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01-02/23

„Wir haben ein großes gesellschaftliches Problem“

„Wir haben ein großes gesellschaftliches Problem“

Haben Frauen und Männer unterschiedliche Zugänge zu Architektur und Planung? „Grundsätzlich nicht“, sagt die Leiterin der Abteilung Stadtentwicklung der Stadt Bregenz, Architektin und Gastprofessorin an verschiedenen Universitäten Andrea Krupski von Mansberg und erklärt, warum Frauen in ihrem Beruf dennoch selten zu finden sind.

Man könnte doch meinen, Stadt ist Stadt, welche speziellen Bedürfnisse sollten Frauen haben? Aber dem ist ja nicht so. Was ist für Frauen wichtig in einer Stadt? Wo liegt der Unterschied zu Bedürfnissen von Männern? 

Ich glaube, dass es immer um die Stadt für alle gehen sollte. Man versucht bereits, nicht mehr in Splittergruppen zu denken. Und alles, was gut ist für die etwas schwächeren Gruppen – also ältere Menschen, aber auch Kinder – ist natürlich im Grunde gut für alle. Deshalb würde ich tendenziell nicht für eine Stadt für Frauen sprechen, sondern es geht darum, alle abzubilden und insbesondere natürlich die Schwächeren zu berücksichtigen. Das betrifft die Verkehrssicherheit, das betrifft natürlich die Mobilitätsfrage. Wie integrieren wir die Mobilität menschenverträglich in unsere Städte? Wie gehen wir mit dem öffentlichen Raum um? Wie gehen wir mit dem Thema Infrastruktur um? Was bieten wir an? Es geht in der Stadtplanung insbesondere ja auch immer um den Hochbau und die halböffentlichen Räume. Corona und die Lockdownzeiten haben uns sehr drastisch vor Augen geführt, welcher Druck auf den Städten gelastet hat, wie wichtig Qualität in der Stadt geworden ist, wie wichtig der öffentliche Raum ist, aber auch wie wichtig zum Beispiel Balkone oder private Außenraummöglichkeiten sind.
Ein ganz wichtiges Thema sind natürlich auch kurze Wege wie bei uns in der Stadt Bregenz. Das heißt, dass ich zu Fuß oder mit dem Rad möglichst alle wichtigen Infrastrukturen erreichen kann, die ich zum Leben erreichen muss – also Arbeitsplatz, Bildungseinrichtung für die Kinder, soziale Infrastruktur, medizinische Versorgung und auch Geschäfte. Das ist in allen Städten ein bedeutendes Thema.

 

Und wie ist es in Bezug auf Sicherheitsempfinden oder auch tatsächlich Sicherheit? 

Es gibt viele Unorte, die man im Zuge einer verkehrsgerechten Stadt gebaut hat. Viele Park- und Tiefgaragen oder auch öffentliche WC-Anlagen sind echte Angsträume. Orte, an denen es keine soziale Kontrolle gibt, wo der Außenraum ein bisschen schäbig und heruntergekommen ist: Das sind sozusagen Angst-Orte oder Ekel-Orte – Orte, an denen sich Mädchen und Frauen weniger wohlfühlen oder mehr Angst entwickeln als Männer in unserer Gesellschaft. Aber das ist ja generell ein Thema: solche Orte erst gar nicht mehr zu schaffen, und wenn sie denn schon da sind, etwas dagegen zu unternehmen. In erster Linie geht es, glaube ich, um Belebung und gute Gestaltung. Je belebter ein Ort, und wenn er dann auch noch übersichtlich und verkehrssicher ist, desto sicherer fühlt man sich. Wenn man alleine durch eine menschenleere Kleinstadt geht, fühlt man sich unwohler, als wenn man durch Großstadtgewimmel geht und dort vielen Frauen begegnet.

„Als ich Architektur studiert habe, waren 50 Prozent Männer, 50 Prozent Frauen. Später im Job stellst du dann aber fest, dass es plötzlich 80 Prozent Männer und nur 20 Prozent Frauen sind und fragst dich, wie das sein kann.“

 

Sie sind selbst Architektin. Haben Frauen einen anderen Zugang zu Planung als Männer? 

Nein, das glaube ich nicht. Ich bin seit 30 Jahren in meinem Metier tätig. Ich habe wunderbare Gebäude gesehen – sowohl solche, die von Männern entworfen wurden als auch solche, die Frauen entworfen haben. Ich finde, da gibt es keinen Unterschied. Was ich aber feststelle: Als ich Architektur studiert habe, waren 50 Prozent Männer, 50 Prozent Frauen. Später im Job stellst du dann aber fest, dass es plötzlich 80 Prozent Männer und nur 20 Prozent Frauen sind und fragst dich, wie das sein kann. Es liegt daran, dass die Frauen wegen der Familie meist halbtags arbeiten und dann nicht mehr in leitenden Funktionen tätig sind. Dadurch treten sie nicht in der Öffentlichkeit auf, wenn zum Beispiel ein Bauwerk von einem großen, bedeutsamen Ingenieursbüro fertiggestellt wird, in dem wahrscheinlich auch einige Frauen arbeiten, die zwar mitgearbeitet haben, aber nicht das Büro leiten. Da haben wir ein großes gesellschaftliches Problem. Meiner Meinung nach ist es ein arbeitspolitisches Thema, dafür zu sorgen, dass die Care-Arbeit nicht nur von Frauen geleistet wird. Ich denke, das funktioniert in den skandinavischen Ländern sehr viel besser. Diese Dinge muss man auch betrachten: Wie bringt man Frauen in die Erwerbstätigkeit und wie behält man sie auch darin? Ein weiteres Thema ist aus meiner Sicht, dass im Bereich Planen und Bauen sehr viele Überstunden geleistet werden und plötzlich genau in diesen Bereichen Frauen nicht mehr auftreten. Diese 50- bis 60-Stunden-Woche schreckt viele ab. In Skandinavien ist es ja so, dass 100 Prozent Arbeitszeit 35 Wochenstunden sind, und wenn Frauen dann – auch auf Leitungsebene – ihre Arbeitszeit reduzieren, liegen sie bei maximal 30 Stunden. Das ist natürlich wunderbar mit einer Familie vereinbar – vor allem, wenn das beide Eheleute tun, und das ist in Skandinavien, anders als bei uns, der Fall. Deswegen würde ich sagen: Wir haben ein richtig großes gesellschaftliches Problem.

 

Haben Sie im Laufe Ihrer Tätigkeit beobachtet, dass sich in Richtung Planung für Frauen etwas verändert hat? Mehr Augenmerk gelegt wird auf bessere Beleuchtung oder Belebung der Plätze, damit Frauen sich sicherer fühlen können oder auch sicherer sind? 

Das ist im Grunde ein Thema, das ich schon immer kenne. Ich kann nicht sagen, dass sich das wahnsinnig verbessert hat. Sicherheit im öffentlichen Raum durch Beleuchtung und auch Belebung wurde immer mitberücksichtigt. Das war Ende der 90er-Jahre nicht anders. Ich frage mich aber ernsthaft, warum das immer noch ein Thema sein muss. Für mich ist es zeitgemäß und völlig normal, dass Frauen Stadt bauen und an allen Planungsprozessen beteiligt, auch als Nutzerinnen dabei sind. Aber schon seit ich in diesem Beruf tätig bin, ist das ein Thema. Dass es nicht selbstverständlich geworden ist, finde ich das Traurige an der ganzen Thematik.

 

Dass zum Beispiel die Brooklyn Bridge 1883 von einer Frau geplant und fertiggestellt wurde, wissen wenige. Werden Frauen im Städtebau insgesamt weniger wahrgenommen? 

Es gibt sehr bekannte Planerinnen, Städtebauerinnen und Architektinnen, deren Werke wertgeschätzt, publiziert und besprochen werden wie die von Männern auch. In meiner Wahrnehmung werden in der Gegenwart Arbeiten von Frauen nicht absichtlich übersehen oder missachtet. Das Problem ist, dass es zu wenig geschäftsführende Frauen in diesen Bereichen gibt, die dann mit ihrem Namen für die Planung stehen.