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06/24

Wie fühlen wir mit, ohne selbst zu leiden?

Wie fühlen wir mit, ohne selbst zu leiden?
Foto: SUHAIB SALEM / REUTERS / picturedesk.com

Die verheerenden Bilder des Erdbebens in Syrien und der Türkei gehen um die Welt, sie hinterlassen Schock, Schmerz und Trauer. Wie können wir mitfühlen und uns gleichzeitig schützen? Ist es egoistisch, das Geschehene völlig zu ignorieren? Ein Gespräch mit Psychotherapeutin Barbara Winzely.

Frau Winzely, unser Mitgefühl ist zurzeit bei den Menschen in der Türkei und in Syrien. Täglich sehen wir Fotos und Videos aus den Erdbebengebieten, die einem das Gefühl geben, mitten im Geschehen zu sein. Was macht das mit uns?

Vor allem Menschen, die sich viel in den sozialen Netzwerken bewegen, stoßen dort ungefiltert auf Fotos und Videos aus den Katastrophengebieten. Einerseits sind diese Bilder anziehend, sie wirken direkt im Gehirn, lösen starke Emotionen in uns aus, sie berühren uns. Andererseits sollte man sich aber auch aktiv davor schützen, denn die Inhalte können verstörend sein. Manchmal gibt es vor dem Abspielen von Fotos und Videos Warnungen, damit NutzerInnen selbst entscheiden können, ob sie die Inhalte sehen möchten oder nicht, ganz oft gibt es die aber nicht. Soziale Medien ermöglichen es uns, durchgehend Bilder zu konsumieren, die einem das Gefühl geben, mitten in der Tragödie zu sein. Ich rate davon ab, sich täglich mehrere Stunden mit solchen Bildern zu konfrontieren. Wer informiert sein möchte, kann sich vornehmen, sich zweimal am Tag damit auseinanderzusetzen, sich die restliche Zeit aber zu distanzieren, um die eigene mentale Gesundheit zu schützen. Ich glaube, dass viele Menschen, die diese Bilder konsumieren, über ihre Grenzen gehen und erst später merken, dass es für sie und ihre Psyche zu viel war.

Das Foto von einem Mann, der die tote Hand seiner unter den Trümmern begrabenen Tochter nicht loslässt, ging um die Welt und löste große Bestürzung aus. Wie achtsam sollte ich mit Bildern umgehen und wie weiß ich, mit welchen ich mich konfrontieren sollte und mit welchen nicht? 

Ich habe das Foto des trauernden Mannes auch gesehen und ich empfinde diesen Moment, der hier bildlich eingefangen wurde, als äußerst intim. Es ist ein Bild, das sehr bewegt, gleichzeitig aber auch nach viel Respekt und Achtsamkeit verlangt. Ich finde es wichtig, sich zu fragen, welche Inhalte ich teilen möchte. Zu Beginn einer Katastrophe, wie diesem furchtbaren Erdbeben, ist es häufig so, dass man alles darüber wissen will und zu viele Inhalte konsumiert. Dann kann es passieren, dass ich mich ohnmächtig und handlungsunfähig fühle. Wenn ich Mitgefühl habe, kann ich mich in die Lage anderer Menschen hineinversetzen, gleichzeitig habe ich aber auch den Wunsch, zu helfen. Was kann ich tun? Im Moment ist es bestimmt am besten, die professionellen HelferInnen vor Ort mit Geldspenden zu unterstützen. Jeder Mensch geht aber auch individuell mit dem Leid anderer um, andere distanzieren sich davon völlig.

Ist es egoistisch, das Leid dieser Menschen zu ignorieren, um sich selbst zu schützen?

Ich habe vollstes Verständnis für jene Menschen, die sich nicht mit Fotos und Videos aus dem Katastrophengebiet auseinandersetzen möchten und sich davon distanzieren. Das ist eine individuelle Entscheidung. Jeder Mensch hat seine eigenen Gründe dafür, warum er sich schützt, das ist nicht egoistisch, sondern oft eine wichtige Schutzfunktion. Nicht jeder Mensch schafft es außerdem, einzutauchen, zu helfen und dann wieder auszusteigen. Professionelle HelferInnen sind hier geschult. Wer das nicht gelernt hat, ist sehr schnell am Rande seiner eigenen Kräfte.

Was kann ich konkret tun, wenn mir die Bilder aus der Türkei und Syrien Angst machen?

Wenn ich merke, dass die Fotos und Videos Gefühle in mir auslösen, die ich schwer ertragen kann, ist der erste Schritt, auszusteigen. Ich drehe etwa die Nachrichten ab oder schließe die sozialen Netzwerke und beschäftige mich mit etwas, das mir ein gutes Gefühl vermittelt. Wenn ich Angst habe, kann ich mir bewusst machen, dass ich in Sicherheit bin. Ein Spaziergang oder ein Telefonat kann helfen, aus der Angst zu kommen und nicht noch weiter in sie einzutauchen.

Wie kann ich Kindern erklären, was passiert ist?

Wenn Kinder Angst haben, sollte ihnen ihr Gefühl nicht abgesprochen werden. Vielmehr kann ihnen gut zugesprochen werden, etwa dass den Menschen in den betroffenen Gebieten geholfen wird. Man kann auch gemeinsam überlegen, was man für sie tun könnte, etwa spenden oder eine Kerze anzünden und positive Gedanken hinschicken. Wichtig ist immer, ehrlich zu ihnen zu sein und ihnen die Lage zu erklären – nicht in der ganzen Härte der Realität, aber auch nicht mit einer Lüge.

Es fällt auf, dass mehr über die Türkei gesprochen und berichtet wird als über Syrien. Warum ist das so und was bedeutet das für syrische Menschen?

Das Regime in Syrien verfolgt eine Abschirmungsstrategie. Medien dort berichten kaum mehr, die Menschen sind sich selbst überlassen. Zusätzlich ist uns die Türkei wahrscheinlich auch „näher“, somit ist auch das Involvement größer, weil wir mehr das Gefühl haben, dass uns das auch passieren könnte. Ich arbeite im Betreuungszentrum „Hemayat“ in Wien mit geflüchteten Menschen, die häufig traumatischen Erfahrungen ausgesetzt waren. Meine syrischen KlientInnen nehmen stark wahr, wenn über ihr Land kaum gesprochen und weniger berichtet wird. Das schmerzt sie sehr. Denn SyrerInnen haben ohnehin das Gefühl, nicht mehr zu existieren, vergessen worden zu sein. Dass nicht über sie gesprochen wird, nimmt ihnen noch die letzte Hoffnung. Die Hilfe in Syrien ist stark politisch instrumentalisiert, Hilfeleistungen kommen in Syrien kaum an. Ich merke stark, dass das Erdbeben viele syrische Kriegsflüchtlinge hier im Land retraumatisiert hat. Es gibt viele, die seit Tagen keinen Kontakt zu ihrer Familie herstellen können, die Lage ist für sie verheerend. Ich finde es ganz wichtig, dass wir uns selbst disziplinieren und von beiden betroffenen Ländern sprechen.

Zur Person:

Foto: privat

Mag.a Barbara Winzely, MSc. ist Psychotherapeutin, Supervisorin in freier Praxis und bei Hemayat, Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende, tätig. Sie ist Lehrtherapeutin für Integrative Psychotherapie an der Donau-Universität Krems. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen sowie Interkulturelle Psychotherapie.

Warum kaum Hilfe nach Syrien gelangt

Grafik: Adobe Stock

In Syrien herrscht seit 2011 Bürgerkrieg. Das Erdbeben traf vor allem Gebiete, die von RebellInnen besetzt sind. Hilfsgüter, die über die Grenze ins Land kommen, werden von der syrischen Regierung verteilt. Immer wieder gibt es Berichte, dass sich die Regierung unter dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad daran selbst bereichert und Gebiete übergeht, die sie als verfeindet betrachtet. In Syrien werden noch Tausende Menschen vermisst. Es fehlt an Ausrüstung, um Trümmer zu beseitigen. Hilfsorganisationen können momentan nicht direkt nach Syrien einreisen. Und nicht nur das, Assads Regime soll die Verwundbarkeit der verfeindeten Gebiete ausnutzen. Vermehrt kommt es dort momentan zu Bombenangriffen, während Überlebende versuchen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten. Hilfsorganisationen versuchen nun, über die Türkei Hilfsgüter an die betroffenen Menschen in Syrien zu verteilen.

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  • Veröffentlicht: 10.02.2023
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