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Wie man über Dinge schweigt

Mit Fanny die Nacht durchwachen, mit Fanny über die Wünsche nach Geschichten nachdenken, was meint Fannys Enkeltochter, wenn sie sich echte Geschichten von der Großmutter wünscht. Die Erinnerungen kommen, wie oft ist die kleine Fanny unterm Küchentisch gesessen und hat die Beine und Füße ihrer Familie studiert. Leise beobachten, das konnte sie schon immer gut; außerdem war sie bereits als Kind eine Meisterin im „Sich-Gedanken-Machen“. Laura Freudenthaler lässt Fanny in ihre Erinnerungen eintauchen, ohne ihr ein „Ich“ in den Text zu schreiben, so lässt die Erzählerin, die lieber schweigt, die Leser*innen nie zu nahe an sich heran. Fanny wird zur Erzählinstanz, zur stolzen Erinnernden, zur stolzen Großmutter, zur stolzen Frau und immer wieder zu diesem besonderen Kind, das sich im Beobachten sicher fühlte, falsche Töne in Unterhaltungen auszumachen wusste und sich auf das eigene Leben vorbereitete.

Die Schönheit hatte angefangen, Fanny zu beschäftigen. Hin und wieder bemerkte Fanny, dass der Vater sie beobachtet hatte, wenn sie aufblickte, ohne zu wissen, warum, und er schaute sie an und sagte, Eitelkeit sei eine Todsünde. (S. 21)

Nachdem Fanny in der Kleinstadt gelebt und auch dort die Spielregeln schnell gelernt hat, steht sie nun vor der Herausforderung des Alterns. Wie geht man denn in Würde mit den Flecken auf der Matratze, wie mit der Plastikunterlage um: Wussten die Menschen denn nicht, dass sie, Fanny, schon lange nicht mehr in der Nacht schlief? Und wieder kommen die Erinnerungen, die Plastikunterlage raschelt zwischen Fannys Gedanken an ihren Sohn Toni.

Es kam vor, dass Toni ein Mädchen mit nachhause nahm, um es seiner Mutter vorzustellen. Fanny hatte dann einen Kuchen gebacken und kochte Kaffee. Sie war sehr höflich. Niemand konnte ihr vorwerfen, nicht alles so zu machen, wie es sich gehörte. Sie fand, man konnte ihr auch keinen Vorwurf daraus machen, dass sie nicht viel sagte, sondern das Mädchen beobachtete, wie es sich um ein Gespräch bemühte. (S. 128)

Fanny, Meisterin des Erinnerns und des Schweigens, erzählt Nacht für Nacht ihr Leben.

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: nächtliche Selbstbefragung, starke Charaktere, Wehmut, Mut und Wut, Erinnerungen, Zärtlichkeit, Reflexion, Kindheitsmuster, Geschichte, Geschichten.

Die Autorin ist 1984 in Salzburg geboren, Studium der Germanistik, Philosophie und Gender Studies; sie lebt in Wien. Ihr Erzählband „Der Schädel von Madeleine. Paargeschichten“ ist 2014 erschienen. Für den hier empfohlenen Roman erhielt sie den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2018.

Laura Freudenthaler:
Die Königin schweigt.
Roman.
Graz – Wien: Literaturverlag Droschl 2017.
206 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“