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01-02/24

Buchempfehlung: „Sommersonnenwende“

Buchempfehlung: „Sommersonnenwende“

Kommissar Tomas Wolf liebt seine Frau und seine Kinder. Seine Zeit in Stupni Do in Bosnien-Herzegowina im Oktober 1993 kann er dennoch nicht vergessen.

Kroaten hatten das Dorf in Bosnien-Herzegowina überfallen und mit Kerben in ihren Kalaschnikows markiert, wie viele Menschen sie bereits getötet hatten. Inmitten von Schutt, Asche und Zerstörung lernte Tomas Wolf damals eine Frau kennen: Azra. Jetzt will er mit seiner Frau Klara endlich ein Haus kaufen, doch die Anzahlung dafür hat er seinem Bruder geliehen, der wieder einmal in Schwierigkeiten steckt. Immer wieder wird der Kommissar von seiner Vergangenheit eingeholt oder überholt: Alkohol und Gewalt. Einst steckte er selbst mittendrin, auch er hat Gewalt gegen Schwächere ausgeübt.

Als ob diese Zerrissenheit nicht ausreicht, entwirft das Autorenduo noch eine andere hochgradig sensible wie zerrissene Person: Vera Berg, die ihren gewaltbereiten Partner verlassen und dessen Sohn, den sie liebt, mitgenommen hat. Als Journalistin hat auch sie Dreck am Stecken, immerhin hat sie ihren Quellen viel Geld gegeben – und na ja, nicht immer hat sie sauber abgerechnet. Doch jetzt hat sie eine neue Chance, eine strenge Chefin und einen Haufen neidischer Kollegen. Da kommt der Mord an einer jungen Frau wohl gerade zum richtigen Zeitpunkt: Vera Berg erkennt Zusammenhänge, ermittelt, dass das Opfer auch vergewaltigt worden ist, und beginnt ihre Spurensuche.

Dass der Kommissar und Azra mittlerweile ein Liebespaar sind, dass Azra in Schweden/Stockholm ist, dass Vera mehrfach bedroht wird, all das lässt einen 587 Seiten „durchhalten“. Man will, dass die Gerechten, die Guten gewinnen. Man will, dass Vera Berg und ihr kleiner Schützling in Ruhe in Stockholm leben können, dass Tomas Wolf mit seiner Familie glücklich wird oder sich zumindest anständig trennen kann, sich seinen Bruder vom Hals halten kann.

„Vera sah den Jungen an, den sie ihren Sohn nannte. ... Das war das Letzte, was sie im Leben sehen würde. Und es gab nichts, was sie lieber gesehen hätte.“
Seite 565

Vera überlebt, der Junge überlebt, Tomas Wolf überlebt – irgendwie geht es für sie alle weiter und das ist beinahe schon Glück.

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Thriller nicht lesen:

kaputte Menschen mit einem großen Herzen, sozialen Aufstieg und all die damit verbundene Unsicherheit, Neonazis in Schweden, Ausländerhass in Schweden, Traumatisierungen, ein Zusammenspiel von Liebe, Leidenschaft und den eigenen Grenzen des Verkraftbaren.

Pascal Engman:

Autor und Journalist, feierte mit „Der Patriot“ sein Thrillerdebüt und ist einer der beliebtesten Krimiautoren Schwedens.

Johannes Selåker:

ist Journalist, Nachrichtenleiter und Chefredakteur mehrerer großer Zeitungen. 2017 leitete er eine der größten #MeToo-Untersuchungen.

Pascal Engman & Johannes Selåker:
Sommersonnenwende.
Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann.
Berlin: Ullstein 2023.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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  • Veröffentlicht: 27.12.2023
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