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Auch Schaukeln haben Gefühle

Der Spielplatz ist viel mehr als eine Kinder-Beschäftigungs-Zone. Das auch, klar. Gerade wird mir bewusst, dass er auf meinen Alltag regelrecht heilsame Wirkung hat. Beziehungsweise: zurzeit eben nicht hat.

Wir wohnen direkt neben einem Spielplatz. Damals hat uns ein Immobilienfritz gesagt: „Der Spielplatz wirkt sich wertmindernd aus.“ Die ersten Jahre sahen wir das auch so. Als wir – jung, Studenten, hach – sonntags bis 16 Uhr schlafen wollten, fanden wir das beherzte „hui“, mit dem die Omi jedes einzelne Mal Schaukel antauchen synchronisierte, in der Tat wertmindernd.

Ein paar Jahre später, jetzt Eltern, zu anständigen Uhrzeiten wach, korrigierten wir diesen Wert von „mindernd“ auf „ohmeingottunbezahlbar“. Seit der erste Sohn selbstständig Sand essen konnte, saß ich stundenlang auf dem Bankerl neben der Sandkiste, mit dabei: eine Thermoskanne Kaffee und zwei Häferln. Eines für mich, das andere für Genossin D. aus dem Wohnhaus gegenüber. Der Spielplatz ist in unserer Mitte, wir nennen ihn liebevoll „Dorfplatz“. Hier saßen wir, stunden-, tage-, in Summe wahrscheinlich wochenlang, dazwischen eine von uns schwanger, dann wieder neue Babys, sahen andere Mütter und Kinder kommen und gehen, erfanden Spitznamen für ganze Familien, fanden mehr Genossinnen, holten mehr Kaffeetassen.

Seit unsere Kinder aus dem Spielplatz-Alter rausgewachsen sind, sitzen wir immer noch dort, Kaffee schlürfend, tratschend, fremden Müttern die Sitzplätze wegnehmend, fremde Kinder beobachtend, weil unsere eigenen längst heimlich irgendwelche verbotene Geheimaktivitäten irgendwo anders aushecken.

Dieser Spielplatz ist das Zentrum unseres Soziallebens. Vor einer Woche kam ein Mitarbeiter der MA 42, Wiener Gärten, und wickelte ein rot-weißes Flatterband um das Eingangstürl. Zur Sicherheit kam auch noch ein Polizist, der eine Verordnung an den Zaun montierte.

In dieser Zeit, in der alles plötzlich anders ist, ist das für mich der härteste Verlust. Dieser verstoßene Spielplatz, die einsame Sandkiste, das Gestell, das traurig seine Schaukeln hängen lässt. Mir fehlt mein Dorfplatz! Er ist auf WhatsApp gewandert, als Nachbarschaftsgruppe. Eine echt tolle Sache. Aber ehrlich, dort ist er nur ein seichter Abklatsch. Was mir wirklich fehlt, ist: eine Tasse warmen Kaffee überreichen zu können, die Restln des selbst gebackenen Kuchens von D.s großer Tochter kosten zu dürfen, eine Umarmung nach einem blöden Tag zu bekommen oder auszuteilen.

Mein Mantra, beim Blick aus dem Fenster: Wir werden das schon schaffen, alles wird gut. Das Lästern wird auf den Dorfplatz zurückkehren. Und die Schaukel wird wieder fröhlich „hui“-en.

Ursel Nendzig

lebt mit zwei Söhnen (7 und 9 Jahre alt) und Mann (erwachsen) in Wien, Stadtrand, mit Garten (halleluja).
Nervenstatus: stabil mit Luft nach oben. Und nach unten. Trinkt zurzeit Kaffee für zwei, mit wehmütigem Blick aus dem Fenster.
www.urselnendzig.at

Foto: Stefan Knittel

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