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12/22

Buchempfehlung: „Das Buch vom Dreck“

Buchempfehlung: „Das Buch vom Dreck“

So klug wurde die jahrtausendealte Geschichte von Dreck, Krankheit und Hygiene selten erzählt. Keine Angst, hier gibt es keine „dreckigen Witze“, nur sauberen, kultivierten Humor, aber den im großen Haufen!

Wo alle stinken, riecht keiner

Dieses Zitat stammt von Bernhard von Clairvaux, seines Zeichens Philosoph und Theologe. Es ist auf der siebten Seite eines genialen Sachbuchs angeführt: Zuvor geht es in der Einleitung um die Hygiene, also ums Händewaschen, Duschen, Zähneputzen, Baden sowie die Form der Toilettenbenutzung. So richtig zur Sache geht es hier eben und das auf hohem Textniveau mit ebenso künstlerisch anspruchsvollen wie dynamisch-witzig-ironischen Illustrationen. Die Zeit, in der Sachbücher wie dieses „für Kinder“ waren, ist zum Glück vorbei: Jetzt sollten es sich auch Erwachsene „rein“ – oh, wie schön das Wort in einem Buch über Dreck doch wirkt! – für sich allein kaufen. Vielleicht dürfen dann die Kinder, Nachbarskinder oder Enkel auch reinschauen. Ob mit sauberen Händen oder einfach so, das entscheiden Sie, liebe Leserinnen und Leser, nach der Lektüre einfach selber!

 

„Ich kann mir problemlos eine Welt ohne Generäle und berühmte Herrscher vorstellen, ohne bis an die Zähne bewaffnet Armeen. Viel schwieriger ist es aber, mir eine Welt ohne funktionierende Toiletten, ohne Abwassersystem und Wasser aus der Leitung vorzustellen.“
Vorwort von Piotr Socha

Mich beeindruckt vor allem das auf Seite 13 beginnende Kapitel „Dreckige Sprache“, führt es doch zur Reflexion über den Sprachgebrauch und die Zuschreibung, die man mit Ausdrücken wie „Dreckspatz“, Schmutzfink“, „Pissnelke“ oder, um auch ein wenig politisch zu werden, mit „Schweinerei“ oder „Sau“ vornimmt. Es soll schon vorgekommen sein, dass Firmen Geld waschen, dass sich viele die Hände in Unschuld waschen und der Meinung sind, dass Geld nicht stinke. Schön, wenn bei Auseinandersetzungen dann auch keine „schmutzige Wäsche gewaschen“ wird: Wenn heute Menschen vom „stillen Örtchen“ reden, andere vom Häusl oder Lokus, dann wird klar, dass es rund ums Ausscheiden viele Euphemismen und andererseits klare Ansagen gibt. Das Kapitel „Sauberkeit im Schatten der Pyramiden“ erläutert, dass bereits im „Alten Ägypten“ Wert auf Sauberkeit, Hygiene und damit auf Gesundheit gelegt wurde. Ägyptische Frauen erfanden übrigens die ersten Tampons, indem sie Papyrosblätter einweichten und aufrollten. Die weitere Verwendung kennen wir ja. Schön ist auch zu erfahren, dass sich in Ägypten alle, Männer, Frauen, Kinder, Arme und Reiche schminkten, Schminke hatte damals eine magische Bedeutung. Wir werden Kajal und Rouge in unseren Spiegelkästen mit neuer Faszination begegnen, mit leichtem Ekel die Zeit der Renaissance und Aufklärung (16. – 18. Jahrhundert) betrachten und begreifen, woher die Redensart, das Hemd sei einem näher als der Rock, kommt.

Und wie waschen sich jetzt Astronauten? Falls einmal eine Leserin dieser Zeilen eine Astronautin werden möchte, hier die Antwort auf Seite 190 des Buches: „Astronauten waschen sich, indem sie ihre Haut mit einem Handtuch abwischen, das mit Wasser und Flüssigseife angefeuchtet ist.“

So klug wurde die jahrtausendealte Geschichte von Dreck, Krankheit und Hygiene selten erzählt. Keine Angst, hier gibt es keine „dreckigen Witze“, nur sauberen, kultivierten Humor, aber den im großen Haufen!

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses traumhafte Sachbuch nicht angreifen:

griffige, gut aufbereitete Informationen; tiefe Einsichten in schmutzige Redewendungen, die Hygiene während der Jahrhunderte; unterschiedliche Hygieneauslegungen; Humor; neue Freude an der Hygiene; Wissen darüber, wie sich Astronauten im Weltall waschen!

Monika Utnik-Strugala

geboren 1981, Co-Autorin des Sachbuchs, ist sehr erfolgreich als Autorin, Journalistin und Redakteurin tätig.

Piotr Socha

geboren 1966, lebt und arbeitet in Warschau, er ist Grafiker und Illustrator von Bilderbüchern, er gilt als einer der beliebtesten Cartoonisten Polens und ist im deutschen Sprachraum durch seine Sachbücher bekannt.

Piotr Socha; Monika Utnik-Strugala
Das Buch vom Dreck.
Eine nicht ganz so feine Geschichte von Schmutz, Krankheit und Hygiene.
Aus dem Polnischen von Dorothea Traupe.
Gerstenberg Verlag.

 

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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