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Wer weitergeht, gewinnt!

Kennen Sie das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen, ratlos an einer Weggabelung zu stehen oder die Spur im Leben verloren zu haben? „Solche Krisen laden ein, uns aufzumachen und dem inneren Pfad zu folgen“, meinen drei Frauen, die wir ein Stück ihres Weges begleiteten.

Helene Stürmer (55)

„Weitergehen können wir erst, wenn wir vertrauen und uns auf die eigenen Beine stellen“, sagt die Lebens- und Sozialberaterin. Gelehrt hat sie dies der Unfalltod ihrer kleinen Tochter.

Weitergehen fällt mir generell leicht, weil ich von Natur aus gerne Neues ausprobiere und Stillstand furchtbar langweilig finde. Ich liebe Bewegung, versuche physisch und mental stets mobil und flexibel zu sein. Das Leben geht schließlich auch immer weiter. Deshalb habe ich auch keine Angst vor Übergängen und vertraue dem Leben – auch dann, wenn mein Vertrauen erschüttert wird: So war das auch, als meine Tochter starb. Zu diesem Zeitpunkt war ich 21, wir lebten in Zwettl an der Rodl. Es war ein schöner Frühlingstag im März, Melanie war eineinhalb Jahre alt. Ich ging mit ihr auf den Spielplatz. Während sie spielte, unterhielt ich mich mit einer Frau. Plötzlich war meine Tochter weg. Wir suchten nach ihr und fanden sie einige Meter entfernt im nahe liegenden Distelbach. Jemand hatte am Spielplatz eine Tür nicht versperrt. Das wurde Melanie zum Verhängnis. Sie war ins eiskalte Wasser gefallen und darin ertrunken.

ABSCHIED VON MELANIE
Ich stand unter Schock. Die Gemeindeärztin sorgte dafür, dass ich mich von meiner Tochter verabschieden konnte, ein wichtiger Teil des Trauerprozesses, wie mir erst Jahre später bewusst wurde. Aber das war nicht der einzige Schrecken, den ich erlebte. Nach der Beerdigung von Melanie eröffnete mir mein Ex-Mann, dass er schon längere Zeit eine Freundin habe, worauf ich die Scheidung einreichte. Ab diesem Zeitpunkt war ich alleine unterwegs. Meine Eltern waren mir keine Stütze. Mit meinem Kind war auch ein Teil von mir gestorben. Ich wurde ein anderer Mensch. Weil ich unter massiven Schlafstörungen und körperlichen Beschwerden litt, machte ich die Nacht zum Tag und holte exzessiv meine Jugend nach. Um den Schmerz nach dem Verlust meines Kindes besser ertragen zu können, griff ich auch gerne zu Alkohol. Das betäubte meine Gefühle, die ich nicht spüren wollte. Kriseninterventionsstellen gab es damals noch nicht, und meinem Umfeld wurde das Thema irgendwann zu viel. Ich spürte, dass ich durch dieses Trauma erst richtig erwachsen wurde. Nun stellte ich mich auf die eigenen Beine, zum ersten Mal in meinem Leben. Davor war ich immer den Weg gegangen, den andere von mir erwarteten. Damit war nun Schluss. Meine Stehaufmännchen-Mentalität verdanke ich meiner steirischen Großmutter, bei der ich aufwuchs. Meine Eltern hatten keine Zeit für mich und meinen Bruder gehabt; aber es heißt ja, dass es nur eine Person braucht, die an dich glaubt. In meinem Fall war es meine Großmutter, die mir auch vorlebte, wie wichtig es ist, nach vorne zu blicken, um vorwärts gehen zu können. Das tat ich! In meiner wilden Ausgehzeit nach der Scheidung lernte ich Siggi, meinen jetzigen Mann, kennen. Ich spürte sofort, dass ich mit ihm alt werden würde. Doch ich musste erst ruhiger werden, bis aus uns ein Paar werden konnte. Bald darauf wurde ich erneut schwanger – wieder mit einer Tochter, Theresa. Ich fürchtete mich zwar davor, erneut eine Familie zu gründen und diese womöglich wieder zu verlieren, Siggi nahm mir jedoch die Angst. Wir heirateten, zwei Jahre später kam unser Sohn Felix zur Welt.

 AUS EIGENER KRAFT
Mein Vertrauen ins Leben war wieder da, sogar dann, wenn die Kinder an einem Bachlauf spielten und damit natürlich Erinnerungen an Melanies Tod hochkamen. Ich wusste, dass ich alles aus eigener Kraft schaffen kann, auch wenn etwas Schreckliches passiert. Das Schlimmste war mir mit dem Tod meines Kindes ja schon widerfahren. Mit dieser positiven Haltung ging ich meinen Weg weiter. Eines Tages fragte mich Theresa: „Mama, was hast du für einen Beruf gelernt?“ Meine Antwort war: „Keinen.“ Ich hatte meine Lehre nämlich nie abgeschlossen. Also beschloss ich, meinen Lehrabschluss nachzuholen und fing als Verkäuferin in einer Buchhandlung an. Ein paar Jahre später wechselte ich in den Außendienst. Das Geld, das ich dort verdiente, investierte ich in meine Ausbildung zur diplomierten Lebens- und Sozialberaterin und bekam auch gleich einen Job. Dort begegnete mir mein altes Thema – die Anpassung an die Wünsche anderer – noch einmal: Als meine Chefin mich mobbte, bemühte ich mich zuerst, ihr alles recht zu machen. Ich litt massiv darunter, konnte aber nicht kündigen, da mein Mann nach einem schweren Verkehrsunfall in einem längeren Krankenstand war und ich nicht auch zu Hause sein wollte. Das war gleichzeitig ein Segen, denn so musste ich mich mit dem Thema auseinandersetzen und erkannte in Supervisionen, dass es mir nicht dienlich ist, mich zu verbiegen. Fortan blieb ich immer bei mir und tat nur das, was sich für mich richtig anfühlte. Mit dieser Haltung lösten sich die Probleme mit meiner Chefin auf. Trotzdem ging ich wieder weiter, nahm die Leitung einer Frauenberatungsstelle an und wurde dort sehr wertgeschätzt. Als ich nach drei Jahren bemerkte, dass mich diese Aufgabe sehr forderte, wagte ich einen weiteren neuen Schritt und machte mich als Lebens- und Sozialberaterin sowie als Sexualberaterin für Paare mit einer eigenen Praxis selbstständig. Ich sage mir immer: „Tu es einfach, denke nicht zu viel nach.“ Was zu tun ist, weiß jeder Mensch, wenn er in sich hineinspürt. Oft reicht es schon, einen Schritt zurückzutreten, um sich selbst von außen zu betrachten und einen neuen Blickwinkel zu bekommen. Demnächst geht es für mich wieder vorwärts: Mich interessiert Sterbebegleitung. Angst vor dem Tod habe ich keine. Denn auch er ist ein Übergang.

Was zu tun ist, weiß jeder Mensch, wenn er in sich hineinspürt. Oft reicht es schon, einen Schritt zurückzutreten.
Helene Stürmer

Mehr dazu von Claudia Milletits-Papp und Barbara Steiner finden Sie in der Printausgabe.

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