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Worte fangen, Leben verstehen und der Queen einen Brief schreiben

Mit ihrem Roman „Der Zopf“ führte Laetitia Colombani vor, wie gut sich Erzählstränge verschränken lassen. Auch dieser Roman ergriff einen schnell, man war ganz auf der Seite der Protagonistinnen, der zähen Anwältin wie der Perückenmacherin und der Mutter, die mit ihrem Kind vor Gewalt flüchtet. Die Absicht ist deutlich, die Sprache dient der Vermittlung der sozialen Botschaften, vermischt mit treffenden, empathischen Szenen. Sprachspiele sind in dieser realistischen Erzählweise, der exakten Skizzierung der Charaktere und der klar definierten sozialen Botschaft selten. Trivial? Wer diese Kategorie braucht, bitte sehr! Ich komme ohne diese aus: Das Buch rührt an, beschreibt, hat Tiefe und vermeidet überwiegend Schwarz-Weiß-Klischees.

Solène ist eine erfolgreiche Anwältin, hat stets die Wünsche ihrer Umgebung erfüllt: Die Eltern waren Juristen, was lag näher, selbst auch Jura zu studieren. Der Geliebte wollte keine Kinder, was lag näher, als keine Kinder zu wollen. Alles war perfekt: Erfolg im Beruf, eine wunderschöne Wohnung in Paris, Luxus und einen sicheren Ort für die eigenen Träume. Etwa den Traum, ein Buch, eine Geschichte zu schreiben. Der Mandant, der sich vor ihren Augen, kaum aus dem Gerichtssaal gekommen, in die Tiefe stürzt, bringt ihren Alltag aus dem Takt. Der zweite Erzählstrang skizziert das Leben von Blance Peyron, jener beherzten Frau, die vor hundert Jahren die Not von Frauen erkannte, ihnen half und mitten in Paris einen Palast, einen Rückzugs- und Schutzort für sie begründete.

Dieser Ort ist kein Absteigequartier. Es ist ein Palast.

Dort sitzt die Staranwältin, die so gut mit Worten arbeiten kann, und wartet auf Klientinnen. Sie ist als Briefschreiberin ehrenamtlich tätig, sitzt im großen Raum mit unterschiedlichen Frauen und weiß noch gar nicht, was alles auf sie zukommt. Beherzt schreibt sie Queen Elizabeth, eine Klientin möchte nämlich ein Autogramm von ihr, erzählt ihr nebenbei ihre Leidens- und Überlebensgeschichte.

Hinter den Mauern des Palastes geht es intensiver zu als anderswo, das Leben dreht dort schneller, die Emotionen sind um das Zehnfache verstärkt. Der Mangel an allem und das Schicksal jeder Einzelnen sorgen für Spannungen zwischen den Bewohnerinnen und den Angestellten. Manche Frauen sind schwierig im Umgang.

Da will eine andere einen Brief an den Sohn schreiben, ihn musste sie zurücklassen, um die kleine Tochter vor der Genitalbeschneidung zu bewahren. Ob sich hier die richtigen Worte finden lassen? Solène scheitert bei manchen Anläufen, gewinnt aber mehr und mehr das Vertrauen der Palastbewohnerinnen und stellt immer mehr ihr eigenes Leben in Frage. Weitermachen, wenn ihr burnout vorbei ist? Das wohl nicht!

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen

Lust am Schreiben, tiefe Einblicke, Historisches mit Aktuellem verbunden, Einblicke, gut lesbaren Text, Feingefühl, Empathie.

Die Autorin Laetitia Colombani

studierte Germanistik, Romanistik, Kunstgeschichte in Lyon und Berlin, hat als Übersetzerin und Lektorin gearbeitet.

Laetitia Colombani:
Das Haus der Frauen.
Roman.
Aus dem Französischen von Claudia Marquardt.
Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2020.
256 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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