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Atme Morgenlüfte!

Warum wir von Zeit zu Zeit den Geist erfrischen sollten.

Immer wenn der Frühling naht und uns die erste milde Luft sacht um die Nase streicht, fühlen wir in uns den Drang, die Fenster aufzureißen und das Haus gut durchzulüften, so als wollten wir das junge, frische Leben, das da draußen vor der Tür gedeiht und blüht, einladen, auch zu uns zu kommen, um uns zu verjüngen oder zu erfrischen. Manchmal geht damit der Wunsch einher, zugleich den eigenen Leib von allem Alten, Morschen, Welken zu befreien – zu entschlacken, wie man heute sagt – und ihn genauso einem Frühjahrsputz zu unterziehen. Nur der Geist, der Kopf, bleibt dabei meistens ausgespart, der Bewohner, der sich denkt: „Wenn denn mein Haus nur gut gelüftet ist, wird es auch mir darinnen besser gehen“. Was wohl auch nicht falsch ist, jedoch nicht die Verjüngung und Erfrischung mit sich führt, die wir eigentlich ersehnen.

FLEISSIGER LEIB …
Dass „der Fisch vom Kopf her“ stinkt, ist dem Volksmund wohlbekannt. Dass vom Kopf her auch das Gegenteil erfolgt – Erfrischung und Verjüngung –, wird hingegen nicht so oft beachtet. Dabei wissen wir doch eigentlich, dass nichts anderes uns so begeistert und mit Energie versieht, wie ein neuer Einfall oder eine neue Perspektive – eine zündende Idee, ein strahlender Gedanke, der uns aus dem Trott des Immer-weiter-wie-gehabt herausreißt. Aber irgendeine Stimme in uns scheint zu raunen: „Du willst dich erneuern? Fang mit deinem Leib an.“

… UND FAULES EGO
Diese Stimme kommt von unserem Ego, denn das Ego liebt zwar die Verjüngung, hasst jedoch, sich selber zu verändern. Es bleibt gern so, wie es ist, bei seinen Meinungen und Sichtweisen, bei seinem Selbstbild und bei seiner Habe. Dass sein Sein sich wandeln könnte, ist ihm nicht geheuer. Also reißt es rasch die Fenster seines Hauses auf und entschlackt den Darm – letztlich, um sich dadurch davon abzuhalten, geistig aufzumachen.

Das ist schade; denn es führt dazu, dass wir im Außen hängen bleiben, statt uns von innen her zu sanieren. Dann mag unser Äußeres zwar frisch erscheinen, doch der Geist in uns verfällt im Starrsinn. Dann entledigen wir uns zwar der Gifte, die in Darm und Magen lagern, nicht aber der Toxine, die das Denken lähmen: überholte Positionen, verwelkte Glaubenssätze, morsche Denkgebäude, all das, was uns daran hindert, unsere Potenziale zu entfalten und – wie draußen vor dem Fenster die Natur – uns zu erneuern, frisch zu wachsen und zu blühen. Nichts steht der Entfaltung unserer Seele mehr im Wege als der Unrat unseres Denkens. „Bring den Müll raus“, heißt deshalb die erste Übung, die in Dan Millmans Roman „Peaceful Warrior“ der alte Weise namens Sokrates seinem jungen Schüler aufträgt. (…) Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

Christoph Quarch (53) ist  Philosoph, Autor, Vortragender und Berater. Er unterrichtet an  Hochschulen im In- und Ausland und lebt mit seiner Familie in Fulda.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 04/18

Foto: Achim Hehn