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03/24

Wann beginnt das zweite Leben?

Wann beginnt das zweite Leben?
Foto: Adobe Stock

Nichts im Leben ist so sicher wie der Tod. Dennoch vermeiden wir dieses Thema – selbst wenn uns unsere Endlichkeit schonungslos vor Augen geführt wird.

Wie mahnende Zeigefinger stehen die weißen Kreuze in den Tagen um Allerheiligen an den Straßenrändern und erinnern in erschreckender Anzahl an die Unerbittlichkeit des Todes. Hinter jedem einzelnen dieser weißen Kreuze steht eine Seele, die sich nicht mehr von ihren Liebsten verabschieden konnte. Hinter jedem einzelnen dieser weißen Kreuze steht Fassungslosigkeit, Trauer und Leid bei den Hinterbliebenen. Eines der Kreuze hat für mich besondere Bedeutung, obwohl ich die Person, der es gilt, nicht einmal kannte. Eine Erinnerung an einen grauen Herbsttag (niedergeschrieben vor zwei Jahren und seit damals mit mir herumgetragen)

Bremslichter und nervös blitzendes Blau

Es ist eine der öderen Arbeitsfahrten an diesem Mittwochmorgen. Der sich anbahnende Sonnenaufgang, der üblicherweise um diese Uhrzeit neben der Landschaft auch das Gemüt erstrahlen lässt, ist aufgrund des dichten Nebels nicht wahrnehmbar. Selbst die Autokolonne scheint sich noch träger als sonst vor sich hinzuwälzen. Die Bremslichter der vor mir befindlichen Fahrzeuge verschwimmen im grauen Dunst, als sie plötzlich vom nervös blitzenden Blau der Einsatzfahrzeuge überlagert werden. Der Grund ist – wenig überraschend – ein Verkehrsunfall. Einer von vielen, die auch an diesem Tag vermeldet werden. Im Schritttempo geht es direkt an der Unfallstelle vorbei, auch beim besten Willen lässt es sich nicht vermeiden, einen Einblick in die Szenerie zu bekommen: Polizisten im geschäftigen Gespräch; etwas im Abseits der Notarzt beziehungsweise Rot-Kreuz-Mitarbeiter, deren Einsatz dieses Mal umsonst gewesen sein dürfte; auf der Straße liegt zugedeckt ein lebloser Körper.

Mit einem Mal ist das Gefühl an diesem Morgen, das vorher ein gänzlich neutrales war, ein durchwegs schlechtes. Mit einem Mal nehme ich Dinge wahr, die an anderen Tagen praktisch unter der Wahrnehmungsgrenze verborgen bleiben: die weißen Kreuze beispielsweise, die an die Unfallopfer auf den Straßen erinnern. Die Nachrichten, die wie immer zur vollen Stunde aus dem Radio tönen und erneut keine guten sind. Sogar die Musik, die im Anschluss an die Nachrichten aus den Lautsprechern schallt, scheint sich dieser Morgenstimmung anzupassen. Keine Spur von Lebensfreude und sommerlicher Leichtigkeit. Vielmehr scheint es, als würde sich an diesem Herbsttag – so wie die Natur – alles um einen auf das langsame Sterben einstellen.

„Wir haben nur zwei Leben und das zweite beginnt erst, wenn wir realisieren, dass wir nur eines haben.“

„Nichts ist gewisser als der Tod, nichts ist ungewisser als seine Stunde“, kommt mir ein Spruch von Anselm von Canterbury in den Sinn. Dass wir diesem unvermeidbaren Thema dennoch zeitlebens aus dem Weg gehen, birgt unweigerlich einen inneren Konflikt. „Warum“, frage ich laut, „fällt es so schwer, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren?“ Antwort gibts freilich keine – weder aus dem leeren Auto noch von mir selbst. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, wie mein irdisches Dasein dereinst ein Ende finden soll. Nur der gewünschte Zeitpunkt ist fix: Bitte noch nicht jetzt.

Denn – so heißt es – wir haben nur zwei Leben und das zweite beginnt erst, wenn wir realisieren, dass wir nur eines haben. Es mag pathetisch klingen, aber vielleicht dient dies als Erinnerung an uns selbst, dass wir dieses eine Leben nicht vergeuden dürfen, es genießen sollen und vor allem darauf aufpassen müssen – nicht nur beim Autofahren.

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  • Veröffentlicht: 31.10.2023
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