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Das f geht in den Keller

Trotz aller Mühen, die wir Eltern fürs Homeschooling aufbringen: Die Kinder vermissen ihre Lehrerinnen. Und das ist auch gut so.

Drei Wochen Homeschooling: check. Ich habe mir viele Dinge am Anfang ganz anders vorgestellt, schlechter, wie zum Beispiel die Gewissenhaftigkeit der Kinder. Sind sehr drauf bedacht, alle Aufgaben zu erfüllen, auch wenn sie freiwillig sind. Machen bunte Häkchen auf ihren niedlichen To-Do-Listen und fragen fast nie, ob sie was spielen gehen dürfen, bevor nicht alles erledigt ist.

Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass sie sich von uns Eltern Dinge so gut erklären lassen, ist ja sonst nicht selbstverständlich. Augenrollen, „Weiß-ich-eh“, „Och, Mama, bitte!“ oder gleich Bleistifte schießen oder Zettel zerreißen, haben wir sonst schon oft gehabt. Zurzeit: lauschende Lämmchen.

Was mich aber irritiert: Ich fühle mich zunehmend wie ihre Lehrerin. Mir ist sogar aufgefallen, dass ich neben meinem normalen einen eigenen, „lehrerinnenhaften“ Ton entwickelt habe, in dem ich Dinge sage wie „schau her, das f geht biiis in den Keller, gaaaanz hinunter“ oder „hm, jetzt überlegen wir einmal gemeinsam: Ein Kilogramm sind wie viele Dekagramm?“ Und das in dieser sanften Stimmlage, in der ich sonst älteren Menschen erkläre, was Podcasts sind oder „ein Instagram“.
Diese Stimmlage gefällt mir nicht. Ich bin nicht die Lehrerin.

Meine beiden Söhne haben das riesige Glück, zwei der besten Lehrerinnen der Welt erwischt zu haben. Ich schreibe das aus voller Überzeugung (und nicht, weil sie hier mitlesen). Die beiden sind wichtige Bezugspersonen für meine Kinder. Sie sind nach uns Eltern jene Menschen, mit denen sie am meisten Zeit verbringen. Sie fehlen ihnen ganz furchtbar in dieser Zeit. Und das ist auch gut so.

Sie sehen, hören oder lesen ihre Lehrerinnen täglich, weil sie im Online-Chat sind, Videobotschaften oder Nachrichten schicken. Die Söhne bekommen für ihre Arbeiten Feedback und aufmunternde Worte. Sie bekommen ein Buch vorgelesen, jeden Tag ein Kapitel! Die Lehrerinnen sagen ihnen, wie sehr sie sie vermissen und dass die Schule ohne die Kinder ganz furchtbar leer und einsam ist.

Aus Gesprächen mit Freundinnen, Freunden und Schwägerinnen weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist: Viele Kinder haben vor drei Wochen einen Stapel Kopien empfangen und seither keinen Pieps von ihren Lehrerinnen oder Lehrern gehört. Das finde ich nicht gut. Wir Eltern können die Lehrerinnen und Lehrer nicht ersetzen. Wir können unsere Stimmen verstellen und gaaanz geduldig die Schreibschriftübungen überwachen. Aber die fehlende Person im Leben unserer Kinder, die sind wir nicht.

Ursel Nendzig

lebt mit Mann und zwei Söhnen (7 und 9 Jahre alt) in Wien, Stadtrand.
Nervenstatus: geduldig bis gespielt geduldig. Irritiert ob einer neu entdeckten Stimmlage.
www.urselnendzig.at

Foto: Stefan Knittel

Über Welt der Frauen

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