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Das palästinensische Graffiti

Notiz #10: Über einen nächtlichen Spaziergang durch Split & die Geschichte eines Graffitis in Palästina. Von Natalie Halla.

Ein nächtlicher Spaziergang durch Split

Es ist spätnachts und ich verirre mich hoffnungslos im Labyrinth der Spliter Altstadt. Über mir und tief unter meinen Füßen verschwimmen die Zeugnisse jahrtausendalter Kulturgeschichte dieses seltsamen Palastes, der einst der Alterssitz eines römischen Kaisers war. Was wohl haben all diese Mauern gesehen? So vieles wurde hier in den Jahrhunderten zerstört und so vieles entstand aus den Trümmern der alten Bauwerke. Die Reste von Tempeln und Prunkräumen dienen jetzt als gewöhnliche Wohnhäuser, ein steinerner Sarkophag, Überbleibsel einer einstigen Kapelle, steht inmitten eines Weinlokals. Neben den Resten römischer Mosaike wird getanzt.

Mein Film „Separated“

Dieser Ort gleicht wie kein anderer einer fernen Stadt voller Schönheit und Tragik: Jerusalem. Von meinen Erlebnissen in dieser Stadt, als ich meine juristische Diplomarbeit über das Menschenrecht Religionsfreiheit schrieb, habe ich bereits in meiner Notiz #1 Jerusalems Unterwelt erzählt. Damals gab es noch keine elf Meter hohe Betonmauer, die sich jetzt wie eine graue Schlange durch die heilige Stadt wälzt und Kinder von ihren Eltern und Bauern von ihren Feldern trennt. Diese Mauer wollte ich vor zehn Jahren für meinen Film „Separated“ filmen.

Doch diese dritte und bisher letzte Reise nach Israel endete um ein Haar, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Ich fuhr ohne Begleitung meiner Kinder an einem kalten Novembertag und gab mich als Touristin aus. Das alleine reichte, um mich in den Augen des israelischen Geheimdienstes am Madrider Flughafen verdächtig zu machen. Sie wussten vieles über mich und ahnten dennoch nicht, dass ich seit Wochen in Kontakt mit einem palästinensischen Kamerateam stand, mit dem ich im Westjordanland die Menschenschicksale rund um die Mauer filmen wollte. Ich durfte schlußendlich mitfliegen, doch der Geheimdienstmann ließ mich nicht aus den Augen. Meine Eltern bat ich, die österreichische Botschaft zu alarmieren, sollte ich nicht sofort bei meiner Ankunft in Tel Aviv Entwarnung geben.

Das palästinensishe Graffiti

Das Graffiti

Doch man ließ mich ziehen und ich atmete erleichtert aus, als ich am selben Abend noch die Mauer ins palästinensische Westjordanland durchquerte. Was ich dahinter vorfand war damals und ist auch heute noch mehr denn je das Armutszeugnis einer menschenverachtenden „Verteidigungspolitik“, für die ich, bei all meiner Sympathie dem israelischen Volk gegenüber, keine Rechtfertigung finden kann. Die Erinnerung an all das, was ich in jenen Tagen dort erlebte, erfüllt mich auch heute noch mit Zorn und Trauer. Eine Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

Es gibt ein Bild dazu, das ich nicht vergessen kann. Eine alte Frau sitzt auf dem staubigen Boden und bäckt über dem offenen Feuer Fladenbrot. Hinter ihr grenzt die mit Stacheldraht versehene Betonmauer direkt an die Rückwand ihres kleinen Häuschens und verdeckt den Ausblick auf die Welt dahinter. Die Mauer ist so überdimensional hoch, dass sie der alten Frau die Sicht auf den Himmel versperrt und den kleinen Garten in tiefe Schatten hüllt. Am meisten fehlen ihr die Sonnenuntergänge, meint die alte Frau resigniert.

Bei dieser Reise nach Israel habe ich gelernt, dass man den Menschen alles nehmen kann, sogar die Sonne. Ihr Enkelsohn hat als Protest ein riesiges, farbenfrohes Graffiti gemalt: eine Faust, die die Mauer durchbricht und den Ausblick auf eine paradiesische Meerlandschaft ermöglicht. Ein wunderbarer Tagtraum umgeben vom Grau des Betons, der vielleicht das Leben hinter der Mauer eine Spur erträglicher macht. An dieses Graffiti erinnere ich mich jedes Mal, wenn ich irgendwo auf der Welt an Grenzen und Mauern stoße. Und ich denke mir man kann den Menschen alles nehmen, sogar die Sonne, aber niemals ihre Hoffnung und Träume.

Natalie Halla

Natalie Halla

spricht sechs Sprachen, ist weitgereist und arbeitet als unabhängige Filmemacherin. Ihre „Notizen einer Abenteurerin“ bieten sehr persönliche Einblicke in eine unbekannte, spannende Welt abseits üblicher Reiserouten und befassen sich auch mit sozialen und humanitären Ungerechtigkeiten, denen sie begegnet ist.
www.nataliehalla.com

Foto: Alexandra Grill

Fotos: Natalie Halla

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