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Warum freiwillig teurer kaufen?

Bauern und Bäuerinnen ärgern sich oft über die Konsumenten. An ihnen liege es, mehr für gute Lebensmittel zu bezahlen. Man kann provokant zurückfragen: Warum sollten sie?

Diese Frage könne doch wohl nur ein Scherz sein, werden manche erbost erwidern. Die Antwort sei klar: Wenn man mehr für Lebensmittel bezahlt, haben deren ErzeugerInnen ein besseres Einkommen. Dann blieben landwirtschaftliche Betriebe bestehen, und schließlich gehe es auch um die Selbstversorgung unseres Landes. Dem kann ich gut folgen.

Ich komme selbst aus einem Bauerndorf. Seit den Tagen meiner Kindheit beschleunigt sich das „Bauernhofsterben“. Die einen sagen, sie könnten längst nicht mehr mit der Konkurrenz auf dem Weltmarkt mithalten, die anderen geben auf, weil das Einkommen in anderen Berufen attraktiver ist. Wer sich anderweitig umsieht, verhält sich wirtschaftlich vernünftig. Warum sollten es dann ausgerechnet KonsumentInnen nicht tun?

Es ist nach allen Regeln des gängigen Wirtschaftens vernünftig, möglichst viel für sein Geld zu bekommen. Als im Frühjahr die Maßnahmen zum Schutz gegen das Coronavirus uns einschränkten beim Konsumieren von Urlauben, Kulturveranstaltungen oder neuen Luxusgütern, gaben plötzlich viele Menschen mehr Geld als bisher beim Direktvermarkter oder für teurere Biolebensmittel aus. Ökonomisch war das logisch, denn Lebensmittel gewannen durch den Lockdown an Bedeutung, und man konnte das vorhandene Geld auf weniger Güter aufteilen. Die Prioritäten waren jetzt anders gesetzt.

Die ökonomische Logik fragt zuerst: Was bringt es mir? Sie ist individualistisch angelegt und auf Optimierung ausgerichtet. Vor einiger Zeit hat mir die Managerin eines großen Unternehmens erzählt, sie habe eine staatliche Unterstützung für Investitionen angenommen, obwohl die Geschäfte nicht schlecht gingen. „Wenn ich das Angebot ausschlage, würde ich betriebswirtschaftlich fahrlässig handeln.“ Wie lässt sich das nun mit Zielen vereinbaren, die dem Gemeinwohl dienen?

Die meisten von uns wünschen sich, dass die bäuerlichen Familienbetriebe erhalten bleiben und wollen hochwertige Lebensmittel. Welche Möglichkeiten, einen höheren Preis zu zahlen, gibt es überhaupt? Direktvermarktende LandwirtInnen mit besonderen Produkten oder besonderer Qualität verdienen in der Regel gut. Aber nicht alle haben im bäuerlichen Bereich die Möglichkeit, erfolgreich in Nischen zu agieren. Viele sind Rohstofflieferanten und abhängig von Preisen, die von der verarbeitenden Industrie und dem Handel bestimmt werden.

Auf der Seite der KonsumentInnen ist es ähnlich. Viele sind auf den Einkauf im Supermarkt angewiesen. Sie könnten dort natürlich immer das teuerste Produkt kaufen. Doch wäre das auch sinnvoll? Meist weiß man nicht, ob ein kostspieligeres Lebensmittel tatsächlich den Bauern und Bäuerinnen mehr Einkommen bringt. Und nicht immer sind die billigeren Produkte von schlechterer Qualität. Was bleibt als Resümee? Es ist wenig sinnvoll, wenn LandwirtInnen und KonsumenInnen einander abwerten. Sie sitzen im gleichen Boot.

Das Problem ist grundsätzlicher und hat mit unserer Art zu wirtschaften und den damit verbundenen großen Strukturen zu tun. Wie es anders gehen könnte, darüber denken viele Menschen bereits nach. Vielleicht ist jetzt gerade eine gute Zeit, sich mit diesen alternativen Vorschlägen intensiver zu beschäftigen? Gerade bilden sich neue Plattformen im Internet, die es leichter machen sollen, direkt bei ErzeugerInnen einzukaufen.

Aber auch die Selbstversorgung des Landes mit hochwertigen Lebensmitteln hat durch die Coronakrise eine neue Aufmerksamkeit bekommen. Nicht zu reden von der Erkenntnis, dass es gerade in Pandemiezeiten nicht reicht, nur auf den eigenen Vorteil zu schauen. Vielleicht trainieren wir uns einen neuen Gemeinsinn an? Wir sollten unsere Fragen, wie wir wirtschaften und leben wollen, nicht zu kleinmütig stellen – und einander dabei als PartnerInnen und nicht als GegnerInnen sehen.

Christine Haiden schätzt hochwertige Lebensmittel. Aus logistischen Gründen kauft sie aber selten direkt bei Bauern.

Essen darf (nicht) teuer sein

113 Kilo Gemüse, 80 Kilo Obst und 95 Kilo Fleisch durchwandern den Körper einer durchschnittlichen Österreicherin pro Jahr. Das ist fast doppelt so viel wie noch vor 70 Jahren. Doch sie braucht, um die zu Hause verzehrten Nahrungsmittel zu bezahlen, nicht mehr die Hälfte des Haushaltsbudgets, wie es noch 1950 der Fall war, sondern nur mehr zwölf Prozent. Anderen Berechnungen zufolge sind es nur mehr knapp zehn Prozent.

Deutlich mehr als noch vor Jahrzehnten geben die österreichischen Haushalte aber für Essen außer Haus aus. In den vergangenen zehn Jahren haben sich diese Ausgaben um 45 Prozent erhöht. – Nach einer statistischen Erhebung in Deutschland bleiben nur 20 Prozent der Verbraucherausgaben für landwirtschaftliche Erzeugnisse direkt bei den Bauern. Den weitaus größten Teil verdienen die verarbeitende Industrie und der Handel. In den 1950er-Jahren lag der Anteil, den die BäuerInnen an ihren Erzeugnissen verdienten, bei über 60 Prozent.

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