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10/22

Buchempfehlung: „Das große Brotbackbuch“

Buchempfehlung: „Das große Brotbackbuch“

Wer dieses Backbuch aufschlägt, kann gleich in Ruhe die Rezepte studieren. Niemand muss aufspringen, einen neuen Backofen kaufen, extravagante Zutaten suchen und bestellen, ein Studium der Ernährungswissenschaft belegen oder Schamanen-Seminare buchen.

Der Teig braucht Ruhe, der Teig schenkt Ruhe

Man ist wie man ist, weiß, was man weiß und holt halt mal das Mehl, das man hat. Dann bäckt man los, schaltet den Backofen ein – na ja, den braucht man schon! – und kann sich über selbstgebackenes Brot freuen. Wobei das Freuen wichtiger als die Perfektion des Gebackenen ist, das lernt man im Buch auch nebenbei gleich dazu.

Schlagen wir das Buch doch einmal hinten, auf Seite 317 auf, das entsprechende Kapitel ist mit „Weil auch mal was übrig bleibt: Brotverwertung“ und schon erinnern wir uns an Pofesen, daran, aus altem Brot ja auch Kaspressknödel, Toast aus Schwarzbrot und sogar Müsli machen zu können. Bei Christina Bauer wird nichts weggeworfen, da wird ordentlich gewogen, geschrieben und gebacken. Ordentlich, nicht zwanghaft und besserwisserisch. Es kann das erste Brot sein, dass man mithilfe eines ihrer Rezepte bäckt, und es wird ein gutes Gebäck werden.

Und hätte ich diese Christina als Sportlehrerin gehabt, welche Karriere hätte ich doch hingelegt, so viel Ermunterung und Zutrauen in zwei Sätzen ist unglaublich. Insofern ist es auch allen PädagogInnen empfohlen, als Beispiel dafür, wie man mit AnfängerInnen umgeht, sie mitnimmt auf die Reise, Ziele in Aussicht stellt und diese, wie die Backzutaten, richtig bemisst. Die Expertin will nicht hoch hinaus und sich beweisen, ihr Ziel ist es, dass möglichst viele mitkommen und mitkönnen. Fehler lassen sich ausbessern, der nächste Teig wird besser, was nicht heißt, dass hier keine Fehleranalyse ansteht, dazu schreibt Christina Bauer gleich mehrere Seiten.

„Für alle, die noch nie Brot gebacken haben: Probiert es aus! Ihr werdet sehen: Es ist so schön, etwas mit eigenen Händen zu schaffen, es macht Spaß, immer wieder neue Rezepte auszuprobieren und verschiedene Variationen auszutesten – und es macht zufrieden, glücklich, einfach: satt.“
Seite 6

Das Startrezept auf Seite 10 ist in Wort und Bild (Fotos) einfach erläutert, man kann also gleich losbacken. Auch die „Siebensachen“ sind im Folgekapitel aufgelistet. Wie man den Teig kneten, rasten und dann weiterverarbeiten soll, ist einfach wie präzise gesagt: Die einzelnen Schritte sind wieder mit Fotos erklärt, da kann eigentlich nie etwas schiefgehen. Schauen und lesen muss man halt schon. Die Erläuterung der Germteige ist für AnfängerInnen wie Fortgeschrittene lesenswert, da ist keine Neunmalkluge, die einem etwas von oben herab erklärt, sondern eine Praktikerin, die Schritt für Schritt erläutert, Tipps gibt und ermuntert.

Wer meint, das Backbuch ist staubtrocken, der genieße einfach wie exemplarisch die Kapitelüberschrift „Gekommen, um zu bleiben: Dein Sauerteig fürs Leben zieht bei dir ein.“ Auf geht’s dann zum Kleingebäck, zu den Weckerln, dem süßen Germteig, den Rezepten für Pita, Kartoffelteigpizza und anderes Fingerfood. Dass „Brote, die von Herzen kommen“ ein eigenes Kapitel erhascht haben, freut alle, die gern Selbstgebackenes Verschenken und wenn nicht an andere, dann einfach an sich selbst. Da hat eine viel Liebe in sich, die sehr großzügig verteilt, wie ihr Wissen und ihre Erfahrung. Dass manchmal ein Brot nicht so will, wie man selbst, stärkt die Resilienz. Backbuch und Lebensratgeber in einem, besser geht es doch einfach nicht: „Sollte es einmal nicht so laufen wie geplant, dann bist du damit auch nicht alleine.“

Bild- und Textgestaltung sind durchdacht wie auf sehr hohem Niveau, das immer wieder eingestreute „Backwissen plus“ erfreut ebenso wie die klaren Angaben um Backzeit und Backtemperatur, die nicht mithilfe einer Detektei erst gesucht werden müssen. Da ist nichts dem Zufall überlassen! Und daher kann es auch so locker zugehen in diesem Buch mit Tiefgang und voller Lebensfreude! 

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Back-, Lese-, Sach- und Bilderbuch für Erwachsene links liegen lassen:

die Freude, über 120 Rezepte studieren zu können, den Impuls, selbst Brot, Weckerl, Süßes zu backen, Informationen über vier geniale Grundteige, ein sehr systematisch aufgebautes wie kreativ gestaltetes Buch mit Register, übersichtlich angelegten Kapitel, Bekanntschaft mit einer Bäckerin, die zeigt, wie sinnlich Brotbacken ist und wie leicht sich Rezepte nach Belieben anpassen lassen, die Gelegenheit, jemandem beim freudigen Tun auf 279 Seiten zuzusehen.

Christina Bauer

Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern auf dem Bramlhof im Lungau, die Liebe zum Brotbacken hat sie ihrer Schwiegermutter zu verdanken. Die Autorin, die der Liebe wegen im Lungau blieb und nicht, wie sie es sich seit der Kindheit vorgenommen hatte, zum Medizin-Studium nach Graz ging, ist eine der bekanntesten Salzburger Bäuerinnen. Sie gibt sehr erfolgreich Backkurse, ihre Backbücher sind allesamt Bestseller, ihr Blog wird viel gelesen.

 

Christina Bauer
Das große Brotbackbuch.
Mit Fotografien von Nadja Hudovernik.
Innsbruck: Löwenzahn Verlag 2022.

 

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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