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Was sind unsere Pflegekräfte wert?

Auf der Suche nach Pflegekräften für alte Menschen reicht die Fantasie bis Asien. Von dort will man bestens geschulte, gut Deutsch sprechende Menschen holen. Eine interessante Idee? Und zu welchem Preis?

Ich bin eine aus der Babyboomer-Generation. Wenn das Leben es nicht anders anlegt, werde ich rund um das Jahr 2045 jemand brauchen, der mir hilft, die Gebrechen des Alters zu lindern. Eigene Kinder fallen dafür aus, Nichten und Neffen werden noch berufstätig sein. Darf ich mit Männern und Frauen aus Asien rechnen, die mich stützen, füttern, wickeln, je nachdem? Die zwiespältigen Gefühle lassen nicht lange auf sich warten. Natürlich wünsche ich mir, dass einmal jemand da ist, der diese Fürsorge übernimmt. Aber ich kann nicht umhin, auch daran zu denken, was es im Gesamten heißt, dafür Pflegekräfte einzufliegen. Es heißt, die Logik der 24-Stunden-Kräfte aus Osteuropa nochmals zu verstärken. Diese Logik basiert auf einem wirtschaftlichen Gefälle, wie das so schön heißt. Selbst eine österreichische Pensionistin ist im Vergleich zu einer rumänischen Arbeiterin Angehörige einer gut bestallten Elite. Sie kann der rumänischen Pflegerin mehr zahlen, als diese daheim verdienen würde. Es sei, sagt man, und das ist ja nicht falsch, die freie Entscheidung dieser Frauen, ihre Familie zurückzulassen und im Ausland Geld zu verdienen. Man spricht von ungefähr 350.000 „Eurowaisen“ alleine in Rumänien. Gemeint sind Kinder, die weitgehend ohne einen oder beide Elternteile aufwachsen, weil diese irgendwo in Europa arbeiten. Diese Kinder leben oft bei den Großeltern und kennen ihre Mütter und Väter vor allem via Skype und Handy. Die Pflegerinnen wie auch medizinisches Personal fehlen in den osteuropäischen Ländern aber nicht nur als Eltern. Gerade die fittesten Arbeitskräfte gehen weg. Und: Wer wird die alten Menschen dort pflegen? Wollen wir es so genau wissen? Hauptsache, wir haben unser Problem gelöst. Der Markt für Pflegekräfte in Ost- und Südosteuropa ist bald leergefischt. Nun ziehen die PersonalsucherInnen weiter Richtung Asien. Interessant, dass der sonst so gerne gehätschelte Fremdenhass vergessen ist, wenn der eigene Nutzen im Vordergrund steht. Aus Vietnam und von den Philippinen wolle man vor allem die besten Kräfte holen, heißt es, die gut Deutsch sprechen und mit unserer Kultur vertraut sind. Das werden dem Anforderungsprofil entsprechend Menschen mit Maturaniveau sein. Um den Job machen zu können, werden sie migrieren, das heißt mehr oder weniger dauerhaft ihre Heimat verlassen. Können slowakische Pflegerinnen noch alle paar Wochen heimfahren, ist das bei Flugdistanzen von mehreren Stunden schon kostentechnisch ausgeschlossen. Dürfen diese Pflegerinnen ihre Familie mitbringen? Oder schließt man das aus, damit wir sie jederzeit wieder loswerden, wenn der politische Wind sich dreht? Beim Engagement von Spitzenkräften für die Forschung oder den Aufbau von Unternehmen bemüht man sich, auch für die Familie der Umworbenen gute Bedingungen zu schaffen. Selbstverständlich zieht diese mit, anders wären Topleute kaum zu gewinnen. Wenn man es mit der Aufwertung der Pflege ernst nimmt, müsste man diese Frauen (und die vermutlich wenigen Männer) genauso behandeln. Wenn man dabei schon in Nutzenkategorien denkt, wäre ein schöner Nebeneffekt, dass mitgezogene Kinder und Partner das kreative und soziale Potenzial der österreichischen Bevölkerung mehren. So könnte nicht nur das Pflegeproblem gemildert werden, sondern auch ein internationaler, frischer Geist in die Alpenrepublik einziehen. Diese Perspektive könnte das Pflegethema aus der Gasse „Billige, willige Arbeitskraft gesucht“ herausführen. Und dann würde ich noch vorschlagen, dass Senioren­organisationen damit anfangen, Kurse für Spanisch und Vietnamesisch anzubieten. Erstens ist der Erwerb neuer Sprachen gut für die geistige Leistungsfähigkeit im Alter. Zweitens stünde uns etwas Höflichkeit gut an, wenn wir Menschen, die uns pflegen, nicht wie Dienstboten, sondern wie Gäste behandeln.

Christine Haiden meint, die Suche nach Pflegekräften in Asien brauche eine neue Qualität des Umgangs.

Pflegenotstand oder Personalmangel?

Wenn es um die Zukunft der Versorgung älterer Menschen geht, sind Vokabeln mit Alarmcharakter schnell zur Hand: „Notstand“, „Chaos“, „Krise“. Tatsächlich gibt es einen Engpass bei professioneller Pflege. In manchen Seniorenheimen müssen einzelne Stationen wegen Personalmangels geschlossen werden. Noch immer wird ein Großteil der alten Menschen allerdings von Angehörigen betreut. Die 24-Stunden-Pflege, vorwiegend durch Frauen aus Ost- und Südosteuropa geleistet, hat über Jahrzehnte eine Entlastung daheim und für Heime gebracht. Nach derzeitigen Prognosen wird der Bedarf an professioneller Pflege in den nächsten Jahrzehnten deutlich steigen. Man versucht die Ausbildung in Pflegeberufe für jüngere Menschen zu öffnen und durchlässiger zu machen für berufliche Weiterentwicklung. VertreterInnen der Pflegeberufe fordern zudem eine bessere Entlohnung, weniger Bürokratie und mehr Anerkennung. Neben der Frage nach dem notwendigen Personal ist auch offen, wie die Pflege künftig finanziert werden soll.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frauen.at

Erschienen in „Welt der Frauen“ 10/2019

Illustration: www.margit-krammer.at

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