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Welcher Mensch will ich einmal gewesen sein?

Diese Frage habe ich dem Einleitungskapitel des Buches entnommen, das mach ich sehr selten, fand die Frage aber sensationell direkt. Nein, es geht nicht um die letzten Tage vor dem Sterben, sondern um die Tage, Wochen, Monate und Jahre davor. Nicht unbedingt um die Urlaubstage, sondern um die, in denen man sich müde in die Arbeit schleppt, mit Kolleg*innen ärgert, Kreditraten abzahlt und doch auch manchmal für die Sache „brennt“.

Sympathisch und natürlich auch professionell ist der Ansatz, sowohl die Führungskräfte im Unternehmen im Blick zu haben wie auch die Geführten, oder wie nennt man die korrekt? Wie führen Menschen (Männer?), die ihr Ego im Blick haben, ihren nächsten Schritt auf der Karriereleiter? Wohl anders als jene Frauen und Männer in Leitungspositionen, die ihr Team schätzen, vor Überforderung schützen und generell fördern.

Das ist kein simpler Ratgeber, keine Chef*innen-Schelte, kein Selbsthilfebuch zur Selbstoptimierung, das verspricht schon das Cover nicht. Ehrlich in seiner Reduktion und sehr verhaltenen Ästhetik kommt es zwischen den mintgrünen Büchern zur Selbstoptimierung daher, fast könnte man es übersehen. Daher finden es immer die Richtigen: die Suchenden, die Philosophen, die vor ihrem Urlaub noch einmal das Arbeitsjahr überdenken wollen. Ich mag understatement.

Unsere menschliche Freiheit ermöglicht aber nicht nur Fehlentscheidungen und schuldhaftes Verhalten, sondern sie ermöglicht es uns, sogar zu unserem Scheitern Stellung zu nehmen und zu fragen: Wozu fordert mich das jetzt heraus? Zu stolpern und hinzufallen, ist keine Schande. ... Und irgendwann werden wir dann rückblickend feststellen: Genau dieser Sturz, dieser Tiefpunkt in meinem Lebe hat mich dazu motiviert, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen ... (S. 170)

Das Literaturverzeichnis ist interessant, die Frankl-Zitate fordern zum Nachlesen im Original heraus, man legt das Buch aus der Hand und freut sich darauf, das Leben so richtig am Schopf zu packen. Ganz ehrlich: Ein wenig Farbe könnte das Cover doch vertragen. So, jetzt habe ich mein Lesezeichen so richtig in die Hand genommen!

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Innehalten, Sinnfrage(n) stellen, flüssig geschriebene Überlegungen zum Leben außer- und innerhalb der Arbeitswelt, Wegbeschreibung zu einem erfüllten, guten Leben, gute Praxisbeispiele in den jeweiligen Kapiteln

Der Autor: 1968 in Niederösterreich geboren, Studium der Bio- und Lebensmittelchemie, danach Manager in internationalen Unternehmen der Futtermittel- und Pharmaindustrie; heute selbstständiger Unternehmensberater, Seminarleiter, Coach, nicht zu vergessen: Zertifizierung zum sinnzentrierten Berater am Viktor Frankl Zentrum Wien.

Harald Pichler:
Arbeit – Sinn und Motivation.
Braumüller Verlag 2018.
176 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“