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09/23

Buchempfehlung: „Rondo Veneziano“

Buchempfehlung: „Rondo Veneziano“

Drei hochgebildete, lebenserfahrene, ehemalige Schulkolleginnen treffen sich zufällig in Venedig und versuchen, einen mysteriösen Unfall in einem imposanten Palazzo aufzuklären. Dabei schickt Autorin Susanne Ayoub nicht nur ihre drei Protagonistinnen auf Irrfahrten, sie lässt auch ihre Leserinnen und Leser viele falsche Fährten beschreiten.

Tod in Venedig und andere Lügen

Widerwillig, ungern, widerständig und sogar ein wenig grantig gehen die drei ehemaligen Schulfreundinnen Adele, Chris und Biggi auf ihre Pensionierung zu.

„Chris hatte ihr ganzes Arbeitsleben unter den Sonntagnachmittagen gelitten. Ihre Verstimmung kündigte sich oft schon beim Aufstehen an. An den Vormittagen hatte sie sich immer ein Programm gemacht, einen Stadtspaziergang, eine Ausstellung, eine Schubertmesse, manchmal einen Ausflug.“
Seite 97

Doch jetzt spukt Adele in Chris’ Kopf. Sie ärgert sich über die dynamische Zahnärztin, die aufbricht, um ihrer wohlhabenden wie sturen Wahltante Pauline zur Seite zu stehen. Pauline soll angeblich in ihrem Palazzo in San Polo gestürzt und so unglücklich gefallen sein, dass jede Hilfe für sie zu spät kam. Doch wer mag diese Darstellung schon glauben? Der Prolog erzählt von Paulines Gedanken nach ihrem Sturz, sie hört die Stimme von Lauro und weiß nicht, wie nah sie ihrem Ende ist. Aber vielleicht trügen die ersten Anzeichen des Verbrechens? 

Gekonnt zeichnet Susanne Ayoub die drei so unterschiedlichen Frauen, nimmt auch auf die ältere Generation Bezug, allen voran auf Pauline: Ab welchem Alter werden Frauen auf der Straße unsichtbar? Und wie geht es eigentlich Biggi, die ihre Boutique in der Praterstraße schließen muss? Perfekt ist auch, dass Chris ihren Platz bei den Städtischen Büchereien räumen muss, schließlich hat sie die Altersgrenze erreicht. Drei Frauen erkennen schlagartig, wie sehr sie über 40 Jahre für ihre Arbeit gelebt und wie wenig Beziehung sie zu ihren nächsten Verwandten, also ihren Kindern und Enkeln, haben.

Ein zufälliges Treffen auf einem Vaporetto bringt die einstigen Schulfreundinnen wieder zusammen. Sie folgen unterschiedlichen Spuren, eine davon führt sie auf die Insel San Lazzaro in der Lagune. Diese Insel ist viel kleiner, als Adele vermutet hat, ihr größter Teil wird vom Mechitaristenkloster und dessen Gärten eingenommen. Dort treffen sie die Assistentin eines Verdächtigen, Pia Grunsky, die den drei Freundinnen ein Geheimnis verrät. Sollte Tante Pauline ein Spiel mit ihnen treiben?

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen perfekt recherchierten Kriminalroman nicht lesen:

Witz, historischen Hintergrund, drei liebenswerte Charaktere, Aufbrüche in der Pension, Widerstand gegen Rollenzuschreibungen, Kulinarik in Venedig wie auch in Wien, intelligente Dialoge, die niemals in Geschwätz ausarten.

Die Autorin:

1956 in Bagdad geboren, lebt heute in Wien, wo sie als mehrfach ausgezeichnete freie Autorin und Regisseurin für Radio und Film tätig ist. Bisher erschienen neben zahlreichen Drehbüchern, Theaterstücken und Hörspielen auch fünf Romane sowie mehrere Gedichtbände von ihr.

Susanne Ayoub:
Rondo Veneziano. Kriminalroman. 
Meßkirch: Gmeiner Verlag 2023.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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