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Warum alles festhalten?

Wir sind versessen darauf, alles abzuspeichern, jedes Ereignis muss als Foto oder Video ins Archiv. Hat das unser Erleben reicher, tiefer, nachhaltiger gemacht?

Stellen wir uns einmal kurz vor, diese junge Frau macht ihre Entdeckung im Jahr 2018. Sie steht vor einer Gruft, der gestern von ihr unter Tränen zu Grabe Getragene steht da plötzlich vor ihr. In dem Moment würde sie vermutlich heute sagen: „Warte schnell! Das muss ich fotografieren!“ Sie zückt ihr Handy und schaut auf das Display, um die Erscheinung festzuhalten. Das wird ihr keine Freundin glauben, dass sie den in echt gesehen hat, der doch schon hinüber war. Ein Hammer! Als sie den Blick von ihrem Handy wendet – sie hatte noch kurz nachgesehen, ob das Bild auch wirklich gespeichert war, und sicherheitshalber auch gleich eine Nachricht an ihre Facebook-Gruppe geschickt –, ist da nichts mehr. Kein Mensch. Sie ist enttäuscht, denn gleich nach dem Fotografieren wollte sie mit dem Betrauerten, der nun wieder lebendig geworden war, reden, ihn so viel fragen, ihn liebkosen. Chance verpasst. Aber sie hatte ja die Bilder auf ihrem Handy. Als sie mit einem Seufzer ihr kleines Gerät wieder herauszieht und im Archiv nach der Aufnahme sucht, ist da nichts zu sehen als eine Gruft.

„Schön erzählt, aber unwahrscheinlich“, werden Sie sagen. Doch wenn ich mir die Welt so ansehe, bekomme ich den Eindruck, dass die meisten Ereignisse nur dann wichtig sind, wenn man sie als Video oder Foto herzeigen oder verschicken kann. Das beginnt schon bei Kindergeburtstagen. Vom Empfang bis zum Auspacken der Geschenke findet alles nur mehr mit der Anweisung „Herschauen bitte!“ statt. Die SchenkerInnen machen die Beschenkten zum Objekt ihrer Aufnahme. Das stört, so empfinde ich es, die Beziehung der Menschen zueinander. Sie sind nicht mehr im Fluss des Gebens und Nehmens, der emotionalen Beziehung. Die leisen Momente des vorsichtigen Nestelns am Geschenkpapier werden vom wilden Reißen an der Verpackung abgelöst, das Fühlen, ob das Geschenk auch den berührt, für den es ausgesucht war, bleibt unbeachtet. Die Aufmerksamkeit gilt der Technik, dem Gerät, das alles festhält.

Warum, frage ich mich, haben wir so wenig Vertrauen, dass das, was wirklich bedeutsam ist, sich ohnehin auf seine Art in uns festsetzt und mit den uns eigenen Medien der Sinne auch abgespeichert wird und bleibt? Unser Verhalten ist paradox. Auf der einen Seite berauben wir uns der Unmittelbarkeit des Erlebens, indem wir das Geschehen zum Zweck der Speicherung von uns weg und auf die technischen Geräte lenken. Auf der anderen Seite boomen Seminare zur Achtsamkeit. Es gebe, sind viele überzeugt, nichts Wichtigeres, als ganz im Moment zu sein. Dafür bezahlen sie viel Geld – um dann im nächsten Augenblick ganz in der Zukunft zu sein. Ein Foto, ein Video wird erst in der Zukunft bedeutsam, wenn man es wieder ansehen oder anderen zeigen kann. Erstaunlich, dass die großen Geschichten der Menschheit ohne Fotografie überlebt haben und dass sie ohne Umschweife vom Kern der Sache erzählen.

Das wirklich Bleibende nehmen wir – als durchlässige und vielschichtige Wesen – auf. Haben wir zu wenig Selbstvertrauen, dass wir uns die Essenz eines Ereignisses merken werden? Dass es uns erhalten bleibt, ohne in der Außenwelt sichtbar oder gespeichert zu sein? In der Auferstehungsgeschichte der Bibel geht es darum, dass die Liebe den Tod überwindet. Maria Magdalena sieht den Menschen, den sie liebt, obwohl er tot ist, er erscheint ihr. Das Erscheinen hat mit der Fotografie in der Wortherkunft gemeinsam, dass es sich auf Licht bezieht; dass es Licht braucht, um etwas sichtbar werden zu lassen. Es gibt ein äußeres Licht, erzeugt mit der Kraft der Technik, und es gibt ein inneres Licht, erzeugt mit der Kraft der Zuwendung. Das Erscheinen im Bild ist ein Spaß, ein Spiel. Das Erscheinen im Herzen, in der Seele, wo immer wir verorten, was uns wirklich bedeutsam ist, ist die Essenz des Lebens. Manchmal ist es gut, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Christine Haiden fragt sich, was wir mit all dem auf Datenträgern Gespeicherten eigentlich anfangen wollen.

Gesellschaft der VoyeurInnen

Smartphones sind das erfolgreichste technische Tool der vergangenen zehn Jahre. Wer keines hat, gilt längst als Außenseiter, und wer eines hat, nützt es exzessiv. Vor allem Videos und Fotos sind mit dem erweiterten Handy jederzeit und mühelos herzustellen, zu speichern und zu verteilen.

Die Sucht, alles festzuhalten und damit in seinem Umfeld auch Aufmerk­samkeit zu erhalten, ist inzwischen in manchen Bereichen zum Problem geworden. Rettungskräfte wie Feuerwehr oder Rotes Kreuz werden von filmenden und fotografierenden GafferInnen immer öfter in ihrer Arbeit behindert. Sterbende und Schwerverletzte sind nicht vor der schamlosen Neugier der Aufnehmenden gefeit. Man versucht, den dauernden Grenzüberschreitungen mit dem Strafrecht beizukommen.

Auch in Krankenhäusern beginnt man sich zu wehren. PatientInnen, die Behandlungen mitfilmen und dann online stellen, sind zur Plage geworden. Ein Linzer Krankenhaus hat daher ein Smartphone-Verbot in Behandlungsräumen und Zimmern ausgesprochen.

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Erschienen in „Welt der Frauen“ 04/18

Illustration: www.margit-krammer.at