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Wie verwundbar sind wir?

Die Corona-Pandemie zeigt, wie verwundbar unsere Welt ist, unsere Gesellschaft und unser Leben. War uns diese Tatsache immer schon bewusst oder haben wir sie verdrängt? Können wir uns vor Verletzungen überhaupt schützen? Und in welchen Situationen wäre es sogar wichtig, sensibel und berührbar zu sein?

„Ein Gradmesser unseres Mutes“

Unternehmensberaterin Claudia Novak (41) setzt sich für eine konstruktive Fehlerkultur ein.

In unserem Kulturkreis wird Verletzlichkeit oft mit Schwäche gleichgesetzt. Doch eigentlich ist sie ein Barometer unseres Mutes, weil wir uns trauen, uns auf das Leben einzulassen – und auf das Risiko, verletzt zu werden“, sagt die Bühnencoachin Claudia Novak. Durch das Streben nach Unverwundbarkeit beraubten wir uns unserer Entwicklungsmöglichkeiten. Auch deshalb motiviere sie mit ihrer Unternehmensberatung „Women on Stage“ Frauen dazu, statt Perfektionismus mehr Verletzlichkeit zuzulassen und dadurch das eigene volle Potenzial auszuschöpfen.

„Wird in Betrieben Unfehlbarkeit als Unternehmenswert vorgelebt, herrscht eine Angstkultur, geprägt von Risikovermeidung und starrem Gehorsam. Ein offener, konstruktiver Umgang mit Fehlern ist dann nicht möglich und so auch kein Lern- und Verbesserungsprozess“, erklärt Novak und erzählt von Menschen, die sich aus Furcht, abgelehnt zu werden, nicht trauten, Ideen zu präsentieren oder ihre Kreativität auszuleben. Vor allem Frauen hätten leider oft das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Selbst weibliche Führungskräfte orientierten sich am „Bild des patriarchal-hierarchischen Chefs, der sich nie verletzlich zeigt und keine Fehler macht.“ Modernes Leadership umfasse aber auch die Ermutigung zur Eigenverantwortung sowie Empathie und Kooperation.

Selbstwert stärken

Könnten sich MitarbeiterInnen wiederum mit all ihren Facetten einbringen, entstehe ein Nährboden für Kreativität und Innovation. „Gestalterisch tätig zu sein, ist immer eine verletzliche Angelegenheit, weil man einen Teil seines Selbst zeigt. Wer dabei ganz bei sich bleibt und fürsorglich seinen Selbstwert nährt, ist in seiner Kraft und nicht so sehr vom Applaus anderer abhängig. Was ich tue und was ich bin, sollte außerdem voneinander getrennt werden. Dann kratzt auch eine falsche Entscheidung oder ein gescheitertes Projekt nicht so sehr am Selbstwert“, so Novak.

Auch gesellschaftlich sollte ein neuer Umgang mit Verletzlichkeit und Ungewissheiten etabliert werden. „Mehr denn je brauchen wir jetzt Offenheit für innovative Lösungen und innerhalb eines sicheren Rahmens einen Raum für ‚Trial and Error‘ – also für Versuch und Irrtum“, meint die promovierte Juristin.

Claudia Novak
Verletzlich zu sein bedeutet, menschlich zu bleiben und sich dem Leben zu stellen. Wer nichts und niemanden an sich heranlässt, geht vielleicht unversehrt durchs Leben, dafür aber einsam.
Claudia Novak

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Erschienen in „Welt der Frauen“ Juli/August 2020

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