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Was mich weiterleben ließ ...

Leserinnen berichten hier auf berührende, authentische Weise, was Ihnen nach dem Abschied eines geliebten Menschen Mut zum Weitermachen schenkte.

Die Bienen

Auch mein Mann hat Bienen und hat sie schon für Herbst und Winter vorbereitet.
Leider haben wir aktuell einen tragischen Todesfall zu beklagen und ich weiß noch nicht. wie wir in Zukunft damit umgehen und es bewältigen können.

Theresia Hofbauer

Abschied auf Zeit

Wie kann man nach einem Verlust eines geliebten Menschen weiterleben? Zuerst möchte ich klarstellen, dass es sich bei meiner Geschichte nicht um einen unwiederbringlichen Verlust handelt, sondern um einen Abschied auf Zeit. Ich arbeite selbst als diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester in der mobilen Betreuung. Auch dort erlebe ich viele Arten von Abschied.

Zuhause lebt mit mir zusammen noch mein Mann und mein zwanzigjähriger Sohn, welcher in seinen täglichen Aktivitäten immer mehr auf Hilfe angewiesen ist. Eine fortschreitende Muskelerkrankung beraubt ihn seiner Kräfte. Bei seiner Geburt und bis zum zweiten Lebensjahr schien er sich bester Gesundheit zu erfreuen. Dann traten langsam aber stetig Probleme mit dem Gleichgewicht, beim Gehen, beim Sprechen, Atmen, bei der Nahrungsaufnahme etc. auf. Im Gegensatz zu seinen Schulkameraden/innen, die sich nach der Matura auf ihre Freiheit und Selbstständigkeit freuten, setzte sich mein Sohn damit auseinander, wie er mit der zunehmenden Abhängigkeit und dem voranschreitenden Verlust von Fähigkeiten klar kommen kann.

Er ist mir und unserer ganzen Familie ein guter Lehrmeister. Er hat mir gezeigt, dass man mit den Gegebenheiten Schritt für Schritt klarkommen kann und muss. Durch sein meist sonniges Gemüt habe auch ich gelernt dankbar zu sein für die kleinen Dinge im Leben. Es bereitet mir Freude mit Menschen zusammen sein zu dürfen, die auf der selben Wellenlänge mit mir sind.

Ich plane nicht, sondern habe gelernt mich mit Problemen erst dann auseinanderzusetzen, wenn sie aktuell sind. Ich ärgere mich nicht mehr über Kleinigkeiten, sondern freue mich über die kleinen und größeren, schönen Erlebnisse. Ich beschäftige mich nicht mehr mit Dingen, die weit weg sind und mit meiner Realität nicht viel gemein haben. Ich konzentriere mich auf mein unmittelbares Umfeld. Ich setze mich mit meiner Endlichkeit auseinander und genieße die Schönheit unserer Natur. Sie zeigt uns jedes Jahr, dass nach jedem Ende ein Neubeginn kommen darf.

Renate Silberschneider

Liebeskummer

Zuallererst fällt mir der Tod eines lieben Menschen ein, der völlig aus der Bahn wirft. Aber es war nicht der Tod, der mir das erste Mal in meinem Leben, und ich erinnere mich gut an den Schmerz, das Herz zerrissen hat. Es war schlicht Liebeskummer.

Wie banal das auch klingen mag. Liebeskummer hat mir einen Riss im Herzen beschert, der so schmerzhaft war, dass es ewig lang gedauert hatte, bis dieser Riss wieder verheilt war. Traurigkeit, Verleugnung, Wut, Verhandeln mit Gott … oder mit wem auch immer, Niedergeschlagenheit und am Schluss Kapitulation. All die Phasen der Trauer haben mich begleitet, ganz so als wäre ein Freund gestorben.

Niemand sollte mit gebrochenen Gliedmaßen durch das Leben humpeln, aber mit gebrochenen Herzen durch das Leben zu gehen, völlig gleichgültig wodurch, ist (beinahe so) schmerzhaft wie der ewige Abschied durch den Tod.

Astrid Miglar

„Komm großer schwarzer Vogel“

Mein Großvater hatte in seinem Leben zweimal eine Nahtod-Erfahrung. Einmal im 2. Weltkrieg irgendwo in Russland als eine Granate explodierte. Das zweite Mal, als er schon relativ alt war und im Krankenhaus irgend ein Zuckerwert ganz schnell rapide gesunken ist (oder so ähnlich)… Danach hat er mir erzählt, dass er es beide Male sehr schön empfand, friedlich und voller Glücksgefühl… er sah ein Licht und freundliche Gestalten, die ihn erwarteten. Beide Male bedauerte er es zunächst „zurückgeholt“ worden zu sein.

Diese Vorstellung tröstet mich und hat mir wohl auch ein Stück weit die Angst vor dem eigenen Tod genommen. Der Prozess davor, das Sterbend-sein, das macht mir mehr Angst.

Als mein Schwager entschieden hatte, freiwillig aus dem Leben zu gehen, hat mich das Lied „Komm großer schwarzer Vogel“ von Ludwig Hirsch getröstet. Er war einer seiner Lieblings-Künstler und die Hoffnung darauf, dass es auch bei meinem Schwager so war „i werd singa, i werd lochn und i werd des gibt’s ned schrein, i werd endlich verstehen …“ hat mir sehr geholfen.

Susanne Göschl

Immer weitergehen

Eine Woche nach dem Tod meines Partners nahm mich meine Freundin mit zur Abendwanderung. Mehrere Teilnehmer treffen sich einmal pro Woche, in flottem Tempo 8 bis 10 km, mit geselligem Ausklang im Gasthaus. Seither ist Gehen, allein oder in der Gruppe, etwas, was den Kopf frei macht. Bei jedem Wetter, auch abends mit Stirnlampe.

Martha Eiselt

Ein Geschenk des Himmels

Als vor fast 8 Jahren mein Papa genau am Geburtstag meiner Mama gestorben ist, war das ein sehr trauriger Tag. Er war die letzten 18 Monate seines Lebens bettlägerig und wurde immer schwächer und weniger. Das mitanzuschauen, war sehr schwer auszuhalten. Ein Mensch, der immer sehr naturverbunden war, in den Bergen, auf dem Rad, in seinem Boot auf den Seen und Gewässern unterwegs war und das alles mit so viel Freude und Leidenschaft, verbrachte die letzte Zeit seines Lebens zu Hause in einem Zimmer und wir wussten nicht mehr, wie viel von seiner Umgebung er noch bewusst wahrnehmen konnte. Es gab Momente, wo wir mit ihm lachen konnten und dann wieder Zeiten, wo es uns fast das Herz gebrochen hat, wenn er sich nicht mehr richtig auszudrücken vermochte.

Ich konnte mich noch verabschieden und Danke sagen, aber als er dann wirklich gegangen war, war ich es ihm zwar von Herzen vergönnt, aber es tat wahnsinnig weh.
Wie oft würde ich jetzt noch gerne seinen Rat oder seine Meinung oder einfach seine Stimme hören, wissen, was er zum Lebensweg seiner Enkeltöchter, auf die er so stolz gewesen ist, sagen würde …

Er war ein ausgezeichneter und sehr geschickter Handwerker, der einfach immer alles reparierte oder wusste, wie man manche Arbeitsabläufe einfacher gestalten konnte und hat meinem Mann und mir auf unserem Bauernhof immer wieder geholfen und geschaut, wie er uns unterstützen kann.
Jedes Mal, wenn ich den Motor, den er bei unserer Fütterung montiert hat, in Betrieb nehme, denke ich an ihn.
Jedes Mal, wenn meine Töchter mit den Autos länger unterwegs sind oder mein Mann alleine mit dem Motorrad eine Runde fährt, rede ich mit ihm und bitte ihn, auf sie aufzupassen, damit sie sicher wieder heimkommen.

Ich habe sein Foto im Wohnzimmer stehen und rede oft im Vorbeigehen mit ihm und fühle mich einfach mit ihm verbunden. Ich kann ihn zwar nicht mehr hören oder sehen, aber ich weiß, dass er da ist und das ist sehr tröstlich für mich. Mein Papa ist jetzt unser Schutzengel und das gibt mir viel Kraft.

Manchmal überkommt mich eine große Traurigkeit, weil er nicht mehr da ist, aber meistens geht es mir gut damit, weil ich einfach spüre, dass ich ihn immer in meinem Herzen habe und ganz fest daran glaube, ihn in einer anderen Zeit auf eine andere Art wieder zu sehen.

Was mir auch noch Mut gemacht hat, waren die Menschen, die meine Mama und unsere Familie begleitet und unterstützt haben, mit Worten, mit Hilfestellungen, mit viel Einfühlungsvermögen. Im besonderen waren das meine Godi, die wirklich immer zur Stelle war, wenn sie gebraucht wurde und eine Bekannte meiner Mama, die von sich aus angeboten hatte, einen Nachmittag pro Woche zu kommen, um meiner Mama eine Auszeit zu ermöglichen, die sie so dringend brauchte.
Die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die einem tragen helfen, wenn man es alleine nicht mehr schafft, machte uns sehr dankbar.

Darum haben wir beim Begräbnis auch diese Zeilen gelesen:

Manche Menschen wissen nicht,
dass sie ein Geschenk des Himmels sind.
Sie wissen nicht,
wie wichtig es ist,
dass sie einfach da sind.
Manche Menschen wissen nicht,
wie gut es tut, sie zu sehen.
Manche Menschen wissen nicht,
wie tröstlich ihr Lächeln wirkt.
Manche Menschen wissen nicht,
wie wohltuend ihre Nähe ist.
Manche Menschen wissen nicht,
wie viel ärmer wir ohne sie wären.
Manche Menschen wissen nicht
dass sie ein Geschenk des Himmels sind.
Wir sollten es ihnen sagen.

 

Renate Hieselmayr

Annehmen, aushalten, durchgehen

Auf Ihre Frage, was uns weiterleben lässt, möchte ich Ihnen kurz meine Erfahrung schreiben. 2003 starb mein Lebensgefährte und Vater meiner Kinder (damals zwei und drei Jahre alt). Sein Suizid riss mir den Boden unter den Füßen buchstäblich weg. Von einem Tag auf den andern war alles anders. Auch der Glaube, der mir sehr viel bedeutet, war sehr wackelig geworden. Warum hat Gott das nicht verhindert? Wie solls weitergehen?

Im Zurückschauen half mir zu schreiben – meinen Schmerz,
… Bilder zu zeichnen,
zu reden mit Menschen, die auch das Reden über Leid und Schmerz aushielten,
zu weinen bis ich nach langer Zeit wieder das Lachen fand,
Schmerz annehmen, aushalten und durchgehen bis der Schmerz sich gewandelt hat,
ganz viel Reden mit den Kinder über Ihren Papa und alles was für sie wichtig war um ihn für uns in unserem Herzen zu spüren,
und letztendlich der Glaube und das Vertrauen, dass Gott mit mir und meinen Kindern mitgeht uns begleitet.

Groß ist meine Dankbarkeit, dass Gottes Segen uns all diese Jahre begleitet hat und die Angst vor der Zukunft, die anfangs doch da war, in Vertrauen in das Leben gewandelt hat.

Gertrud Pillhofer

„Zuversicht verringert die Angst“

Aus heiterem Himmel ereilte uns die schockierende Diagnose. Mein Mann war sportlich, vermeintlich gesund, gerade in die Rente gegangen mit Plänen und mit stabilem 80 kg Körpergewicht. Kurz darauf eine „erfolgreiche“ Operation über zwei Tage, dann Abszess, noch eine Operation, Reha, Chemo, wieder Abszess, wieder Operation, Reha – es ging langsam bergauf, aber immer wieder mit Hochs und Tiefs bis zuletzt, – 30 Monate lang.

Zuversicht verringert die Angst“, hieß es. Und ohne Hoffnung und Zuversicht hätten wir diese Zeit auch nicht überstanden. Er kämpfte zäh, wollte leben und ich versuchte, ihm nach meinen Möglichkeiten dabei zu helfen und mit ihm auch Schönes zu erleben. Aber dann, auch wieder binnen dreier kurzer Tage nach einer guten Diagnose, der endgültige Tiefschlag. Wir haben nicht viel über Tod, Abschied oder Jenseits geredet. Mir blieben die Abschiedsblicke vor den Operationen, der Ausdruck der Augen, das hochsensible Miteinanderfühlen bis zuletzt. Und sein friedliches Gesicht in der Stunde des Todes.

Wie weiterleben? Ich und meine Seele waren im Schockzustand. Ich haderte mit Gott, der Ungerechtigkeit und war gegen das Wort Zuversicht allergisch. In den Wochen danach funktionierte ich wie in Trance. Es gab viel zu erledigen. Die Briefe,Telefonate und Begegnungen halfen mir weiter. An das schöne, für ihn gemäße, würdevolle Begräbnis mit den vielen Menschen denke ich immer wieder. Ich suchte und las Bücher, googelte zum Thema. Es gibt ja sehr vieles und Unterschiedliches dazu. Neben den vielen Ratschlägen, Sprüchen fand ich auch manches, was mich berührte.  Zum Beispiel die Gedanken von Barbara Pachl-Eberhart, von Cornelia Kazis.

Ich redete weiter mit meinem Mann, schrieb meine Gedanken, Reflexionen, nicht mehr Besprochenes und Fragen an ihn in schöne Kladden, mal fetzig schnell, mal langsam und in schöner Handschrift. Ich hatte das Gefühl, Antworten zu bekommen. Langsam begann ich zu akzeptieren: Sein Leben hier war zu Ende, war erfüllt. Bis heute, fast drei Jahre danach, kommen noch Wellen der Trauer hoch, brennender Schmerz, Herzkrämpfe. Aber das ist kein Leiden. Ich muss die Tatsache begreifen lernen, dass ich nun wirklich allein bin. Ich entsorgte die Pflegesachen der letzten Jahre, einiges andere auch. Nur nicht von anderen drängen lassen, sondern dem eigenen Gefühl folgen. Aber etwas tun!

Im vorletzen Herbst kaufte sich mein Mann einen schönen Hut. Er war auf weniger als 60 kg abgemagert und fror. Den Hut behalte ich. Er „behütet mich“, und ich streichle gerne seinen weichen Filz. Erinnerungen? Ich habe zwei extrem unterschiedliche Bilder im Kopf und in der Wohnung. Bilder von einem 41-jährigen Eheleben mit einem selbstbewusst aktiven Mann und Bilder von den letzten 30 Monaten. Da war er mager, schwach aber zäh kämpfend, anders im Gesichtsausdruck, und er begann offener zu reden. Er war wie ein zartes Vögelchen, das schließlich dahinflog…

Zum Grab ging ich weniger oft. Dort war für mich sein geschundener Körper. Ich rede und erinnere mich lieber mit den Bildern, einmal diesem, einmal jenem, und zünde Kerzen an. Dann entdeckte ich beim Steinmetz einen Grabstein aus hellem Granit, dem gleichen wie bei St.Michael im Mühlviertel, wo wir geheiratet haben. Und der steht nun am Grab, das auch einmal meines sein wird. Er ist mir Symbol für unser gemeinsames Leben, ist mir „Peter Petrus Fels“ – und Stütze am Grab. Je mehr ich alleine erledigte, schaffte, umso mehr wuchs wieder mein Selbstvertrauen. Ich spürte meinem Rhythmus nach, im Tagesablauf, in den Terminen und Zielen, die ich mir setzte. Wenn mir danach war, suchte ich das „Gespräch“ mit meinem Mann.

Ich habe Angst, allein noch älter, krank und gebrechlich zu werden. Wir wollten doch gemeinsam … In einem Buch fand ich eine Karte von meinem Mann: Lass uns gegenseitig Schutzengel sein, schrieb er einmal. Inzwischen finde ich die Theorie der „fünf Phasen der Trauer“ nicht mehr richtig für mich. Die Theorie der „Continuing bonds“, der Fortsetzung der Beziehung in veränderter Form hilft mir persönlich weiterzuleben. Ich glaube an ein Wiedersehen, aber auch in veränderter Form, frei von Konflikten aber in ewigem Licht, in Liebe. Mit Zuversicht, das es wieder gut wird? Nein, mit Hoffnung und Glauben.

Wenn schreckliche Bilder der letzten Jahre hochkommen, und sie kommen nach wie vor, lasse ich die Gefühle nach Möglichkeit zu. Ich betrachte die beiden unterschiedlichen Bilder, da wo er mir kräftig entgegenblickt und da wo mich sein zartes Gesicht anlächelt. Ich versuche nicht in Selbstmitleid zu versinken, sondern versuche, dankbar zu sein für alles. Und so gleite ich oft in die schönen Erinnerungen. Umso öfter ich das mache, umso mehr „weiß“ ich, diese Gefühle kommen und gehen, gehören zu meinem Leben.

Mein Leben geht weiter. Ich muss und will es füllen, mit allem was noch kommt. Wichtig für mich ist, dass ich möglichst „bei mir“ bin. Dann erspüre ich die richtige Entscheidung, den richtigen Weg. Ich bin rationale Hobbyastronomin. Dennoch fasziniert mich die unendliche Weite und Schönheit des Sternenhimmels immer wieder, wie früher oft gemeinsam mit meinem Mann in der Wüste oder auf den Bergen. Ich habe das Gefühl, unsere Seelen sind dort vereint und geborgen. Wir leben weiter.

Monika Gratl

„Sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.“

Geboren 1972, lebe ich mit meinem Mann und meinen beiden Kindern in einem kleinen ländlichen Dorf auf unseren liebevoll renovierten Sacherl.
Unsere Kinder lieben wie wir, diesen Platz, den wir mit unseren Tieren teilen. Dieser Platz, unser Zuhause, ist seit Leonies Tod, noch mehr unser Kraftort und Herzensprojekt, sind wir doch hier auf magische Weise mit ihr verbunden.

Ich danke, ALLEN, meinen beiden irdischen Kindern, meinen Mann, unseren Verwandten, unseren Freunden und Arbeitskollegen, Nachbarn und Wegbegleitern, für die Begleitung, in dieser so schwierigen Zeit.

Was wäre ich ohne sie, die mich, uns als Familie, in dieser Zeit, so getragen haben, gewesen.
Wäre ich noch gewesen?

„Lange saßen sie dort und hatten es schwer,
aber sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost.
Leicht war es trotzdem nicht.“

– Astrid Lindgren in „Ronja Räubertochter“

Vor, nun schon drei Jahren, obwohl es mir noch gar nicht solange vorkommt, verstarb meine älteste Tochter Leonie plötzlich bei einem Mopedunfall. Bis zu diesem Zeitpunkt, als die Polizei in den Hof fuhr, mit zwei Damen mit großen, roten Taschen, lebte auch ich in einer Sicherheitsblase, auch ich hörte Nachrichten über Unfälle, Verluste, auch ich glaubte, es betrifft nur die anderen und dann reicht eine Sekunde und alles ist für immer anders.

Ein Monat nach dem Begräbnis habe ich begonnen, mit meinen Gedanken, meinen tiefsten Gedanken, das Sketchbook von Leonie, meiner ältesten Tochter zu füllen. Tag um Tag schrieb ich mit Bleistift in ihrem Zimmer und bei unseren Kraftplatz unter der Trauerweide in ihr Sketchbook, welches ich ihr für das Schulfach Holz gekauft hatte. Zeile für Zeile habe ich die ersten Stunden, Tage und Monate nach ihrem Weiterlebenstag darin festgehalten, all meine Gedanken, meine Trauer und vor allem meine Liebe zu ihr, Leonie, meiner erstgeborenen Tochter.

Meine Gedanken, die Texte und Lieder, die mir so viel halfen, in dieser Zeit, die schönsten WhatsApp von Freunden, die es ehrlich mit mir meinten, sind in diesem Buch festgehalten. Es entstand ein Buch, die tragische Story in der Story ist Leonies Unfallstag. Meine damit verbundenen Gefühle, meine Bekanntschaft mit dem plötzlichen Tod. Ihr Tod, als die bedingungsloseste und unwiederbringlichte Form, von ihr verlassen zu werden und doch schaffte ich es, dass sich meine Trauer wandelte, dass ich durch die Zeichen meiner Tochter verstand, dass sie hier ist, bei mir, bei uns, als neue Familie.

Meine Seele suchte nach Antworten. Antworten, die ich in der Natur, in den Schritten meiner Pferde wiederfand. Einfach einen Schritt weitergehen und wenn er noch so klein ist, hilft zu sich selbst zu finden. An den Tagen, wo es mir unmöglich war neue Schritte zu gehen, gingen unsere Pferde für mich.

Sechs Wochen nach Leonies Tod rafften wir uns auf, zu unserer Wanderung, jetzt genannt „unser Leonie-Weg“ zum Almsee, welchen wir als neue Familie, mit unseren Pferden gegangen sind. In vier Tagen schafften wir mit unseren drei Pferden und unseren beiden Kinder die schöne Strecke, damals war es für mich und meinen Mann die beschwerlichste und anstrengendste Wanderung, jeder Schritt ein Gedanke und viel Zeit zum Nachdenken. Unsere Kinder, 13 und 10, ritten meist voraus, sie trauerten genauso, hatten jedoch auch schneller wieder Spaß.

Im Nachhinein, jetzt 3 Jahre später, kann ich für uns, im Namen unserer Familie sagen, dass dieser Weg uns in unserer gemeinsamen Trauerarbeit ein großes Stück weitergebracht hat. Unsere jetzt neu zusammengewürfelte Familie, ist jetzt zwar kleiner, aber der Zusammenhalt stärker als zuvor.

Meine Kinder wurden zusätzlich im erstem Jahr von Rainbows unterstützt. Mein Jüngster fuhr ein Jahr später mit auf ein Trauercamp und meine jetzt älteste Tochter nahm einzelne Therapiestunden, genauso, wie mein Mann, er fand auch, nach längerer Suche den richtigen Therapeut.

Ich hatte damals viel Zeit, meine Gedanken niederzuschreiben und zu Trauern, deshalb brauchte ich keine psychologische Hilfe und auch jetzt habe ich das Gefühl, eins mit mir zu sein.

„Trauer ist eine Form der Liebe, sie braucht Raum und Zeit“ und genau diese Zeit konnte ich mir damals nehmen. Der Unfall war Anfang der Sommerferien und ich wollte meine Kinder nicht alleine lassen. Es war die beste Entscheidung drei Monate zu Hause zu bleiben, in diesem Gefühlschaos damals, nach diesen Tagen der tiefen Trauer bleibt jetzt das Schöne in Erinnerung, wie das gemeinsame Schlafen, mit dem Duft von Traumaöl, in unserem Schlafzimmer. Die langen Gespräche mit meinen Kindern unter dem Sommersternenhimmel und die vielen Zeichen meiner verstorben Tochter. Ihre Zeichen für uns, dass es ihr gut geht, dort, wo immer sie jetzt ist.

Herausfordernde Höhepunkte im ersten Trauerjahr meisterten wir mit Rücksprache mit Petra Burger. Zufällig war ein Bericht über Rituale in „Welt der Frauen“ und ich kontaktierte sie. Erste Weihnachten machten, wir für uns alleine ein Ritual nach Ihrer Anleitung und obwohl uns der Gesang in der Kehle stecken blieb, waren es doch anders, schöne Weihnachten. Zum ersten Sterbetag, begleitete uns Petra Burger persönlich bei uns zu Hause mit einem Ritual und es war ein schöner, besonderer Tag. Ihren Sterbetag nehmen wir uns jetzt immer frei und auch die Pizzas lassen wir uns an diesem Tag liefern, damit er etwas Besonderes bleibt.

Wir, als Familie, genießen viel mehr jeden Augenblick seither. Wir sind zusammengeschweißt worden vom Schicksal und Zufriedener. Kleinigkeiten und auch schlechte Schulnoten sind nicht mehr so wichtig, wie früher. Neue Freundschaften mit Familien, denen das selbe passierte entstanden und ich gehe dem Tod jetzt nicht mehr aus dem Weg, bin mutiger, rede offen mit Mitmenschen darüber.

Das Buch, meine Gespräche mit Leonie, ist genau zu ihrem Geburtstag ein Jahr später fertig geworden, anfangs gedachte ich es zu veröffentlichen, und suchte ich einen Verleger dafür. Dann kam die herausfordernde Coronazeit und jetzt ist die Zeit noch nicht stimmig für mich, es zu veröffentlichen. Das erste halbe Jahr ist darin festgehalten und ich könnte es jetzt nicht mehr in dieser Intensivität schreiben. Meine Trauer hat sich gewandelt, ob sie meine verstorbene Tochter gefunden hat? Jain, finden werde ich sie erst selber, an meinen Weiterlebenstag, dann wird Leonie mich bestimmt abholen kommen.

Carola Richter

Hoffnung

Nach einer sehr schwierigen 10 Jahre langen Beziehung, aus der ich mich befreien konnte, zog ich mit meinen Kindern wieder in die Stadt zurück. Wir hatten das Unmögliche geschafft, ein Miethaus zu erschwinglichen Preis zu ergattern, das für uns wie gemacht war. Es war ein schwieriger Anfang, aber schön langsam kamen alle wieder in die Gänge, jeder hatte seinen Freiraum, sich so zu entwickeln, wie es für ihn gut war. Ich hatte eine Absprache mit meinen Kindern getroffen, jeder sorgt gut für sich und kümmert sich um seine Sachen wie Freunde, Schule, Gesundheit. Und ich besorgte den Rest, Haus, Garten, Tiere, alltägliche Sachen. Nach Absprache halfen sie mir natürlich. Doch sonst war für uns wichtig, die große Freiheit zu leben und wieder jeder zu sich selbst zu finden.

Für die Liebe blieb wenig Platz, hatte ich doch auch große Angst, mich der Männerwelt wieder zu nähern nach den vergangenen Jahren. Doch eines Tages krachte mein kleiner Hund am Gartenzaun mit einem vorübergehenden Artgenossen zusammen. So kam ich ins Gespräch mit meinem Liebsten. Ein Jahr waren wir schon – zwar etwas weiterentfernt, aber doch – Nachbarn gewesen, ohne uns jemals gesehen zu haben und ab da liefen wir uns pausenlos über den Weg. Es war gleich so eine Vertrautheit da, ich dachte nicht mal an eine Partnerschaft, da er auch wesentlich älter als ich war. Und eines Tages bald nach der ersten Begegnung saß ich auf der Terrasse bei ihm auf ein Glas Rotwein.

So begann unsere gemeinsamen Reise. Wir taten uns jeder gegenseitig gut. Die Kinder und ihre Partner ihm mit ihrem jugendlichen Freisinn und er ihnen, indem er ihnen vorlebte, wie man würde- und lustvoll leben konnte, wir uns gegenseitig sowieso. Wir forderten und förderten uns in unseren Gefühlen und auch im Alltag. Und wir genossen das Leben: gut Essen gehen, Ausflüge machen, die Großstadt genießen, Theater, Musikveranstaltungen, mit Freunden feiern und auch alleine in Zweisamkeit. Und außerdem beschäftigten wir uns gemeinsam sehr intensiv mit Energiearbeit, arbeiteten mit Menschen und hielten Workshops ab.

Doch dann nach einigen Todesfällen wichtiger Menschen begann sie, die Depression. Dieser lebensfrohe, starke Mensch verfiel zusehends. So rüstig er körperlich für sein Alter und so aufgeschlossen und stark sein Geist Zeit seines Lebens war, so schnell verfiel er. Und er kämpfte sich noch einmal auf, jedoch mit Beginn der Pandemie war es genug. Alles womit er gearbeitet hatte, fiel weg. Die Arbeit, die er wieder aufgenommen hatte und ihm soviel Spaß machte, die Unternehmungen, das Fitnessstudio. Plötzlich war da diese Schwere, die er fast ein Jahr in sich gehabt hatte im Außen spürbar.

Eines Samstag morgens kam er nicht wie verabredet zum Kaffee und eine Woche später fand man ihn am Strand des Flusses.
Er hatte nie etwas in der Art gesagt, und auch seine Therapeuten hatten nicht im Geringsten damit gerechnet. Es war seine letzte bewusste Entscheidung, die er mit Einnahme starker Medikamente durchzog, wie wir später erfuhren.

Es war eine unglaubliche Zeit. Viele tolle Menschen um mich, auch viele Prüfungen, wer tut mir gut, was tut mir gut. Ich lernte mich neu kennen, lernte mich abzugrenzen und lernte, ich selbst zu sein. Mit allen Höhen und Tiefen, den richtigen Menschen ganz offenherzig gegenüberzutreten und für mich einzustehen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren. Und ich bekam viel.

Wenn ich meine schlechten Tage hatte, konnte ich zu meinen Methoden, wie Achtsamkeitsübungen und Meditationen, zurückgreifen und ich hatte im Hintergrund immer im Gedanken unsere gemeinsame Lehrerin, die mir im Notfall mit Energiearbeit oder oft auch nur mit Gesprächen helfen konnte, dass es wieder leichter wurde. Und auch sein Therapeut stand mir lange zur Seite, einfach indem wir hin und wieder telefonierten.

Und dann kamen sie auch immer, meine Engel, seien es meine Kinder, Freunde oder Familie. Ich musste oft schon lächeln; wenn ich mich zurückzog, meine Wunden zu lecken und mit mir arbeitete und plötzlich kam ein Telefonat und sie zogen mich wieder mit zurück ins normale Leben.

Ich bin sehr dankbar für diese kurze, intensive, wunderschöne und so wichtige Zeit für uns alle, die wir gemeinsam erleben durften. Wir feiern auch heute das Leben, in Gedenken an ihn, gehen sorgsam und liebevoll miteinander um und geben uns gegenseitig die Freiheit, jeder Selbst sein zu dürfen. Ich gehe mit diesen Erfahrungen weiter in meinem Leben und habe das Gefühl, dass noch sehr viel Schönes geschehen wird.

Sonja Riedl

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