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Ach, diese Lücke

Muss man wirklich jedes Zeitfenster füllen? Über einen kleinen Abschied vom Müssen.

Das Brummen hören wir schon von weitem. Die zwei Kleinen laufen aufgeregt zum Fenster und drücken ihre Nasen gegen die Scheibe. Jetzt ist unsere dran, die große Grüne mit dem roten Deckel. Gebannt beobachten sie, wie der neonorange gekleidete Mann die Tonne polternd auf die Straße rollt. Ein Maschinenarm hebt sie nach oben wie bei einem eleganten Tanz. Sie kippt nach vorn, es staubt und Zettel schweben durch die Luft. Dazwischen eine Liste, die bis gestern noch an meinem Kühlschrank hing. Eine To-Do-Liste, mit Dingen, die ich schon lange erledigen wollte. Ich habe sie vor fast fünf Wochen geschrieben.

Als die Quarantäne begann, hat sich in meinem Leben ein kleines Zeitfenster geöffnet. Ich musste ja jetzt die große Tochter nicht mehr in die Schule, zu Freundinnen oder zu ihrem Tanzkurs begleiten. Da würden doch sicher einige Minuten zusammenkommen – dachte ich mir – die sich vielleicht sogar zu einer halben Stunde am Tag summieren könnten. Zeit, die ich nutzen könnte. Eine Lücke, die ich füllen wollte.

Jetzt, fast einen Monat später, frage ich mich: Warum eigentlich? Muss wirklich jede noch so kleine Zeitlücke gefüllt werden? Ich muss gar nichts, denke ich und wir schauen dem Müllwagen nach, wie er davonfährt mit meinem kleinen, zerknüllten Zettel in seinem Bauch. Was stand eigentlich drauf? Irgendwas mit Möbel streichen und Pflanzen umtopfen. Es war nicht meine einzige To-do-Liste. An meinem Schreibtisch hängt eine weitere, eine wichtigere. Sie ist lang und unterteilt in Arbeit, Organisation und Mama-Zeug.

„Es ist so super, ein bezahlter Urlaub“, hat mir neulich beim Spazierengehen ein Bekannter aus sicherer Distanz zugerufen. Nein, ein Urlaub ist das nicht, finde ich. Und fürs Nichtstun bezahlt werden die meisten auch nicht. Ich lese über Entschleunigung, aber für viele hat sich der Alltag wohl eher be- als entschleunigt. Home-Office, Home-Schooling, Kochen, Haushalt und der ganze Rest – gerade für Familien ist das volle Leben noch voller geworden.

Und im Bekanntenkreis und auf den sozialen Medien regt sich langsam Protest gegen die Schul- und Kindergartenschließungen. Viele Eltern fühlen sich überfordert, Kinder vermissen ihre Freundinnen und Freunde, viele auch ihre Lehrerinnen und Lehrer. Ich brauche jedenfalls keine zusätzlichen To-Do-Listen. Ich brauche ab und zu ein bisschen Stille und Leere. Und das Gefühl, auch einmal – nur ganz kurz – nichts zu müssen.

Saskia Blatakes

lebt in einer Wohnung am Wiener Stadtrand. Sie hat eine siebenjährige Tochter und einjährige Zwillinge.
Nervenstatus: Ommmmm
Arbeitet als selbstständige Journalistin.
www.torial.com/saskia.blatakes

Foto: Luzia Puiu

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