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Zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu unförmig. Irgendetwas ist immer falsch. Der perfekte Körper, so die gesellschaftliche Norm, ist dünn.
Wer dick ist, spürt oft gnadenlos, was die anderen denken – und, nackt vor dem Spiegel, was der innere Kritiker sagt. Die Fotografin Michaela Kölle hat sich selbst fotografiert und ihre Gedanken dabei niedergeschrieben.

Irgendwie fehlen mir die richtigen Worte. So vieles hat sich verändert in meinem Leben seit Beginn dieses Projektes: der Blick auf dieses Körperthema, auf mich oder auf meine Umwelt … Wenn ich mir heute vorstelle, dass ich mich 15 Jahre lang nicht nackt im Spiegel angesehen habe, nicht einmal flüchtig, kann ich es nicht mehr verstehen. 

Ich hatte Angst vor meinen Gefühlen und Gedanken.

Im September 2018 begann ich, mich mit meinem Körper auseinanderzusetzen. Mich anzuschauen. Mich zu sehen. Mich zu fotografieren. Dieses Drama, das sich da auftat, überforderte mich sehr schnell. Meine Vorwürfe, diese Scham, diese Gefühle! Es war kaum zu ertragen und beschäftigte mich 24 Stunden am Tag.

Dieses bohrende Selbstmitleid, das Hängenbleiben in alten Mustern und Erlebnissen, dieses „Warum ich?“. Es machte mich fertig. Ich verrannte mich völlig in meinen Empfindungen und gab mich auf. Schnell war klar: Ich musste erst mit mir selbst fertigwerden, bevor ich bei meinem Projekt weiterfotografierte.

Ich musste sehen und wahrnehmen, was da passierte, und einen Weg finden.

„Wie geht es anderen Menschen mit dem Thema?“, fragte ich mich. Dokus, Zeitungsartikel, Interviews und Gespräche mit Frauen und Männern gaben mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie machten mir Mut, beim Thema zu bleiben, nahmen mir die Angst und bestärkten mich darin, mich meinem Inneren zu stellen. Mich anzunehmen, mir zu verzeihen.

Die Vergangenheit ruhen lassen

Dieses Projekt: die Fotos zu machen, zu recherchieren, zu reden, das Vorzeigen der Bilder, die Rückmeldungen – all das war mit Liebe, Spaß, Mut, Angst, Tränen und Wertschätzung verbunden. Es hat mich verändert. Mein Leben ist endlich. Ich möchte es nicht damit verbringen, mich jeden Tag zu hassen, weil ich so bin, wie ich bin.

Der Norm entsprechen müssen

Durch den gesellschaftlichen Druck, die Meinung anderer, haben immer mehr Menschen ständig das Gefühl, etwas an ­ihrem Körper optimieren oder sich an­passen zu müssen. Nur nicht anders sein. Immer gut aussehen, modisch, schlank und voller Elan. Natürlich 150 Prozent in der Arbeit geben. Genau in diesen Gedanken liegt das Problem.

Umfragen zufolge mögen über 90 Prozent der Frauen ihren Körper nicht, so wie er ist. Bei Männern ist der Anteil wesentlich geringer, nimmt aber stetig zu. Eine gestörte Beziehung zum eigenen Äußeren ist keine Domäne des weiblichen Geschlechts. Bilder werden bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet, bevor sie ins Netz gestellt werden. Durch Sendungen wie „Next Topmodel“ wird jungen Menschen suggeriert, dass sie nicht genügen, so wie sie sind. Egal worum es geht, man hat ständig das Gefühl, man könnte oder müsste etwas optimieren, ­kaschieren oder verstecken.

Von wegen Body Positivity

„Dort könnte ich noch um drei Zentimeter weniger Umfang haben, noch eine Stunde Sport, nein, Brot esse ich nicht, hier habe ich zu viele Haare …“ Deutlich wird diese Problematik durch den Anstieg von Schönheitsoperationen oder die ­Fälle von Magersucht, Bulimie, Übergewicht, Fitnesswahn, im Sich-selbst-Verleugnen, Essen als Religionsersatz und so weiter. Es gibt viele verschiedene Wege, mit dieser Problematik umzugehen oder sie eben zu ertragen. Zu sehr orientieren wir uns im Außen.

Ein Körper, der tagtäglich Wunder­bares für uns leistet – und was machen wir? Wir kritisieren ihn und bestrafen uns. Wir werten uns ab. Die Venus von Willendorf, 30.000 Jahre alt. Die berühmteste vorzeitliche Figur einer Göttin ist ausgestattet mit großen, schweren Brüsten und breiten Hüften. Ihr kraftvoller Körper strahlt Stärke aus, Energie, Überfluss und Kraft. Das Sinnbild einer Göttin der Jetztzeit trägt idealerweise Kleidergröße 00, hat große Brüste, einen Schmollmund und langes, wallendes Haar.

Über das Projekt

Michaela Kölle hat die Prager Foto­schule in Linz absolviert. Ihre Diplomarbeit über das Verhältnis zum eigenen Körper ­wurde von der „Welt der Frauen“-Foto­redakteurin Alexandra Grill (die auch an der PFS ­unterrichtet) betreut. In dem Fotobuch mit dem Titel „Hautnah“ finden sich auch ­Texte aus Interviews mit anderen ­Menschen, die ihre Körperbeziehungen beschreiben. Das Buch wird auf Anfrage nachgedruckt. ­www.fotografikerin.tirol

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