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Wenn das eigene Kind stirbt

Wie kann es den Eltern gelingen, nach dem Tod eines Kindes wieder zurück ins Leben zu finden?

Julia Langeneder: Frau Hau, Ihr Sohn Charlie ist im Alter von drei Jahren sehr plötzlich gestorben. Wie fühlt es sich an, ein Kind zu verlieren?

Kerstin Hau: Es fühlt sich an wie ein Sturz ins Bodenlose. Das Gefühl ist maximale Verzweiflung. Nichts war mehr an seinem Platz und ich war wie gehäutet.

Frau Panger, macht es einen Unterschied, ob man ein Kind nach langer Krankheit oder plötzlich verliert?

Astrid Panger: Die Erfahrung ist immer schlimm. Ob sich ein Jugendlicher das Leben nimmt, ob ein Kind durch Unfall stirbt oder nach einer langen Verkettung unglücklicher Umstände, es stellt sich für Eltern immer wieder die Frage nach dem Warum. Warum konnte ich mein Kind nicht schützen?

Frau Hau, hat Sie die Warum-Frage auch gequält?

Hau: Ja, sehr. Aber es gibt keine Antwort darauf. In Gedanken habe ich immer wieder versucht mein Kind zu retten. Mein Sohn hatte eine Herzmuskelentzündung und ich habe mich gefragt: Warum habe ich nichts bemerkt? Ärzte sagten uns, dass eine Herzmuskelentzündung auch mit dem Stethoskop nicht immer feststellbar ist. Charlie hat gespielt und gelacht, er hat nicht den Eindruck gemacht, dass es ihm schlecht geht.

Was kann hilfreich sein in der Situation der quälenden Warum-Fragen?

Panger: Die Fragen zulassen und gegebenenfalls auch offen stehen lassen. Wir leben in einer Welt von unbeantworteten Fragen. Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie hilft, mit der veränderten Situation leben zu lernen. Hilfreich ist, Begleitung von außen anzunehmen, aber auch vom Familiensystem und Freunden.

Frau Hau, wie ist es Ihnen gelungen wieder zurück ins Leben zu finden?

Hau: Eine große Hilfe war die Gruppe für verwaiste Eltern. Wie Frau Panger sagt, ist dieses Zuhören der anderen, auch der Freunde, wichtig. Die Trauergruppe war hilfreich, um zu reflektieren und die Trauer verstehen zu lernen. Ich habe auf einmal Neid auf andere Mütter verspürt und konnte das Gefühl schwer ertragen. Als ich versuchte, es zu akzeptieren, wurde es kleiner. Ich bin jetzt im zehnten Trauerjahr. Am Anfang war ich froh, wenn ich morgens überhaupt aufstehen konnte, ich war total erschöpft. Am Abend hab‘ ich mich in den Schlaf gebetet, das war ein wichtiges Ritual. Ich hatte früher in einer Marketingagentur gearbeitet, aber jetzt hielt ich die Oberflächlichkeit nicht mehr aus. Schreiben war immer eine Ressource für mich und mein Mann ermutigte mich: „Dann schreib doch!“ So entstand der Text zu meinem Bilderbuch „Behütet“, mein drittes Kinderbuch. Es ist die Quintessenz dessen, was ich nach Charlies Tod mit meinem Glauben erlebt habe: „Ich bin behütet.“ Auch wenn ich erkannt habe, dass die große Kraft nicht allmächtig ist.

Panger: Der Glaube kann eine Ressource auf dem persönlichen Trauerweg sein, aber es kann auch das Gegenteil passieren, dass man sich im ersten Moment vom Glauben abwendet und sich mit der Zeit wieder nähert.

Frau Panger, wie unterstützen Sie in der Trauergruppe verwaiste Eltern?

Panger: Wir versuchen den Austausch zu fördern und wertende Vergleiche wie zum Beispiel „Ihr Kind war, als es starb, schon 15, meins war erst vier Jahre“, aufzuweichen: Das Alter beim Todeszeitpunkt ist nicht wichtig, für Eltern kommt er immer zu früh. Wir ermutigen dazu Hilfe anzunehmen, in dem Moment geht es ums seelische Überleben. Eine Mutter, deren Kind vor mehreren Jahren gestorben ist, kann einer frisch verwaisten Mutter allein durch ihre Anwesenheit oder in der Art, wie sie über ihr Kind erzählt, Mut machen und Zuversicht geben. Wenn man sieht, wie Frau Hau über ihren Sohn erzählt, mit Lachfalten um die Augen, bemerkt man, dass sich etwas verändert im Laufe des Trauerprozesses: Man kann über das Verlorene erzählen ohne dass dieser große Schmerz gleich wieder aufkommt. Man kann auf die gemeinsame Zeit wohlwollend, liebend und dankend zurückschauen, auch wenn man das Kind vermisst.

Lässt sich vorhersagen, wann dieser große Schmerz leichter wird?

Panger: Der Verlust eines Kindes ist eine Narbe fürs Leben. Mit der Zeit verändert sich der Schmerz und die Sichtweise darauf. Aber es braucht Zeit und es gibt kein Rezept. Wichtig ist, auf sich selbst zu schauen: Was tut mir gut?

Hau: Ja, der Schmerz verwandelt sich. Am Anfang wollte ich zu meinem Kind, ich wollte nachsterben. Nach einiger Zeit habe ich bemerkt, dass ich das Leben wieder zulassen konnte. Ich konnte wieder Musik hören und wollte mich schön machen. Wenn ich weinen muss, weiß ich heute: Das darf sein und danach geht es besser. Der Trauerprozess ist ein Weg, er geht nach unten und nach oben, aber er geht weiter. Ich kann heute auch wieder lachen.

Panger: Ich kann das bestätigen aufgrund vieler Trauerbegleitungen: Es ist dieses Auf und Ab. Das Leben bekommt durch diesen Schicksalsschlag eine Tiefe.

Frau Panger, wie können Freunde, Verwandte, KollegInnen nach dem Tod eines Kindes unterstützen?

Panger: Man sollte authentisch bleiben. Bevor man eine Floskel verwendet wie „Du bist noch jung, du kannst ja noch Kinder bekommen“, ist es besser zu sagen, wenn die Sprachlosigkeit groß ist: „Ich bin so erschüttert, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Auch ein wohlwollender Händedruck schafft Verbundenheit als wenn ich Worte sage, die nicht meine sind. Hilfreich ist auch, die Trauernde im Alltag zu unterstützen, eine Suppe vor die Tür stellen, ein SMS schreiben: „Ich denk an dich.“ Viele meinen es gut und sagen: „Meld‘ dich, wenn du was brauchst.“ Aber ein Mensch in großer Trauer und Verzweiflung meldet sich nicht, denn es fehlt die Kraft. Da ist es besser zu sagen: „Ich ruf dich jeden Montag an.“ Auch die Frage: „Wie geht’s dir?“, stößt vielen vor den Kopf. Wenn man fragt: „Wie kommst du zurecht?“, erhält man eher eine Antwort und einen Einblick.

Hau: Ich habe positive Erfahrungen damit gemacht, dass die Menschen zugeben: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, es ist so schlimm, darf ich dich in den Arm nehmen?“ Aber ich habe auch erlebt, dass die Nachbarin die Straßenseite gewechselt hat, wenn sie mich sah, oder dass man mir sagte: „Du musst loslassen!“ Aber ich muss mein Kind überhaupt nicht loslassen, ich muss mein altes Leben loslassen. Das neue Leben gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In der Akutphase war ich wie ohne Schutzschicht und habe mir sehr gut überleg, wann ich vor die Haustüre gehe. Wenn ich mich einigermaßen stabil fühlte, konnte ich einkaufen gehen. Ansonsten war ich froh, wenn ich mich in das Schneckenhaus zurückziehen konnte. Erst mit der Zeit konnte ich mir wieder ein dickeres Fell zulegen.

Panger: Für Frischbetroffene ist es wichtig, von solchen Erfahrungen zu hören, weil man sich so fremd fühlt. Die Trauer erfasst den ganzen Menschen, auch körperlich. Der Tod eines Kindes zieht so den Boden unter den Füßen weg, dass jede Sicherheit im Leben verloren geht. Man muss sich alles von Minus weg wieder erarbeiten und aufbauen.

Julia Langeneder

Julia Langeneder, ­
Familienredakteurin und Mutter von zwei Kindern, lädt jeden Monat zum Familienrat ein.

Kann jemand, der oder die ein Kind verloren hat, je wieder glücklich sein?

Hau: Ja, ich fühle mich mit mir im Reinen. Ich weiß, dass der Trauerweg noch weitergehen wird, weil die Liebe zu meinem Sohn niemals endet und die Sehnsucht bleibt, aber ich kann für mich sagen: ich bin wieder glücklich. Die Liebe zu meinem Mann sehe ich als Geschenk und unser Sohn hatte ja von uns beiden etwas, also sehe ich in meinem Mann auch ein wenig unseren Sohn. Das Glück kann wieder kommen, aber ich muss es mir auch erlauben. Ich lache so gerne und ich bin froh, dass ich das wieder kann.

Panger: Trauer hilft, die Verbindung zum Verstorbenen zu behalten. Ich gebe vielen Menschen den Satz mit auf den Weg, dass die Trauer nicht die Feindin eines Menschen ist, sondern die Verbündete. Sie hilft, die Verbindung zu halten. Die Trauer verwandelt sich mit der Zeit. Man findet im Inneren einen sicheren Platz für sein Kind und braucht keine Angst zu haben, dass man es vergisst. Das Kind bleibt immer ein Teil von mir. Wenn der innere sichere Platz für es gefunden ist, kann man auch wieder den Blick nach außen wenden, und sich erlauben, wieder zu lachen ohne ein schlechtes Gewissen. Wie man an Frau Hau sieht, kann aus dem Schicksalsschlag auch etwas Gutes entstehen. Sie sind Kinderbuchautorin geworden und können anderen helfen.

Trauern Frauen anders als Männer?

Panger: Frauen suchen eher die Gemeinschaft. Sie suchen Möglichkeiten des Ausdrucks im Gespräch oder bildnerisch. Männer müssen sich spüren. Die Mutter eines verstorbenen Kindes hat mir einmal erzählt, dass ihr Mann nach der Arbeit jeden Tag zwei Stunden mit dem Rad ausfährt. Er muss sich körperlich verausgaben und so die Trauer verarbeiten. Männer sind eher im Tun und Handeln. Aber jeder Mensch trauert anders.

Hau: Wir haben unser Haus renoviert und mein Mann hat die Treppe abgeschliffen und sich dabei verausgabt. In der Trauergruppe hat er viel erzählt, zuhause war er eher ruhig. Unsere Beziehung ist tiefer geworden, ich habe meinen Mann neu kennengelernt. Wir kennen uns in allen Facetten und können einander auch so sein lassen, wie wir sind.

Julias Gäste

Astrid Panger

Astrid Panger
ist Leiterin des Referats Trauerpastoral in der Katholischen Kirche Kärnten und der Plattform „verwaiste Eltern“

Kerstin Hau

Kerstin Hau
ist Kinderbuchautorin („Behütet“, Gütersloher Verlagshaus)
und Mutter eines Sohnes (gestorben im Alter von drei Jahren)

Sie haben eine Frage rund um Familie, Partnerschaft, Kinder­erziehung?

Dann schreiben Sie an

julia.langeneder@welt-der-frauen.at

Fotos: privat

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