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Was macht innerlich frei?

Wer ein selbstbestimmtes Leben führen will, kommt nicht umhin, sich mit der inneren Freiheit zu befassen – jenem Zustand, der laut Psychologie mit einem „authentischen Wohlfühlen“ einhergeht. Drei Frauen über ihre Gedanken und Wege zu einer Autonomie, die im Geist beginnt.

Als Fünfjährige wollte ich Astronautin werden und den Mann im Mond besuchen. Die Mondlandung 1969 erlebte ich live im Fernsehen mit. In unserer technikaffinen Familie war sie für meinen Vater ein so wichtiger Moment für die Menschheit, dass er nachts meinen Bruder und mich aus dem Bett holte und das Ereignis mit einer Ansprache kommentierte: „Technik macht uns Menschen frei: Alles ist möglich! Bis zum Mond schaffen wir es schon!“ Doch trotz aller technischen Erklärungen dachte ich noch lange darüber nach, warum der Mann im Mond bei diesem wichtigen Ereignis nicht zu Hause gewesen war. Schon als Kind hatte ich also meinen ganz persönlichen Eigen-Sinn. Meine Familie ließ mir immer meine Freiheit, auch in der Entscheidung, Theologie zu studieren, obwohl es für sie eine völlig unverständliche Berufswahl war. Für mich ist Gott Grund-Sinn.

Mein Bruder war durch einen Fehler bei seiner Geburt entwicklungsverzögert. Er brauchte viel Hilfe, mir wurde dafür viel Eigenständigkeit zugemutet und zugetraut. Ich erfuhr schon früh, dass Wollen und Können nicht immer zusammengehören, nicht alle Kinder sich nett gegenüber Menschen verhalten, die anders sind, und es Einschränkungen aufgrund gesundheitlicher Grenzen, gesellschaftlicher Ausgrenzungen oder durch Gewalt gibt.

Mir ist wichtig, dass ich Freiheit in meinem Tun, meiner Arbeit spüren kann. Ich möchte Entscheidungs- und Verantwortungsfreiheit haben und habe dabei den 1. Korintherbrief im Kopf: „Es ist alles erlaubt, aber nicht alles ist hilfreich. Deshalb sollten wir auf den Vorteil des anderen bedacht sein, nicht auf den eigenen.“ Ich schreibe meine Freiheitsgeschichte, indem ich meinen eigenen Lebensweg entdecke und ihn in Stimmigkeit mit mir selbst und in Auseinandersetzung mit meinem Umfeld gehe. Ich bewege mich entlang des Grades zwischen Anpassung und Widerstand, der dem Leben dient. So bin ich authentisch, lebe als die, wie ich gemeint bin.

Als Pfarrerin höre ich von vielen, dass ihnen der immer stärkere Leistungs- und Geschwindigkeitsdruck zu schaffen macht: „Wenn du diese und jene Leistung nicht erbringst, bist du weg. Wenn du zu langsam bist, bist du draußen.“ Die Ökonomie befördert diese Entwicklung. Bedürfnisse werden in Geld ausgedrückt, der Mensch wird zum Menschen scheinbar nur durch seinen Konsum. Genauso ist es mit der Angst, mit der immer mehr angesteckt werden: Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft, aber die Angst vor materiellen Verlusten, vor der Zukunft, vor dem Unbekannten von nebenan verführt uns dazu, Dinge nur noch schwarz oder weiß zu sehen. Als Krankenhausseelsorgerin versuche ich im Gespräch, manchmal auch mit einem Gebet oder einem Ritual, einen anderen Ort zu schaffen, in dem sich der Mensch als frei und befreit erleben kann. Gelingt das, wird dieser Ort ein „heiliger Raum“ im Krankenhaus. Weil der Mensch spürt, dass er mehr ist als sein Leid. Er bleibt Person mit Geschichte und Sinn. In diesem Raum zählt das Hier und Jetzt. Alle Gefühle haben Platz. Wer sich dem Leben überlässt, kann auch loslassen. Viele merken, dass sie noch immer gestalten können und noch sehr viel möglich ist, auch wenn nichts mehr möglich scheint. Die Seele ist selbst an ihrem tiefsten Grund frei. Lebensqualität und innere Freiheit hängen nicht von äußeren Qualitäten ab, sondern von (Gott-)Vertrauen und Eigensinn.

 

Margit Leuthold (55)
Die Pfarrerin und Seelsorgerin eröffnet Kranken „heilige Räume“, in denen sie sich trotz Leid als frei erfahren können. Sie selbst fühlt sich frei, weil sie ihren Eigensinn lebt.

 

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