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Always look on the bright side of life

Man darf auch manches einfach nur paradiesisch sehen. Zum Beispiel unsere neue Art des Zusammenlebens.

Zu Ostern haben wir wieder einmal gemeinsam gefrühstückt. Um eins, wohlbemerkt. Und im Wald. „Normalerweise“ ist das nicht so. Darauf haben wir uns geeinigt. Sie sind ja keine Babys mehr, zwei leben normalerweise im Ausland, der Dritte kann auch gut für sich sorgen und sowieso haben alle definitiv genug Zeit im Moment. Außerdem haben wir unterschiedliche Einschlaf- und Aufwachgewohnheiten, wenn ich das einmal so umschreiben darf. Ich koche also nur einmal am Tag, für die restlichen Mahlzeiten kommt jede und jeder selbst für sich auf, wann immer eben jemand Hunger hat. Einstimmiges Kopfnicken. Sogar freudiges Kopfnicken, wie mir vorkommt. Wohl weil sie spüren, dass sie im Familiencamp noch etwas von ihrer Autonomie behalten dürfen. Klassische Win-Win-Situation! Ja, mehr noch. Marion hat sich angeboten, diese Woche einmal für uns alle zu kochen. Max ebenso. Oskar hat schnell auf den Tisch gestarrt. Dafür hat er vorhin unvermutet den Geschirrspüler ausgeräumt. Freiwillig und ohne Meckern. Auch geputzt wird gemeinsam. Mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit übernehmen die Burschen den Wocheneinkauf und jeder wäscht seine Wäsche selbst, die ohnehin nur noch aus Jogginghosen und T-Shirts besteht.

Wer Ruhe haben will, verzieht sich in sein Zimmer oder läuft mit Kopfhörern durchs Haus. Nur zum Abendessen kommen alle wieder zusammen, das ist unser täglicher fixer Treffpunkt. Da wird geplaudert, diskutiert, über alte Geschichten gelacht, geplant und viel, viel offener als sonst über Persönliches gesprochen, auch über Sorgen, Ängste und Wünsche. Es fühlt sich ein bisschen so an, als wären wir in einer WG. (Wenn es mir gelingt, meine unglaublich wertvollen Mutter-Weisheiten hinunterzuschlucken.) Und daher sitzen wir auch manchmal bis mitten in der Nacht zusammen. (Oder eben nicht, wenn es mir nicht gelingt.)

Auch Marion hat sich an die Situation gewohnt. Trotz der Wehmut, wenn sie an England denkt, ist sie wieder bei uns angekommen und ganz die „Alte“. Sie summt durchs Haus, kreiert ihre Gerichte, übt für die Uni, Rollen, Stimmtraining, Singübungen, Choreografien, liest englische Dramen, klimpert am Klavier, baut das Büro um und macht Videoaufnahmen. Eine schöne Hintergrundkulisse. Gestern hat sie am Morgen in der Sonne eine Stunde lang ihr Workout gemacht. Musste ich sofort fotografieren, darf aber nur für unser Corona-Tagebuch verwendet werden. Max hat sich sein altes Fahrrad wieder hervorgeholt, schreibt zudem an Geschichten, und Oskar wird gerade zum Literatur-Freak. Die Wochentage verschwimmen, die Schamgrenzen auch. Ich springe ungeniert im Garten am Sporttrampolin, obwohl die Nachbarn daheim sind und mich sehen können. Ich hab sie zumindest vorgewarnt.

Alles unglaublich entspannt. Und über den Rest, über den rede ich jetzt einmal nicht.

Verena Halvax

lebt mit drei Kindern (16, 19, 21), Hund und Katz’ in Leonding, in einem kleinen Haus mit Garten.
Nervenstatus: infiziert
Arbeitet als Autorin, Redakteurin, Leiterin von Schreibworkshops
www.schreiben-als-weg.at

Foto: Alexandra Grill

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