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Weder Frau noch Mann?

In Österreich kommen pro Jahr rund 84.000 Kinder zur Welt. Etwa 40 unter ihnen sind offensichtlich intergeschlechtlich, also weder eindeutig weiblich noch unzweifelhaft männlich. Zwei Betroffene, die inzwischen erwachsen sind, erzählen.

Alle Menschen sind Zwitterwesen. Zumindest ganz am Anfang ihrer Entwicklung, in den ersten fünf Wochen nach der Befruchtung der Eizelle. Erst dann beginnt die individuelle Ausgestaltung der Geschlechtsmerkmale. Bei den meisten Embryonen setzt jetzt eine klar weibliche oder klar männliche Entwicklung ein. Bei Tobias Humer (31) aus Walding in Oberösterreich war das anders. 1988 kam er im Linzer AKH als „Theresa“ mit einer auffällig vergrößerten Klitoris zur Welt. Die Hebamme machte den Arzt darauf aufmerksam, aber dieser meinte nur: „Passt schon, das ist ein Mädel!“ Doch als Theresa nach drei Monaten wegen eines Leistenbruchs wieder ins Spital musste, zeigte eine Ultraschalluntersuchung, dass bei ihr die Eierstöcke fehlten. So wurde auch ihr Genital zum Thema, und den Eltern wurde nahegelegt, hier chirurgisch eingreifen zu lassen. Aber nach ersten Begutachtungen, die ihnen „ein ungutes Bauchgefühl“ bereiteten, entschieden sie, ihre Tochter erst einmal in Ruhe aufwachsen zu lassen.

„Meine Mutter kommt aus einem sehr katholischen Elternhaus. Über Sexualität wurde generell wenig gesprochen. Und weil über das, was ich hatte, zu Hause nichts bekannt war, schwiegen sie und mein Vater, nur meine Großeltern weihten sie ein. So wuchs ich im Glauben auf, ein Mädchen zu sein“, sagt Tobias heute. Doch schon in der Volksschule habe er gemerkt, dass er anders sei. Nur angesprochen habe er dies nie. Denn immer, wenn er es versucht habe, sei da diese „unerträgliche atmosphärische Spannung“ zwischen ihm und seinen Eltern gewesen, die ihn zurückgehalten habe.

Tabu und früher Eingriff

Mit zwölf Jahren kam Theresa in die Pubertät, doch die Menstruation blieb aus, sie entwickelte keine weiblichen Brüste, stattdessen wuchs ihre Klitoris noch mehr. Außerdem setzten Bartwuchs und Stimmbruch ein. Um nicht aufzufallen, entfernte sie ihren Flaum und sprach mit höherer Stimme. „Das Wissen, dass ich meine Andersartigkeit nicht ewig verheimlichen konnte, setzte mich so sehr unter Druck, dass ich mit 14 Jahren versuchte, mir das Leben zu nehmen. Zum Glück fanden mich meine Eltern rechtzeitig“, sagt Tobias Humer heute immer noch bewegt.

Dieser „Hilfeschrei“ setzte einiges in Gang. Zuerst vertraute Theresa ihrem Hausarzt, der sie damals notversorgte, ihr Problem an und erfuhr von ihm, dass es viele intergeschlechtliche Menschen gebe, „allein fünf in Walding“. Dann wagte sie es, ihren Eltern in einem Brief mitzuteilen, dass sie weder Mädchen noch Bub sei. Ihr Arzt verwies sie schließlich an eine Frauenklinik, wo ihr aufgrund ihrer angelegten Vulva eine „kosmetische verweiblichende OP“ nahegelegt wurde. Theresa stimmte zu und wurde nur zwei Wochen nach ihrem Suizidversuch zum „eindeutigen Mädchen geschnipselt“. Ihre angelegten Hoden wurden entfernt – die brauche sie ja nicht, hieß es. „Nach dem Eingriff bekam ich Östrogen und musste monatelang meine Neo-Vagina dehnen. Das war so beeinträchtigend, dass ich auch meine Schule wechseln musste, denn im Viererzimmer im Internat wäre diese schmerzhafte Prozedur unmöglich gewesen.“

Weitreichende Folgen

Nach und nach vertraute sich Theresa ihren FreundInnen an und mit 18 Jahren ihrem ersten Partner, der erstaunlich gelassen reagierte. Im Laufe der Zeit merkte sie aber, dass sich die weibliche Rolle nicht passend anfühlte: „Mit 21 Jahren haute ich nach Berlin ab. Dort gibt es eine offenere Intersex-Community als hier. Der Austausch mit anderen war enorm hilfreich und befreiend. Ich entschied, meine Inter-Identität offensiv zu leben, nannte mich ‚Rasa‘ und hörte auf, Östrogen zu nehmen. Als sich wegen der fehlenden Hormone Wechselbeschwerden einstellten, verschrieb mir ein Arzt Testosteron. Ich spürte bald einen Unterschied, fühlte mich fortan viel wohler in meiner Haut.“ Zurück in Österreich, merkte Rasa jedoch, dass sie*er die Leute irritierte, weil sie*er nicht ins Mann-Frau-Schema passte. Sie*er war müde, sich zu erklären, wollte nur noch „Ruhe und in der Masse verschwinden“. Das war auch der Grund, weshalb Rasa 2015 ihr*sein Geschlecht am Standesamt auf „männlich“ umändern ließ und sich seither Tobias nennt. Eine weitere OP kommt für ihn nicht infrage: „Ich brauche keinen Penis, um ein Mann zu sein. Seit einem Jahr bin ich mit einer Frau verheiratet. Wir hätten gern Kinder, auch wenn ich aufgrund meiner Hodenentfernung leider keine eigenen zeugen kann. Auch deshalb sollten Eingriffe erst passieren, wenn ein Mensch volljährig und umfassend aufgeklärt ist und selbst bestimmen kann. Es handelt sich um schwerwiegende Entscheidungen!“

Tobias Humer war „Theresa“. Er engagiert sich beim „Verein Intergeschlechtlicher Menschen Österreich“ und bei der „Beratungsstelle für Variationen der Geschlechtsmerkmale“.

Keine Pubertät

Das ist auch Victoria Putick (37) bewusst. Trotzdem will sich die Unternehmerin aus Wien demnächst in einer thailändischen Spezialklinik einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen, um entsprechend ihrem „weiblicheren Gefühl“ leben zu können und „offen für eine Beziehung“ zu sein. Ihre männlichen Genitalien sollen dabei auf ein weibliches Erscheinungsbild umgeformt werden. „Der Eingriff birgt auch finanzielle Risiken, weil ich selbstständig bin und drei Monate lang in Krankenstand sein werde. Trotzdem gibt es für mich keine Alternative“, sagt sie.

Das dritte Geschlecht

Dass Victoria intergeschlechtlich ist, weiß sie erst seit zwei Jahren. Sie wuchs als Bub namens „­Stephan“ auf. Die Pubertät setzte kaum ein, und so behielt Stephan seinen kindlichen Körper. Mit 16 Jahren ertastete er einen Knoten bei den Hoden und konsultierte einen Urologen. Dieser meinte, dass das „natürlich“ sei, wunderte sich noch über die kleinen Hoden, empfahl aber keine weiteren Untersuchungen. Bei Stephans Musterung reagierten die Ärzte ähnlich. Also versuchte er sein abweichendes Körperbild zu akzeptieren. Dass ihm jeder sexuelle Antrieb fehlte, empfand er sogar als angenehm, und er hatte auch keinerlei sexuelle Kontakte.

Doch der Versuch, sein „weibliches Empfinden“ zu unterdrücken, löste Konflikte in ihm aus. Als er 2017 mit Verdacht auf akute Blinddarmentzündung ins Spital kam, wurde eine Samenstrangentzündung diagnostiziert. Eine Bluthormonanalyse und ein Spermiogramm ergaben, dass sein Körper zu wenig Testosteron produzierte. Aus Angst vor der Reaktion seiner Familie und des Umfelds verdrängte er diese Tatsache. „Erst als ich 2018 nach einer schweren Selbstverletzung im Krankenhaus landete, den ÄrztInnen mein Problem schilderte und diese eine Sexualchromosomen-Variation feststellten, schwand mein Leidensdruck. Man verschrieb mir Östrogene, und damit war mein Kampf, ein Mann sein zu müssen, endlich vorbei. Doch die Gewissheit, nie eigene Kinder haben zu können, schmerzt bis heute“, sagt Victoria.

Kürzlich brachte sie am Standesamt einen Antrag ein, um einen Eintrag auf das „dritte Geschlecht“ bewilligt zu bekommen. Fünf Menschen österreichweit nutzen diesen Eintrag bereits, der erstmals seit Juni 2019 möglich ist. „Inter“ soll dann im Zentralen Personenstandsregister stehen. Denn das sei und bleibe sie, auch wenn sie „oben- und untenherum“ bald wie eine Frau aussehen werde, sagt Victoria. Den passenden zweiten Unisex-­Vornamen hat sie schon parat: „Manaia“. Der Name ist Maori und bedeutet „Schutzengel“.

Foto: Carolina Frank

Was ist Intergeschlechtlichkeit?

Normvorstellungen zufolge weist eine „typische Frau“ XX-Geschlechtschromosomen, weibliche Hormone, Eierstöcke, eine in die Gebärmutter mündende Vagina sowie eine circa 0,5 Zentimeter große Klitoris bei der Geburt auf. Ab der Pubertät reagiert ihr Körper mit der Reifung von Eizellen, dem Brustwachstum und dem Einsetzen der Menstruation. Ein „typischer Mann“ zeichnet sich durch XY-Geschlechtschromosomen aus sowie durch höhere Testosteronwerte, Spermien produzierende Hoden und einen Penis, der bei der Geburt zumindest 2,5 Zentimeter misst und dessen Harnröhre in die Spitze der Eichel mündet. In der Pubertät reagiert sein Körper mit Stimmbruch, Muskelwachstum und Bartwuchs. „Bis zu 1,7 Prozent der Bevölkerung werden mit Geschlechtsmerkmalen geboren, die nicht den medizinischen Normen von weiblichen und männlichen Körpern entsprechen“, sagt der „Verein intergeschlechtlicher Menschen Österreich“ (VIMÖ). Dieses Spektrum ist jedoch breit gefächert. Deshalb gibt es eine Vielzahl an medizinischen Diagnosen, die „Varianten der Geschlechtsentwicklung“ beschreiben. Etliche bleiben oft zeitlebens unerkannt.

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