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11/22

Vom „Weiwi“ zu einer Frau ihrer Zeit – ein Frauenleben

Vom „Weiwi“ zu einer Frau ihrer Zeit – ein Frauenleben

Denken wir an den Tod, denken wir über das Leben nach: über Herausforderungen und Möglichkeiten, Errungenschaften und Schicksalsschläge. Ein Nachruf, der uns dieser Tage in der Redaktion erreicht hat, hat uns besonders berührt. Ein Nachruf auf „Marielies“ – stellvertretend für die vielen bemerkenswerten Frauen, derer wir um Allerheiligen besonders gedenken.

Alles beginnt mit einem Ausruf des Entsetzens: „Vater, was machen wir bloß mit so vielen Kindern?“ Als Maria Elisabeth Franziska Hermine S. – genannt Marielies – kurz vor Weihnachten 1933 in Ebensee als viertes Kind zur Welt kam, war die Sorge des Bruders groß, dass da plötzlich noch eine war, mit der man die Weihnachtsgeschenke teilen muss. „Vater, was machen wir bloß mit so vielen Kindern?“

Und so nimmt es nicht Wunder, dass eben jener Bruder – Herbert – eine Woche danach auch bereit war, die neugeborene Schwester für eine Tafel Schokolade zu verkaufen. Eine Tafel Schokolade – 1933 ein kleiner Schatz –, im Laufe des Lebens von Marielies eine Süßigkeit, die allzu oft zu wertvoll war und in jedem Fall ein Schatz blieb. Genauso wie Geschenke, die zeitlebens für Marielies ein Problem bleiben sollten. Denn es beginnt ein Leben, das man mit Fug und Recht ein „Frauenleben“ nennen kann.

Zuhause wird sie angesichts dreier Brüder nur das „Weiwi“ genannt und hat diesen Namen so verinnerlicht, dass sie am ersten Schultag, als sie mit ihrem Namen aufgerufen wird, überhaupt nicht reagiert. Wer soll das sein, Maria? Ich heiße „Weiwi“. Ich bin das „Weiwi“. Aber wir wissen ja: Das „Weiwi“ ist nicht nur ein Name oder ein Kosename. Wenn du das „Weiwi“ bist, dann hast du eine bestimmte Stellung, eine bestimmte Aufgabe in der Welt – dann führst du ein Frauenleben.

Marielies wächst mit drei Brüdern auf. Der Vater im Krieg. Verschollen. Kommt nach 1945 nicht mehr zurück. Sie spielt mit den „Matador“-Bauklötzen der Brüder – obwohl sie 13 Puppen besaß –, hilft der Mutter und bleibt selbstverständlich als ledige Frau zusammen mit der Mutter wohnen, als die Familie auseinandergeht.

Marielies singt im Kirchenchor in Ebensee, mit klarem Sopran, und träumt davon, Opernsängerin zu werden. Aber Träumen war in der Nachkriegszeit nicht vorgesehen und schon gar nicht Träumen von einer Opernausbildung. So arbeitet sie als Hilfskindergärtnerin und macht danach eine Ausbildung zur Hebamme – Frauenberufe. Lernt einen Mann kennen, wird schwanger – und verlassen. Sitzengelassen – wie es die Mutter sieht. Mit einem unehelichen Kind sitzengelassen. Die meisten erinnern sich, was es zu dieser Zeit hieß, eine „Sitzengelassene“ zu sein. Der Mann ging, die Frau hatte die Schande – Frauenschicksal. Dem „Weiwi“ bleibt nichts anderes, als mit der Neugeborenen bei der eigenen Mutter zu bleiben – als Mutter und Tochter zu leben –, den Spagat auszuhalten, von der eigenen Mutter als Schande betrachtet zu werden und der eigenen Tochter andererseits vorzuleben, wie frau eine gute Tochter und Mutter zugleich sein kann. Ein Frauenleben durch und durch.

Zwei Monate, nachdem Doris 1964 zur Welt gekommen war, absolviert Marielies die Prüfung zur Hebamme. Ab jetzt gibt es keine Schonung mehr. Sie arbeitet bald als OP-Schwester in Gmunden – zum Teil 24-30 Stundenschichten. Finanziert alle drei Frauen – die Mutter, die Tochter und sich selbst – und verbringt die knappe freie Zeit mit Doris. Etwas anderes wäre auch nicht möglich gewesen, denn der Blick der Mutter bleibt argwöhnisch. Könnte doch das „Weiwi“ bei allzu individueller Freizeitgestaltung womöglich das nächste uneheliche Kind anschleppen. Also entstehen „nur“ Freundschaften zu den Kolleginnen – die allerdings ein Leben lang halten und gepflegt werden bis nach Holland, bis nach Schweden.

„Das „Weiwi“ geht ackern und Doris bleibt bei der Großmutter. Was Doris unter anderem auch deshalb genießt, weil Marielies nie ein schlechtes Wort verliert. Nie das Zerwürfnis mit der eigenen Mutter an Doris heranträgt. Frauenliebe erträgt. Frauenliebe schweigt. Frauenliebe will nur das Beste.“

Marielies ermöglicht Doris alles. Zuerst den Eiskunstlauf, dann die Tanzausbildung. Und finanziert danach noch eine Musical-Ausbildung in Wien. Marielies war unheimlich stolz darauf, was Doris lernt und erreicht. Wie Doris ihren Träumen und Talenten folgen kann. Welche Erfolge Doris mit Tanzen und Theater feiert. Stolz darauf, was eine Frau erreichen kann. Erreichen kann, wenn man kein „Weiwi“ sein muss. Und so gibt Marielies alles, damit Doris kein „Weiwi“ wird. Wie sie das macht, weiß niemand so richtig. Sicher ist nur: Die Tafel Schokolade hat sie sich nicht gegönnt – vom Munde abgespart hat sie sich nur für andere. Und gekämpft hat sie für andere. Gegen den Trend der Zeit hat sie durchgesetzt, dass Doris als Linkshänderin nicht umlernen musste. Als erste in ihrer Schule. Bloß kein „Weiwi“ sein.

Doris verbringt neben der Zeit mit der Großmutter auch viel Zeit mit dem Onkel Gerhard und dessen Tochter Astrid. Astrid wird für Marielies so ein bisschen zur zweiten Tochter, die sie ebenso mit großer Liebe umfängt. Als Astrid ihre „Schlechteesserinphase“ hat, füllt Marielies den Kartoffelbrei in einer Bierflasche ab, damit Astrid daran nuckeln kann. Die Mädchen kennen die Bierflasche von der Großmutter, die daraus Malzbier trinkt. Und Astrid erhält bei jedem Besuch eine Tafel Schokolade – bis zum allerletzten Besuch. Der ursprüngliche Verkaufsversuch des Bruders wurde mehr als ausgeglichen.

Aber wir wollen es nicht verschweigen, Mutterliebe kann auch überfließend sein, gluckenhaft werden, erdrückend sein. In der Pubertät wird es Doris durchaus zu viel und sie flüchtet manches Wochenende zu Onkel Gerhard. „Pass bloß auf mit den Männern!“ Die eigene Erfahrung kann Marielies nicht abstreiten.

Die große Befreiung kommt mit dem Tod der Mutter. Das „Weiwi“ kann wachsen. Als erstes fängt Marielies an zu rauchen. Wohl aus purem Trotz. Geht auf Reisen – St. Petersburg, Israel, Italien, Frankreich, Ägypten –, findet Anschluss in Seniorenzirkeln, spielt Karten und geht vor allem ins Theater. In Wien. Mit Doris. Opern, Ballett, Musical. Im Sommer ins Seehäusl der Freunde. Karten, Kuchen, Grillen. Ein zweites Leben beginnt. Oder sollen wir sagen: Das Leben der Marielies beginnt.

Beim Kartenspiel ist ihr regelmäßiger Ausruf beim Aufnehmen der Karten: „Lauter Bleede!“ – Nur um dann doch zu gewinnen. Es kommt wohl sehr darauf an, was man daraus macht. Aus den Karten und aus dem Leben. Nur mit den Männern lässt sich weiterhin nichts anfangen. Zwei Männer hat sie geliebt. Der eine hat sie während der Schwangerschaft verlassen, den anderen hat sie nicht haben dürfen – wegen Standesunterschieden. Kein Wunder, dass sie misstrauisch ist und bleibt, als Doris heiratet.

Geht dann in Rente mit 58. Der Rücken ist kaputt. Krankenschwesternschicksal – Frauenschicksal: Die Bewegungseinschränkungen bleiben und nehmen zu. Und als sie im Winter 2016 kaum mehr aus der Wohnung kommt, steht der Entschluss fest: Sie folgt Doris nach Deutschland – zu den Piefkes, zu den Marmeladingern – und zieht in ein Heim in Mannheim. Grundbedingung: Einzelzimmer und WLAN.

„Marielies ist eine Frau ihrer Zeit. Mit 84 besucht sie ihr erstes Rockkonzert.“

Und sie lernt die Männer lieben. Zumindest einen. Den langhaarigen Rock-’n‘-Roll-Sänger, mit dem Doris mittlerweile zusammenlebt, nimmt sie an Sohnes statt. Er schiebt ihren Rollstuhl und vergisst nie, Karten zu den Konzerten auch für sie zu besorgen. Sie taucht ein in seine Familie und fühlt sich familiär zum ersten Mal geborgen – ohne selbst Geborgenheit geben zu müssen.

Marielies ist eine Frau ihrer Zeit und eine Frau, die ihre Zeit nimmt, wie sie ist. Und die von ihrer Zeit nimmt, was sie ihr bietet. Ein drittes Leben beginnt. Neue Freunde, Aperol Spritz mit Doris am See im Herzogenriedpark. Nach Mitternacht ins Heim zurückkehren vom Rockkonzert oder vom Theater kommend. Immer toll angezogen, immer geschminkt. Ein Rollstuhl heißt noch lange nicht, dass man nicht mondän sein kann. Natürlich Karten spielen. Natürlich die Bleeden auf der Hand. Natürlich gewinnen. So kompromisslos sie beim Ackern war, so kompromisslos war sie beim Genießen. Die Welt wird ihr immer offener je älter sie wird, obwohl sie sich immer schwerer bewegen kann. So reist sie regelmäßig nach Gmunden zurück, hält dort regelrecht Hof und freut sich dann auf „Zuhause in Mannheim“.

Ob Corona ihr, die nie eingesperrt sein wollte, den Lebensmut geraubt hat? Wir wissen es nicht – Zweifel hat sie stets mit sich ausgemacht. 87-jährig ist sie bei Doris eingeschlafen. Ganz schnell. Sie hat gewusst, dass es Zeit ist und geglaubt, dass das nächste Leben wartet.

Was bleibt, wenn wir Marieles heute verabschieden? Was bleibt neben der Liebe, der Geborgenheit, neben dem letzten Hemd, das sie zu geben bereit war?

Es bleibt: ihr großes Herz, ihre Güte, ihr Lachen, ihr Lebenswille, ihre positive Einstellung, ihre Dankbarkeit und ihre Würde.

Es bleibt: Jeder kann sein Leben gestalten – auch wenn er lauter Bleede auf der Hand hat.

Es bleibt: Keine muss das „Weiwi“ bleiben, nur weil es die Welt so will.

Es bleibt: Nimm die Zeiten so, wie sie dir entgegentreten – es sind deine Zeiten.

 

Daran wollen wir uns halten. Mit dem festen Glauben, dass das nächste Leben bereits auf uns wartet.