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Zitkala-Ša: Der Vogel, der zwischen zwei Welten flog

Zitkala-Ša war eine Schriftstellerin, Musikerin und Aktivistin aus dem Stamm der Yankton-Dakota. Sie kämpfte für die Rechte amerikanischer UreinwohnerInnen, bewahrte ihre Legenden für kommende Generationen und verfasste nebenbei eine bahnbrechende Oper über den traditionellen Sonnentanz.

Das Mädchen drückt sein Gesicht an die Glasscheibe des fahrenden Zuges. Seit mehreren Tagen sind sie nun schon unterwegs. Immer wieder wandern seine Augen suchend über den flachen Horizont der Prärie. Bald muss es zu sehen sein, das Land der roten Äpfel, von dem der Missionar gesprochen hat. Die anderen Kinder rutschen unruhig auf ihren Sitzen hin und her. Das Mädchen ist die achtjährige Zitkala-Ša, und das versprochene Land der roten Äpfel, das ist Indiana. Dort wartet das Internat „White’s Manual Labor Institute“ auf die Kinder, eine sogenannte Zivilisierungsschule.

Zitkala-Ša wird 1876 im Yankton-Reservat in South Dakota geboren. Ihr englischer Name ist Gertrude Simmons, den traditionellen Namen Zitkala-Ša, „Roter Vogel“, nimmt sie erst später an. Ihre Mutter ist die Yankton-Dakota I Yohin Win, der Missionare den englischen Namen Ellen Simmons gaben. Ihr Vater ist ein weißer Händler, der die Mutter schon vor der Geburt der Tochter verließ. Zitkala-Ša wächst auf traditionelle Weise im Reservat auf. In ihren Büchern schildert sie später eine glückliche und freie Kindheit, umgeben von zahlreichen Spielgefährten, ihrer Mutter und den Ältesten des Stammes. Doch als Missionare ins Reservat kommen und Kinder für ihre Schule anwerben, geht auch Zitkala-Ša mit.

Die Schuljahre sind ein tiefer Einschnitt in Zitkala-Šas Leben. Die Kinder sprechen nur ihre Muttersprache; nun wird ihnen Englisch eingebläut. Ihr langes Haar wird abgeschnitten, dabei ist kurzes Haar, schreibt Zitkala-Ša später, in ihrer Kultur entweder ein Zeichen von Trauer oder die Strafe für einen Feigling. Sie muss nach christlicher Art beten und verliert aufgrund der unzureichenden medizinischen Versorgung an der Schule eine Freundin. Nach drei Jahren kehrt sie ins Reservat zurück und stellt fest, dass sie sich nicht mehr ganz zugehörig fühlt. Sie hat sich verändert, und ihre Heimat auch.

Ihre Mutter lebt nun in einem befestigten Haus, die anderen Jugendlichen sprechen untereinander Englisch und tragen keine traditionelle Kleidung mehr. Aus Verlorenheit kehrt sie an die Schule zurück. Dort werden die Schülerinnen und Schüler eigentlich dazu ausgebildet, niedrige Arbeiten zu verrichten, doch Zitkala-Ša will mehr. Sie lernt Klavier und Geige zu spielen, und nimmt an der Schule einen Posten als Musiklehrerin an. Nach ihrem Abschluss entschließt sie sich zu studieren, was zu einem Streit mit ihrer Mutter führt. An einem Konservatorium in Boston studiert sie Geige. Danach unterrichtet sie Musik an einem Internat wie jenem, an dem sie selbst war.

Im Jahr 1900 schickt sie der Direktor des Internats zurück ins Yankton-Reservat, um ihrerseits Kinder für die Schule anzuwerben. Die Heimkehr ist ein Schock. Das Haus ihrer Mutter verfällt, ihr Bruder hat seine Arbeit verloren und weiße Siedler dringen verbotenerweise in das Reservat vor. Zitkala-Ša wird von einer Wut ergriffen, die sie nicht mehr loslässt. Bei ihrer Rückkehr in die Schule erkennt sie, wie sehr sie das Schulsystem von ihren Wurzeln entfremdet hat, und wie schlecht ihre Schülerinnen und Schüler behandelt werden. Sie kündigt ihre Stelle und kehrt ins Reservat zurück.

Dort kümmert sie sich um ihre Mutter und sammelt Legenden und Erzählungen ihres Stammes. Sie schreibt sie nieder und veröffentlicht sie im Buch „Old Indian Legends“. Daneben verfasst sie Texte über ihre Kindheit im Reservat, ihre Zeit als Schülerin im Internat und ihre Karriere als Lehrerin. Diese erscheinen erst in Zeitschriften, später im Band „American Indian Stories“. Wenig später lernt sie Captain Raymond Bonnins kennen, der ebenfalls von den Yankton-Dakota abstammt. Sie heiraten und bekommen einen Sohn. Als Bonnins nach Utah versetzt wird, zieht die Familie für vierzehn Jahre ins Reservat des Ute-Stamms. In Utah lernt Zitkala-Ša den Komponisten William F. Hanson kennen. Gemeinsam schreiben sie eine Oper über den Sonnentanz, ein Ritual der UreinwohnerInnen. Zitkala-Ša schreibt das Libretto und die Lieder für die Oper. Zusätzlich spielt sie Hanson auf der Geige traditionelle Melodien vor, die dieser in die Musik einflicht. Die „Sun Dance Opera“ ist die erste Oper, die sich mit traditionellen Themen und Motiven der UreinwohnerInnen beschäftigt. Sie hat großen Erfolg.

Neben ihrer Arbeit als Autorin und Musikerin engagiert sich Zitkala-Ša auch politisch. Sie tritt der „Society for American Indians“ bei und arbeitet als deren Generalsekretärin. In dieser Position legt sie sich mit staatlichen Behörden an und kämpft für die Rechte der UreinwohnerInnen. Später veröffentlicht sie den Artikel „Oklahoma’s Poor Rich Indians“, indem sie aufdeckt, wie große Firmen amerikanische UreinwohnerInnen gezielt ermorden, betrügen und vertreiben, um an die natürlichen Ressourcen in ihren Reservaten heranzukommen. Der Artikel hat großen Einfluss auf spätere rechtliche Zugeständnisse des Staates an die Stämme.

Später gründen sie und ihr Mann in Washington D.C. das „National Council of American Indians“. Zitkala-Ša ist Präsidentin und Sprecherin der Organisation. Bis zu ihrem Tod setzt sie sich unermüdlich für das Wahlrecht, bessere Gesundheitsversorgung und Bildungschancen für amerikanische UreinwohnerInnen ein. Am 26. Januar 1938 verstirbt Zitkala-Ša mit einundsechzig Jahren in Washington D.C. Sie gilt als eine der einflussreichsten indianischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.

Ricarda Opis

Ricarda Opis wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.

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