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Agatha Christie: Die Königin des Kriminalromans

Agatha Christie ist eine der erfolgreichsten Autorinnen aller Zeiten. Sie schuf die legendären Figuren Hercule Poirot und Miss Marple und prägte das Krimigenre wie keine andere. 66 Kriminalromane schrieb die Schriftstellerin, deren eigenes Leben spannend genug wäre, einige davon zu füllen.

Der Banjospieler kneift die Augen zusammen. Die Frau, die in der hintersten Ecke des Hotelrestaurants sitzt, kommt ihm seltsam bekannt vor. Ihre grauen Augen huschen durch den Raum, und es wirkt, als wolle sie sich hinter ihrem Champagnerglas verstecken. Weicht sie seinem Blick aus? Plötzlich verfangen sich seine Finger in den Banjosaiten, und ein schriller Ton stört die Melodie. Doch der Musiker spürt kaum, wie ihn sein Bandkollege in die Rippen stößt. Er hat die Frau erkannt.

Es ist Mrs. Christie, die Krimiautorin, die seit elf Tagen verschwunden ist. Tausende Freiwillige suchen seither die verschneite Landschaft ab, in der man ihren Wagen verlassen vorgefunden hat. Was macht sie hier, in diesem gottverdammten Kurhotel in North Yorkshire?

Wissen aus der Apotheke

Agatha Christie wird im Herbst 1890 an der Südküste Englands in eine wohlhabende Familie geboren. Sie wächst behütet auf und wird von ihrer Mutter in der viktorianischen Villa der Familie unterrichtet. Agatha interessiert sich für alles Übernatürliche, die Welt der Geister und Gespenster, und schreibt schon als Kind entsprechende Kurzgeschichten. Nach dem Tod ihres Vaters kümmert sich Agatha um ihre kränkliche Mutter. Mit achtzehn Jahren schreibt sie nach einem Aufenthalt in Ägypten ihr erstes Buch, „Snow upon the desert“. Es wird von sechs Verlagshäusern abgelehnt.

Kurz nach ihrem 22. Geburtstag lernt sie auf einer Party den Offizier Archibald Christie kennen. Schon nach drei Monaten verloben sie sich, doch ihre Beziehung wird vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überschattet. Archie wird nach Frankreich abkommandiert, Agatha arbeitet als Krankenschwester und später in einer Apotheke. Sie heiraten am Heiligen Abend 1914, während Archie auf Heimaturlaub ist. Während ihrer Zeit als Apothekerin lernt Agatha einiges über Medikamente und Gifte. Dieses Wissen nutzt sie, um abends nach ihrer Schicht eine Kriminalgeschichte zu schreiben. Vier Jahre später wird sie unter dem Titel „Das fehlende Glied in der Kette“ erscheinen – als ihr erstes Buch, und als der erste Auftritt ihres legendären Ermittlers Hercule Poirot.

Das Verschwinden der Mrs. Christie

Nach Ende des Krieges ziehen die Christies nach London, wo Agatha eine Tochter namens Rosalind zur Welt bringt. Für den Verlag ihres Debutromans schreibt sie fünf weitere Bücher, die sich gut verkaufen. Alles scheint in Ordnung zu sein – bis zum Jahr 1926. Da erscheint ihr sechstes Buch, „Alibi“. Es macht sie auf einen Schlag zu einer der ganz Großen ihres Genres: Die raffinierte Perspektive, die sie wählt, ist eine absolute Neuheit und beeinflusst die Kriminalliteratur bis heute. Doch persönlich ist das Jahr 1926 eines der härtesten ihres Lebens. Im April stirbt ihre Mutter, und wenige Monate später bittet ihr Mann sie um eine Scheidung. Er hat sich in eine andere Frau verliebt. Nach einem heftigen Streit verlässt Agatha das Haus und verschwindet spurlos. Nur ihr Auto wird in einer abgelegenen Gegend gefunden. Plötzlich scheint sie selbst zur Hauptfigur eines Krimis geworden zu sein. Für Hinweise werden Belohnungen ausgelobt, fünfzehntausend Freiwillige durchkämmen die Gegend, und sogar die „New York Times“ berichtet über den rätselhaften Fall. Erst nach elf Tagen erkennt sie der Banjospieler in einem Kurhotel in North Yorkshire. Dort ist sie unter dem Namen der Geliebten ihres Mannes abgestiegen.

Sie sei so aufgewühlt gewesen, sagt ihre Familie zur Presse, dass sie einen spontanen Gedächtnisverlust erlitten hätte. Zwei Ärzte bestätigen die angebliche Amnesie. Was wirklich geschah, ist bis heute unklar. Agatha schweigt Zeit ihres Lebens dazu. „Auf Krankheit folgten Trauer, Verzweiflung und Herzschmerz“, vermerkt sie nur knapp in ihren Memoiren. „Es gibt keinen Grund, sich länger damit zu beschäftigen.“

Verliebt im Nahen Osten

Nach ihrer Scheidung hat Agatha genug von England. Spontan besteigt sie den Orientexpress, reist nach Bagdad und von dort weiter in die antike Stadt Ur, wo ein bekannter britischer Archäologe Ausgrabungen leitet. Agatha freundet sich mit ihm und seiner Frau an und kehrt nur zwei Jahre später zu einem weiteren Besuch zurück. Sie trifft Max Mallowan, einen jungen Archäologen österreichischer Herkunft, und die beiden verlieben sich. Als Agathas Tochter erkrankt und sie überstürzt zurück nach England muss, kommt Max kurzerhand mit. Im Herbst 1930 heiraten die beiden. Am Standesamt geben beide ein falsches Alter an: Agatha ist fast vierzig, Max erst sechsundzwanzig – damals ein kleiner Skandal.

In den kommenden Jahren bereisen sie gemeinsam Syrien und den Irak. Im Schatten abseits der antiken Ausgrabungsstätten schreibt Agatha viele ihrer Romane. Sie lässt ihre Figuren im Nahen Osten und im Orientexpress ermitteln, schafft ihre Hobby-Detektivin Miss Marple und denkt sich unermüdlich neue Fälle für Hercule Poirot aus.

Am Ende ihres Lebens hat sie sechsundsechzig Romane, mehrere Theaterstücke, unzählige Kurzgeschichten und ein paar romantische Bücher veröffentlicht. Nicht immer altern ihre Texte gut, manche ihrer Darstellungen gelten heute als diskriminierend. Miss Marple und Hercule Poirot bleiben Agathas wichtigste Charaktere. Schon in den 1940er Jahren schreibt sie über beide letzte Bücher und hält sie bis zu ihrem Tod zurück.

Als Agatha Christie im Frühjahr 1976 stirbt, lösen auch Hercule Poirot und Miss Marple ihre letzten Fälle. In Bücherregalen rund um den Globus leben alle drei weiter. Über zwei Milliarden von Agatha Christies Büchern wurden weltweit verkauft.

ricarda-opisRicarda Opis

wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.

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