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Wege in die Freiheit in den Schuhen der Ahninnen

Aminah ist ein Mädchen, das seine Umgebung sehr genau beobachtet. Ihren Vater, der wunderschönes Schuhwerk macht und mit den Karawanen zieht, um es zu verkaufen. Er hat mit seiner Zweitfrau ein Kind, ein Umstand, den Aminah immer wieder zu ergründen versucht. Vater ist gütig, Vater ist weise, die Mutter lernt das Mädchen in ihrer Stärke erst kennen, als der Vater über Monate verschwunden bzw. verschollen bleibt. Ihre Mama ist schwanger, der Vater weg, die Zweitfrau mit ihrem Kind überfordert. Orte der Handlung sind ein kleines Dorf in Ghana, in dem die Karawanen Halt machen sowie Salaga, eine einstmals reiche Stadt. Die Zeit, in der dieser Roman spielt: Ende des 19. Jahrhunderts. Aminah, das Mädchen mit den verwegenen Träumen, bekommt von ihrer Großmutter eine Rolle übertragen:

Es ist an dir, dich stark vor uns alle zu stellen. Es ist keine leichte Aufgabe, die ich da von dir verlange. Sie wird dich viel Kraft kosten ... Aber wir brauchen jemanden, zu dem wir aufsehen können, und das bist du, auch wenn du erst fünfzehn bist. Wir haben keine andere Wahl. Du hast keine andere Wahl.
Seite 47

Als Aminahs Dorf von Sklavenhändlern niedergebrannt wird, nimmt sie diese Rolle an. Brutal aneinandergekettet, entwickeln Aminah und ihre Schwestern, Zwillinge, Strategien, um den Weg nach Salaga überhaupt zu überleben.

Diesem Ausgeliefertsein steht die Arroganz der Herrschertochter Wurche gegenüber. Sie muss ebenfalls eine Rolle spielen, heiraten, damit Vater und Bruder beruhigt sind. Doch Wurche politisiert weiter, denkt über den Niedergang der einst so reichen Stadt Salaga nach und gibt nach außen die überhebliche Siegerin der Reitturniere. Es verwundert nicht, dass sie Amina am Sklavenmarkt kauft und sie zu ihrer Vertrauten und Freundin macht. Beide Frauen kämpfen für ihre Zukunft, sehen die Bedeutung des Handels mit Kolanüssen und erkennen, dass Briten wie Deutsche ihre Macht ausbauen wollen.

Das hier war ein Neuanfang. Sie begann von einer eigenen Schuhwerkstatt zu träumen, eine, die sie mit Moro bauen und die sie in Gedanken an Botu verzieren würde. Sie würde Schuhe herstellen und dann verkaufen, während Moro das Land bearbeitete. Ihre Kinder würden lernen, Neues zu erschaffen und von der Feldarbeit zu leben.
Seite 314

Man recherchiert nach Ende der Lektüre über Ghana und seine Geschichte, vergisst vielleicht so manche Handlungsträgerin dieser facettenreiche Geschichte. Man bleibt Wurche und Aminah noch länger verbunden, besonders dann, wenn man die Spur der Autorin aufnimmt. In ihrer Familie habe man die Urgroßmutter ihres Vaters stets nur „die Sklavin“ genannt, ansonsten heftig über sie und ihr Leben geschwiegen, erzählt sie in zahlreichen Interviews. Auch die ProtagonistInnen ihres Romans schwanken zwischen Reden, Schweigen und Verschweigen.

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: die Sicht von Frauen, von Freundinnen, von Verbündeten auf die Sklaverei im vorkolonialen Ghana am Beispiel der beiden Protagonistinnen, der Sklavin und der Herrschertochter. Flirrendes Dorfleben, Sklavenmärkte, gründliche Recherche über die Stadt Salaga, Handelsstadt und Zentrum des Sklavenhandels im 18. und 19. Jahrhunderts. Aufbegehren und Niederschlagung, Frauenleben in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten.

Die Autorin Ayesha Harruna Attah, in Ghana geboren, hat in den USA Biochemie und Kreatives Schreiben studiert und nach ihrem Abschluss als Schriftstellerin zu arbeiten begonnen. Es waren berufliche Gründe, die sie 2014 bewogen, in den Senegal zu ziehen.

Ayesha Harruna Attah:
Die Frauen von Salaga.
Roman. Aus dem Englischen von Christiane Burkhardt.
Diana Verlag 2019.
320 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”

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