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09/23

Buchempfehlung: „Ein Ort namens Wut“

Buchempfehlung: „Ein Ort namens Wut

Punktgenau zeigt Amani Abuzahra auf, wie Alltagsrassismus gegenüber jenen Menschen, die über Jahre hier in Österreich/Deutschland leben und arbeiten, funktioniert. Und nein, das ist keine Ausländerfeindlichkeit, das ist Rassismus, auch hier sollte man genau sein!

Emotionale Landkarten

Der kleine Hamza wird im Kindergarten „Hamster“ genannt, weil man seinen Namen nicht aussprechen könne. Die Autorin wird immer wieder penetrant nach ihrer Herkunft gefragt, da ihre erste Antwort „Amstetten“ und ihre zweite Antwort „Gmunden“ nicht ausreichen, immer ist da dieses „Eigentlich“, mit dem Grenzen der Privatheit überschritten werden.

Bei der Lektüre, und das heißt auch beim Lesen dieser genauen Auflistungen der vielen Mückenstiche, denen Menschen ausgesetzt werden, fand ich einen für mich neuen Begriff, nämlich den der „Mikroaggressionen“: Eine Person/Frau/Muslima wird am Flughafen blöd angeredet, sie wehrt sich, andere helfen ihr, sie alle werden als „aggressiv“ bezeichnet und damit abgewertet. Denken wir an den Alltag: Wie fragen Bio-ÖsterreicherInnen doch so häufig wie ungeniert Menschen? „Warum sprichst du so gut Deutsch?“ Oder: „Darf ich deine Haare angreifen?“

„Wut wird zum Gradmesser für Ungerechtigkeit, Grenzüberschreitungen, Ausgrenzung, Behördenversagen und Ausschluss. Menschen, die marginalisiert werden, und jene, die zwar nicht selbst betroffen sind, aber dieses Unrecht spüren, empfinden angesichts dieser Umstände Wut und finden sich an diesem Ort wieder, der auf der emotionalen Landkarte anzeigt: so nicht!“

Die hier entworfene Landkarte zeigt Wut, Trauer, Scham und auch Hoffnung auf. Im Buch skizziert die Autorin, wie man Räume für Trauer und Wut schaffen könne, die dann auch Räume für Schmerz und Heilung sind, denn das Unsichtbare sichtbar zu machen, sei Teil der Emotionsarbeit wie der antirassistischen Arbeit.

„Einschneidende, wiederkehrende Erfahrungen mit Rassismus prägen uns, schreiben sich in unsere Biografien, Körper, Sprache ein. Nicht die Reaktionen darauf, nicht die Wut ist das Problem, sondern die Ursache, die wiederkehrenden – unseren Frieden unterbrechenden – Rassismuserfahrungen sind das Problem.“

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Plädoyer für das Ernstnehmen von Gefühlen/Rassismus nicht lesen:

Aufklärung, klare Gesellschaftsanalysen, Erkenntnisse darüber, wie Sprache Wirklichkeiten schafft, emotionale Landkarten der Marginalisierten und das Begreifen des Zusammenhangs zwischen Rassismus, Wut und Widerstand.

Amani Abuzahra:

ist promovierte Philosophin, sie arbeitet als Wissenschaftlerin, aktuell als Postdoctoral Researcher an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien, Public Speakerin und Expertin für antimuslimischen Rassismus in Österreich. Empowerment ist einer ihrer Schwerpunktansätze, ebenso das Dekonstruieren von Vorurteilen.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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