnen nahegelegt wird, wofür sie gelobt werden und vor allem von wem. Auch wenn Frauen für ihre Kinder (fast) alles tun würden, ist es fragwürdig, sie dafür sehr zu rühmen, ihnen aber weiterhin geringere Pensionen zuzumuten. Wenn Alleinerziehende als politische Leichtgewichte keine Lobby haben, stimmt noch immer etwas nicht. Wenn es Frauen nicht aufregt, dass ausländischen Pflegerinnen die Kinderbeihilfe gekürzt wird, haben sie einen wesentlichen Aspekt von Frauensolidarität noch nicht verinnerlicht. Wenn meine Schwester ihrer Enkelin nachhaltig helfen will, wird sie vielleicht auch einmal für sie kämpfen müssen, also überlegen müssen, wie sie es strategisch anstellt, dass dieses kleine Mädchen in 20 Jahren als Frau nicht mehr darüber diskutieren muss, ob sie alles darf, was sie möchte.

Christine Haiden findet den 8. März als Internationalen Frauentag nach wie vor wichtig.

Der lange Weg von Frauen in der Politik

Heuer feiern wir, dass vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. 1918 war man sich sicher, den entscheidenden Durchbruch geschafft zu haben. Ein Blick in die weitere Geschichte bringt Ernüchterung: Schon in der Ersten Republik waren es nur wenige Frauen, die tatsächlich politische Ämter innehatten. Im anschließenden Ständestaat und im Nationalsozialismus war die politische Bühne für Frauen überhaupt dunkel, in den 50er- und 60er-Jahren feierte das Ideal der braven Haus- und Ehefrau ein Comeback. Erst die 1970er-Jahre läuteten Veränderungen ein. Die Frauenreferate der Bundesländer Niederösterreich, Oberösterreich, Tirol und Vorarlberg haben dazu in Zusammenarbeit mit der Redaktion von „Welt der Frauen“ Broschüren erarbeitet. Diese geben fundierten Einblick in die historische Entwicklung, aber auch in die aktuelle Situation von Frauen in der Politik. Sie können die Broschüren hier bestellen:
NÖ, Tel.: 02742 9005 12989; frauen@noel.gv.at
OÖ, Tel.: 0732 7720 11851; frauen@ooe.gv.at (ab 6. März)
Tirol, Tel.: 0512 508 3581; ga.frauen@tirol.gv.at
Vorarlberg, Tel.: 05574 511 24112; frauen@vorarlberg.at

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Erschienen in „Welt der Frauen“ 03/18

Illustration: www.margit-krammer.at