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Zurück zu Schatzi?

„Tradwives“, so heißt eine Modeströmung aus dem angloamerikanischen Raum. Sie bezeichnet Frauen, die sich mit traditionellen Rollen begnügen und dafür das Glück auf Erden erwarten. Ein Erfolg versprechender Weg?

Eine Britin namens Alena Kate ­Pettitt erzählt in sozialen Medien, welche Rolle sie am liebsten ausfüllt: Die der treu sorgenden, sich dem Mann ganz unterordnenden Ehefrau. Das sei stressfrei und bringe ihr gelegentlich eine teure Handtasche. Selbst schuld, wer sich im Berufsleben abstrample und doch nur zur Erkenntnis komme: Alles zusammen, Familie und Beruf, geht sich einfach nicht aus. Also lieber unterordnen und hoffen, dass alles gut geht. Frauen wie Pettitt nennen sich daher auch „­Tradwives“, eine Abkürzung für „­Traditional Wives“, „traditionelle Ehefrauen“. Frei nach dem Motto „Vorwärts, Kameradinnen, wir müssen zurück!“.

Ich gestehe, mir sind solche Haltungen nicht sympathisch. Ich finde das seltsam – früher haben Papi und Mami für mich gesorgt, jetzt tut es mein Schatzi. Die Symptome, die man sich dabei zuziehen kann, wurden von Betty Friedan, der amerikanischen Feministin, treffend beschrieben. Man habe zwar alles, was glücklich machen sollte, Mann, Haus, Kinder, hübsche Kleider und einen vollen Tag, aber da nage trotzdem noch etwas im Inneren. Das immer stärker anklopfende Gefühl von Unzufriedenheit komme daher, dass frau eben mehr könne als Ehefrau und Mutter, war Friedans Überzeugung. Die „­Tradwives“ sehen das offenkundig anders. In einer ­liberalen Gesellschaft soll man auch diese Rollen wählen können. Aber wer sich für eine Lebensform mit Hochrisiko entscheidet, muss schon wissen, was die Folgen sein können. Wenn die Ehe der traditionellen Hausfrau scheitert, schlägt sie hart auf, finanziell gesehen – denn dann ist Schatzi meistens nicht mehr großzügig.

Jede Frau sollte sich selbst wirtschaftlich erhalten können, lautete daher das Credo der Frauenbewegung. Diese Idee wurde mit dem Ideal der „Powerfrau“ auf die Spitze getrieben. Sie war über einige Jahre hinweg die Ikone der Moderne. Im Lebensstil war die Powerfrau nicht zu unterscheiden von jenen Männern, die zu Hause von einer „Tradwife“ umsorgt werden. Das Modell hat zumindest den Vorteil, ökonomisch nicht auf die Nase zu fallen, wenn Beziehungen in die Brüche gehen. Aber wer wärmt die Seele, wenn die Power­frau vom Gipfel des Erfolges wieder absteigen muss? War es den Preis wert, am Ende gut situiert, aber einsam zu sein?

Bleiben wir nüchtern: Die überwiegende Anzahl der Frauen will das Beste aus beiden Welten und den Partner auf dem Weg der Veränderung mitnehmen. Das ist nicht immer einfach. Die Freiheit, das Leben als Frau eigenständig zu gestalten, fühlt sich für die meisten richtig an. Aber die Verwerfungen, die das aufseiten der Männer auslöst, sind nicht zu unterschätzen. Es kracht mitunter im Gebälk der Beziehungen. Wie schwierig ist es, über Geld zu verhandeln, wie mühsam, die Lasten der Familiengründung zu teilen, wie störungsanfällig sind Partnerschaften, in denen ständig verhandelt werden muss. Viele Indizien deuten darauf hin, dass wir uns mitten in einem massiven Veränderungsprozess befinden. Deswegen ist vieles mühsam und läuft noch nicht optimal. Aber wäre es klug, das Experiment „Gleichstellung“ deswegen jetzt abzubrechen? Tatsächlich treten wir in eine neue Phase. Mit den Rollen der Frauen ändern sich auch die der Männer. Wir müssen sie davor nicht schützen, aber wir können sie unterstützen.

Das ist spannender, als entweder zur alten Rolle zurückzukehren oder die Heldin der Berufswelt zu geben. Die nächsten Schritte sollten wir vorwärts und nicht rückwärts gehen. Im Gehen werden sich offene Fragen klären, beispielsweise: Wie schaffen wir ein gutes Leben für Männer und Frauen, bei dem nicht eine sich unterordnet, nicht einer finanziell den schwarzen Peter zieht? Oder: Wie organisieren wir die Arbeitswelt, sodass Phasen von Familiengründung oder Pflege nicht so viel Kraft kosten? Und ab und zu spielen wir dann sogar „Tradwife“ und kraulen unserem Schatzi das Goderl.

Christine Haiden ist skeptisch, wenn Frauen beginnen, sich wieder als gute Haus- und Ehefrau zu stilisieren.

Sind Frauen schon zu emanzipiert?

Als im Februar 2020 im deutschen Hanau ein Mitte 30-Jähriger zehn Menschen ermordete, fand sich unter seinen ausländerfeindlichen und kruden Begründungen der Tat auch jene, dass er frustriert sei, weil er keine Frau für eine Partnerschaft gefunden habe. Die Gruppe der „unfreiwillig Zölibatären“, wie sich junge, frauenlose Männer im Internet nennen, ist sozial problematisch. Viele dieser verunsicherten Männer geben der Frauenemanzipation die Schuld an ihrer Misere. Sie meinen, mit einer Rückkehr zu traditionellen Rollen könnte das Leben für sie leichter werden. Die Mehrheit der Frauen dürfte dazu nicht bereit sein. Es gibt Strömungen wie die „Tradwives“, die ihren Platz an der Seite des Mannes suchen. Für den Preis der Unterordnung erwarten sie ein komfortables Leben. Die über Jahrhunderte erlebte Realität weiblicher Abhängigkeit war allerdings ein Grund für die Entwicklung der Emanzipationsbewegungen. Bildung, wirtschaftliche Unabhängigkeit und gleiche Rechte gelten nach wie vor als Garant für größtmögliche Freiheit. Besonders für Frauen.

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