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Dann zoomen wir eben!

Die Sehnsucht wächst – nach Umarmungen, die nicht nur „Kontakte“ sind und nach Freundesrunden und Familientreffen, die nicht von einer stabilen Internetverbindung abhängig sind.

Zu Beginn der ganzen Coronasache habe ich mich gefragt, wie ich jetzt eigentlich dazu stehe. Habe in mich hineingehorcht, ob da grade Angst oder welches Gefühl auch immer hinaufkriecht. Immerhin hatte ich eine Menge im Kopf – von Germteigrezepten bis zu Weltkriegsszenarien war so ziemlich alles dabei. Dann ist mir dieser schöne Spruch von Karl Valentin eingefallen: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“ Ich habe beschlossen, optimistisch zu sein. Auch wenn ich merke, dass auch dieser Optimismus gewissen Wellenbewegungen unterworfen ist. Und dass Teile dieser heiteren Grundeinstellung vielleicht auch einfach dem Umstand geschuldet sind, dass ich recht wenig Zeit zum Zeitunglesen und Fernsehen habe und manches gar nicht mitbekomme. Ich öffne mittlerweile den Geschirrspüler häufiger als meinen Laptop und schiele morgens sehnsüchtig zur Tageszeitung. Auch meine recht ausgeprägte Podcastleidenschaft pausiert. Irgendwann – „wenn Corona vorbei ist“, wie die Kinder sagen – werde ich dann alles nachhören und nachlesen, wohl noch bevor ich zum Friseur gehe.

Jetzt sind erst einmal Ferien – oder so. Es sind seltsame Ferien, die sich nicht wie Ferien anfühlen und gleichzeitig wieder ganz extrem nach Ferien. Eigentlich wollten wir gerade Skifahren, was doppelt absurd wirkt, weil die Kinder jetzt den ganzen Tag in der Badehose herumrennen. Der April fühlt sich eher wie ein Juli an und die weltweite Krise wie ein schlechter Aprilscherz, der leider doch keiner ist.

Und doch sind die Ferien eine willkommene Insel in den vielen immergleichen Tagen. In unserer Familie bin wahrscheinlich ich am glücklichsten darüber, dass das Homeschooling gerade Pause macht und merke, wie anstrengend das tägliche Motivieren und Geduldigsein doch ist.

Nach den Phasen der ersten Wochen – der Wir-kriegen-das-hin-Euphorie, der Homeworking-Homeschooling-Homecleaning-Überforderung, dem abgeklärten So-ist-es-jetzt-Realismus – befinde ich mich gerade in der Zoom-Phase, dem internetgestützten Kontakt zur Außenwelt. Begonnen habe ich das Videokonferenzieren harmlos mit beruflichen Interviews, es folgte abendliches Yoga, mittlerweile zoomt die ganze Familie, und wir sehen auf diese Weise viele, die uns lieb sind. Das hat mich dazu veranlasst, meinen vor Wochen weggerräumten Kalender doch wieder hervorzuholen und für mehr Übersicht unsere Videokonferenztermine einzutragen. Gestern waren eine 40er-Party und danach die Verwandten in Italien auf dem Programm, und es tut wirklich gut, sich wieder einmal zu sehen und miteinander zu lachen.

Wenn ich jetzt in mich hineinhöre, macht sich schön langsam Sehnsucht breit – nach einer alten oder neuen, jedenfalls normaleren Normalität und nach entspannten Treffen, die dann nicht mehr „Kontakte“ heißen.

Foto: In der „Wenn ich ein Vöglein wär“-Schale von Textpoterie aus dem Mühlviertel liegen zwei Eier, natürlich gefertigt im Homeschooling-Werkunterricht.

Julia Rumplmayr

lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen (5 und 7) in einem Haus mit Garten im Mühlviertel.
Nervenstatus: Frühjahrsmüdigkeit und Frühlingsgefühle.
www.juliarumplmayr.at | www.linzerkind.at

Foto: Alexandra Grill

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