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Columbo & Miss Marple

Mordsmäßig erholsam: Es braucht ein Gegengift gegen MS-Teams, Zoom und Facetime.

Es ist Ihnen vielleicht auch schon aufgefallen. Wir haben alle miteinander in den letzten Wochen unser Privatleben in die Auslage gestellt. Via Zoom und MS-Teams glotzen uns Wildfremde ins Wohn- und Kinderzimmer. Feierabend gibt’s nicht mehr, weil SMS und WhatsApp-Nachrichten, die unsere Arbeit betreffen, uns jederzeit ereilen können und nach sofortiger Beantwortung schreien. Schüler meines Mannes fragen via Facetime nach dem Bild, das hinter ihm an der Wand hängt, während er online seine Fern-Gitarrenstunden gibt, und sogar ich, die ich allem Elektronischen so abhold bin, dass ich wahrscheinlich irgendwann im Naturhistorischen Museum als Fossil ausgestellt werde, habe meine ersten Videokonferenzen hinter mir und stelle mir die Frage, ob ich noch rasch den Wäscheständer, der hinter meinem Schreibtischsessel steht, wegtragen soll, bevor ich auf „An MS-Besprechung teilnehmen“ drücke.

Ich geb’s zu. Mir geht das alles zu schnell. Für meinen Geschmack schreit dieses beschleunigte Virtualisierungsprogramm nach einem wirksamen Gegengift. Und dieses führen wir uns dieser Tage zu dritt in Form von alten Columbo-Folgen und noch älteren Agatha Christie-Filmen zu. Mein Mann schwört seit vielen Jahren auf die beruhigende, einschläfernde Wirkung von Peter Falk in seinem zerknautschten Trenchcoat. Oder auf Miss Marples unverdrossenen amateurdetektivischen Spürsinn.

Jetzt plötzlich gesellen wir uns abends gern zu ihm. Die Filmschnitte sind langsam, die Dialoge endlos, die schwarzen Bakelit-Telefonapparate, an die Columbo gerufen wird, sind riesig, stehen fest auf kleinen Tischchen und haben gemütliche Wählscheiben. Wer den Mord begangen hat, weiß man als Zuschauer stets von Anfang an. Miss Marple trägt draußen Tweet, beherrscht alles vom Fechten bis zum Kunstreiten, und die Kamera verweilt mitunter erholsam lang auf ihrem skeptisch blickenden Altfrauen-Gesicht in Schwarz-Weiß.

Es geht um Mord, und trotzdem wirkt alles so unsäglich harmlos und kuschelig. Columbo und Miss Marple. Miss Marple und Columbo:
Zur Nachahmung empfohlen, weil mordsmäßig erholsam!

Julia Kospach

lebt mit Mann und Tochter (10) in einer Wohnung in Bad Ischler Ortsrand-Alleinlage umgeben von Wiesen und Wald.
Nervenstatus: heiter bis wolkig mit gelegentlichen starken Entladungsgewittern.

Foto: Rita Newman

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