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Wir haben ein Rendezvous

Wie in einem meditativen Film breitet sich die Handlung des leicht überdimensionierten Bilderbuches im Hochformat vor uns aus: Nur ein Lichtstrahl streift die Betten der Geschwister, als sie mitten in tiefster Nacht geweckt werden. Mucksmäuschenstill, um die anderen HausbewohnerInnen nicht zu wecken, schlüpfen sie in ihre Kleider, widerspruchslos und schweigend. Sie sind verabredet, das ist alles, was wir wissen. Vertrauensvoll folgen sie der Aufforderung der Mutter, auch wenn sie nur ein oder zwei Stunden geschlafen haben und sicherlich noch müde sind. Doch der Plan, sich mitten in der Nacht auf zu machen, wurde gewiss bereits am Vorabend gefasst und ist unumstößlich. Der Preis des Verzichts auf wohliges Ausschlafen ist einkalkuliert, so wichtig ist das Vorhaben.

Ein besonderes Ereignis steht bevor – jenseits des grauen Alltags –, so viel ist sicher. Verheißungsvoll und feierlich ist auch uns Betrachtenden zumute angesichts des tief samtigen Blaus, in das die Seiten getaucht sind.

Ruhig macht sich die vierköpfige Familie auf den Weg. Draußen im Garten zirpt es und die Sommernacht ist voller Düfte. Die Mauern der Häuser im Dorf sind noch warm. Hell erleuchtet ist manches Fenster, besonders das große Hotel strahlt imposant. Doch bald lassen die Vier die Siedlung hinter sich und wandern entlang von Kuhweiden auf die Berge zu.

Allmählich tritt alles aus der Dunkelheit heraus,

denn unsere Augen gewöhnen sich an die Nacht.

Ein Zug rattert laut in der Ferne, dann ist es wieder still. Eine feine Spannung liegt über dem Weg der Familie, mit wem sie sich wohl treffen? Nachtaktive Tiere wie ein Dachs oder eine Eule werden sichtbar, Hirsch und Hase beobachten die friedlich Wandernden unbemerkt. Die Verabredung, „Rendez-vous“ im französischen Original, ist geheimnisvoll und schärft alle Sinne, den Wissensdurst, die Experimentierfreude.

Im Dunkeln bieten sich Spiele mit dem Licht der Taschenlampe an. Spiegelungen im Wasser, Schatten, Lichtbewegungen: Das alles passiert lautlos und ist magisch und faszinierend.

Neben den visuellen Eindrücken des Bilderbuchs, die Erinnerungen an Bergbesteigungen im Morgengrauen in mir wachrufen, den würzigen Gerüchen der lauen Sommernacht, hat der Film auch eine Tonspur: verhaltene Stimmen, Schritte auf dem Geröllfeld, ein Stein, der sich durch Unachtsamkeit löst und einige Meter nach unten rollt, Widerhall von der Felswand gegenüber. Räumliches Empfinden. Unterwegssein, als wären wir die einzigen munteren Wesen, und das innige Verbunden-Sein mit der verlässlich existenten Welt.

Das Mädchen mit den beiden geflochtenen Zöpfen, das am Buchcover so entschlossen nach oben strebt, ist vielleicht die Autorillustratorin Marie Dorléans selbst, die sich mit diesem Buch mit Dankbarkeit an ihren Vater wendet, mit dem gemeinsam sie zahlreiche Ausflüge in die Berge unternommen haben dürfte. „Für meinen Vater, einen leidenschaftlichen Wanderer“ lautet ihre Widmung.

Ein unersetzbares Geschenk ist es für Kinder, auf Initiative der Eltern die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont der Berge blitzen zu sehen. Man muss es nur tun, das überzeugte Motivieren und Ankündigen der Unternehmung für die Nachtstunden vor dem Morgen, sich aufmachen und losgehen, um den jeden Tag wieder einzigartigen Sonnenaufgang am Berg als unvergesslichen Eindruck gemeinsam zu erleben. Belohnt wird das frühe Aufstehen und Umsetzen des eigentlich simplen Plans mit einem Naturschauspiel, das nichts kostet und als Erfahrung so wertvoll ist wie kaum etwas anderes auf der Welt: das Rendezvous mit der Sonne, ohne die unser Dasein undenkbar wäre.

Die abschließende Doppelseite zeigt gleißendes, hellstes Sonnenlicht, das beinahe blendet und nach den dunklen Seiten unseren Sehnerv kitzelt. Ja, und so blinzen wir auch im Bilderbuch glücklich wie in die aufgehende Sonne. Danke, Marie Dorléans, für diese Erinnerung an eigene Bergwanderungen gemeinsam mit meinen Eltern und Geschwistern!

Marie Dorléans:
Auf leisen Sohlen durch die Nacht
Gerstenberg 2019

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Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren, ist Buchhändlerin, Mutter von 3 Kindern und lebt in Ottensheim, wo sie 17 Jahre im Kleinen Buchladen tätig war. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ war wegweisend. Glückliche Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ inspirierten zu Bilderbuch-Stunden für Eltern-Kind-Gruppen, zu Literaturvermittlung für Vorschulkinder und zu Referententätigkeit für Kindergartenpädagogik. Aktuell rollt sie mit Eisenbahn oder Fahrrad die Donau entlang nach Linz, wo sie als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz Bücher empfiehlt, die auf den zweiten Blick noch Überraschendes bereithalten. Mit ihrer Freundin vom Figurentheater [isipisi] teilt sie die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.

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