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„Wir haben einen klaren Blick auf das Leben“

Irmgard Lehner ist Seelsorgerin, ihre Schwester Marlen Schachinger Literatin. Ein Austausch über die Geburtswehen beim Schreiben, die Arbeit für Menschen und die Akzeptanz der Endlichkeit.

Was Ihren beiden Berufen gemein ist, ist das Verfassen von Texten. Ich gehe aber davon aus, dass Sie unterschiedliche Zugänge zum Schreiben haben.

Irmgard Lehner: Ich verfasse Texte für Ansprachen bei Tauffeiern, Begräbnissen, für Predigten oder Gebete. Meine Texte schreibe ich mit der Hand, das ist ein innerer Prozess, für den ich Zeit und Raum brauche. Das geht nicht einfach schnell zwischen zwei Terminen. Ich bin eine sehr kontemplative Frau, meditiere täglich. Manchmal komme ich erst einmal eine Stunde lang zur Ruhe, bevor ich mit einem Text beginnen kann. Ich habe hohen Respekt vor diesem kreativ-spirituellen Akt.

Wie viel Zeit verbringt die Schriftstellerin mit Schreiben?

Marlen Schachinger: Immer. Es schreibt sich in mir. Ich kann das Denken ja nicht beurlauben. Es ist schon so, wie Irmgard es charakterisiert: Es braucht Zeit, um für sich und in sich zu sein, damit ein Werk entstehen kann. Zu Schreiben beschränkt sich nicht darauf, zu sitzen und eine Erzählung zu fertigen. Es ist mein „in der Welt sein“, meine Seinsform. Sagen wir es so: Ich brauche sehr viel Schlaf; und wenn ich nicht schlafe, schreibe ich.
Irmgard Lehner: Oder du bist im Garten!
Marlen Schachinger: Da schreibe ich in Gedanken, und es kann sein, dass ich den Spaten wegwerfe und ins Haus laufe, weil ich plötzlich den Satz weiß, den eine Figur sagen will, das treffende Wort für ein Erzählelement finde – und weiter schreibe.

Würden Sie sich und Ihre schriftstellerische Tätigkeit als spirituell bezeichnen?

Marlen Schachinger: Literatur, so wie ich sie sehe, hat durchaus eine seelsorgende Komponente. Ich glaube, dass Literatur die Aufgabe hat, unsere Welt zu reflektieren, die Auseinandersetzung der Menschen mit der Welt anzuregen. Dafür braucht das Schreiben viel Ruhe, Zeit, Behutsamkeit. Doch, in gewisser Weise ist das ein spiritueller Aspekt.
Irmgard Lehner: Ich habe das Gefühl, bei dir im Schreiben und bei mir in der Seelsorge geht es insofern um dasselbe, weil es um das Leben geht. So wie es ist, in aller Vielfalt, in aller Schönheit, in aller Zerbrechlichkeit. Das Leben ist etwas sehr Bedeutsames für uns, wir haben beide einen ­klaren Blick darauf, was Leben bedeutet, auch für andere. Wir haben beide ein gutes Gespür für Menschen, können uns gut in andere hineinversetzen. Unser Gottesbezug ist allerdings verschieden.
Marlen Schachinger: Ja, wir haben beide unsere Art und Weise gesucht, wie wir gut in der Welt sein können. Ich denke der Schriftsteller Mario Vargas Llosa hat recht, wenn er sagt: „Man ist nackt, wenn man zu schreiben beginnt, dann bemäntelt und bekleidet man und bildet etwas Neues daraus, fern von einem selbst.“
Irmgard Lehner: Diese Nacktheit empfinde ich auch immer wieder einmal, wenn ich Predigten schreibe oder Gedichte, die ich mit der Gemeinde oder für sie bete. Ich öffne mich durch meine Texte, stehe nackt und bloß vor meiner Gemeinde, zeige viel von mir. Ich will keine Sprachhülsen verwenden, etwas aus kirchlichen Büchern in einer Sprache, die nicht mehr die der Menschen heute ist. Ich will mich mit meiner Sprache zeigen. Für mich ist auch das eine Beziehungsmöglichkeit.

Sie haben gemeint, Ihr Gottesbezug sei ­verschieden. Was sagen Sie über Gott?

Irmgard Lehner: Ich meine, Gott ist eine Wirklichkeit, die sich in der Welt, im Leben, in den Menschen zeigt, die man spüren kann. Manchmal kann man sie auch nur erahnen. Mich interessiert diese Wirklichkeit sehr, und ich schaue, wo ich ihr nahe sein und die Beziehung zu ihr wachsen lassen kann.
Marlen Schachinger: Ich bin Agnostikerin, ich glaube nicht, dass man beweisen kann, dass es Gott gibt. An Irmgard schätze ich, dass sie das respektiert. Ich habe nie das Gefühl, bedrängt oder missioniert zu werden.

Das vollständige Interview finden Sie in der Printausgabe.

Irmgard Lehner (49, links im Bild) leitet die Pfarre St. Franziskus in Wels als Pfarrassistentin. Neben organisatorischen Leitungstätigkeiten ist es ihre Aufgabe, Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu begleiten, kirchliche Feste zu gestalten und mit der Gemeinde zu feiern. Sie hat Theologie und Mathematik studiert und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Wels.

Marlen Schachinger (48) ist Literatin und künstlerische Leiterin des Instituts für Narrative Kunst. Die Literaturwissenschaftlerin ist Mutter dreier erwachsener Kinder und lebt im Weinviertel. Zuletzt publizierte sie 2018 „Requiem. Fortwährende Wandlung“, gemeinsam mit Markus Orths und Michael Stavarič, und 2016 den Roman „Martiniloben“. Beide Bücher sind im Septime-Verlag erschienen.

Marlen Schachinger

Ich bin …
… Literatin.

Denke ich an meine Kindheit, ….
… fallen mir Papas Reiseträume ein. Der Doppeldecker wurde zwar nie bestiegen, war mir aber immer präsent. Ich habe als kleines Mädel davon geträumt, zu solch einem Flugabenteuer aufzubrechen.

Meine Schwester Irmgard …
… war für mich in der Umbruchszeit der Pubertät ein fixer Anker. Ich wusste, ich konnte mich jeder Zeit auf sie verlassen, ein wunderbares Gefühl.

Irmgard Lehner

Ich bin …
… Seelsorgerin. Den Berufswunsch hatte ich schon mit 16 Jahren, weil ich etwas verändern wollte. Dieser Wunsch ist bis heute ein starker Antrieb.

Es liegt in meiner Natur …
… die Menschen im Blick zu haben und zu schauen, ob es allen gut geht. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich die älteste von vier Schwestern bin.

Eine meiner Kraftquellen ist …
… die Meditation. Dafür nehme ich mir jeden Tag Zeit, auch dann, wenn viel zu tun ist.