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03/24

Buchempfehlung: „Reykjavík“

Buchempfehlung: „Reykjavík“

Ein 15-jähriges Mädchen, Lára, verschwindet 1956 auf einer kleinen Insel von seinem Ferienjob. Lára gilt als sehr pflichtbewusst, ihre Eltern können nicht glauben, dass ihre Tochter die Arbeit einfach hingeschmissen und sich in ein Abenteuer gestürzt hat. Wie hätte sie außerdem von der Insel wegkommen sollen?

Wenn schmuddelige Netzwerke zusammenkrachen

Dass das Ehepaar, bei dem das junge Mädchen gearbeitet hat, bestens vernetzt und wohlhabend, einflussreich und irgendwie in seiner Abgehobenheit unheimlich ist, lässt die interessierten und im Aufspüren der richtigen Fährten erfahrenen KrimileserInnen aufhorchen. Und richtig: Zuerst findet ein sehr engagierter junger Polizist einige Ungereimtheiten, später nimmt Valur, ein junger, ambitionierter Journalist die Spur Láras wieder auf. Damit verhilft er der Zeitung, für die er arbeitet, zum Aufschwung und sich selbst zu einer Art von Berühmtheit: Island vergisst seine vermissten Kinder nicht. Láras Eltern haben ihre Hoffnung aufgegeben, sind aber bereit, der Schwester Valurs nach dessen Tod – er wurde vor einen Bus gestoßen – ein Interview zu geben. Auch seine Freundin will unterstützen, ist ihr Vater doch der Ex-Justizminister und bestens mit den ehemaligen ArbeitgeberInnen der Verschwundenen „verbandelt“.

„Sie dachte daran, wie sehr sie es vermisste, die Kinder um den Tisch zu haben. Sie kamen immer noch gern zum Sonntagsbraten und brachten ihre Familien mit, und das war stets der Höhepunkt von Ölöfs Woche, wenn sie sich ausgiebig mit den Kindern unterhalten und mit den Enkeln spielen konnten.“
Seite 83

Das Verleugnen einer Straftat führt zu tragischen Lebensverläufen: War man damals jung, so war man doch nie so unschuldig, dass eine versuchte Vergewaltigung damit zu rechtfertigen ist. Aber man hielt zusammen, das war damals so und auch heute ist es so. Ein Roman, der aufgrund der Hartnäckigkeit der Ermittlerinnen und Ermittler überzeugt. Die einen lügen wie gedruckt, die anderen versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen, und die Macht, die ist leider auch in Island ungleich verteilt: Macht und Geld scheinen übermächtig, der Polizist wird verhöhnt, der Journalist getötet und dessen Schwester gern als paranoid eingestuft. Am Ende siegt aber doch die Wahrheit. Und Láras Eltern erfahren Gerechtigkeit – das lässt einen beruhigt zurück.

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Kriminalroman nicht lesen:

Schärfung des Gerechtigkeitssinnes, Wut und Groll auf Männerseilschaften und Lügennetze, in denen Frauen eifrig mitarbeiten, das feine Gespür für gute Recherche und eine besondere Bruder-Schwester-Beziehung, Spott und tiefes Vertrauen inklusive. Schade, dass Valur sterben musste, ich hätte ihn gern über die alten weißen Männer triumphieren gesehen.

Ragnar Jonasson:

1976 in Reykjavik geboren, ist Schriftsteller und Investmentbanker in Reykjavik, wo er an der Universität Rechtswissenschaften unterrichtet. Seine Romane wurden in 21 Sprachen übersetzt.

Katrin Jakobsdottir:

1975 geboren, studierte „Isländische Literatur“ und ist seit 2017 Premierministerin, davor war sie mehrere Jahre Bildungsministerin.

Ragnar Jonasson, Katrin Jakobsdottir: Reykjavik.
Aus dem Englischen von Andreas Jäger.
München: btb 2023.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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  • Veröffentlicht: 25.02.2024
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