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Blinde Kuh und säumige Fledermäuse

Die Zukunft ist ja immer ein Mysterium. Aber jetzt ist sie grade ganz besonders geheimniskrämerisch.

Auf der Ablage in unserem Vorzimmer, wo unsere Schlüssel und meine fast schon verstaubte Handtasche liegen, stapeln sich jetzt buntgemusterte Masken. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, beim Einkaufen eine mitzunehmen, die Kinder ihrerseits sind schwer begeistert. Kaum biegt auch nur das Postauto um die Ecke, wird auch schon emsig die Maske angelegt. Der Hygieneaspekt ist eher untergeordnet, denn sie tauschen wild hin und her, testen unterschiedliche Modelle und Tragweisen. Zurzeit wird die Maske vor allem als Vollvisier genützt – zum Blinde-Kuh-Spielen. Und so tapsen sie, einen Mundnasenschutz über das ganze Gesicht gezogen, durch den Garten, mit gegenseitigen Aufträgen, herumliegendes Spielzeug zu finden.

Mir geht es ähnlich wie beim Blinde-Kuh-Spielen. Und das nicht nur, weil ich auch ständig Dinge im Auftrag der Kinder suche (ohne Maske).
Nein, ich fühle mich auch ein wenig wie im Blindflug, weiß grade nicht so ganz, wo es langgeht. Wo die Reise hingeht, wie man (derzeit eher unpassend) sagt. Aber damit bin ich nicht alleine, es kennt sich ja keiner so richtig aus. Und so ist nun auch meine Stimmungslage wie beim Spielen: kälter, wärmer, wieder kälter, wärmer, wärmer, …

Die Zukunft ist ja immer ein Mysterium, aber jetzt halt so richtig. Auch wenn täglich neue Nachrichten von öffnenden Lokalen, Schulen oder Geschäften kommen und schon den Duft des gewohnten Alltags mit sich bringen – so richtig vorstellen kann ich mir diesen Alltag aber noch nicht. Er ist ja auch gar nicht so leicht gestaltbar. Planen habe ich mir in den vergangenen Wochen fast abgewöhnt, Termine schreibe ich lieber mit Bleistift in den Kalender, „zu Weihnachten“, „im Sommer“ oder gar „nächstes Jahr“ kommt mir kaum über die Lippen. Ich weiß jetzt zwar, dass ich wieder Spitzenschneiden und Spritzertrinken gehen kann, und das ist schön. Dass ich aber zum Beispiel überhaupt nicht weiß, wann Kindergarten wieder ganz etwas Normales ist, wann ich meine Eltern unbeschwert umarmen kann, macht mir Sorgen.

Für die Unbeschwertheit sorgen derzeit die Kinder: Sie sind durch und durch bereit für den gesellschaftlichen Vollbetrieb, schwelgen in hochtrabenden Plänen von Prater über Rutschenbad, von Tiergarten über Sommerrodelbahn bis zum Familientreffen. Ich lächle milde, rühre in meinem Kaffee und bemühe mich, ein optimistisches Gesicht zu machen.

Auch sie beschäftigen jetzt viele Fragen: Werden die Corona-Wissenssendungen im Fernsehen „nach Corona“ eigentlich gelöscht? Wann können wieder Freunde kommen? Warum singt Falco eigentlich nicht auch „Nie mehr Kindergarten“? Wie sollen wir mit der Maske Eis essen?
Und heute morgen die besonders interessante Frage: „Wann machen die Fledermäuse das Corona jetzt eigentlich wieder weg?“

Ja, wann eigentlich? Wie so oft muss ich sagen: Keine Ahnung.

Foto: Die Kindermaske kommt von kaysoo in der Linzer Herrenstraße. 

Julia Rumplmayr

lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen (5 und 7) in einem Haus mit Garten im Mühlviertel.
Nervenstatus: mit Bleistift geschrieben
www.juliarumplmayr.at | www.linzerkind.at

Foto: Alexandra Grill

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