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Vom Schrottplatz in die Universitätsaula

Die Eltern geben in Taras Kindheitswelt in den Bergen Idahos die Regeln vor: Die Mutter ist eine Kräuterexpertin und ausgezeichnete Hebamme, der Vater begeisterter Farmer, der auch Schrottplätze betreibt. Beide sind sehr gläubige Mormonen, sehr streng, gönnen sich und den Kindern weder Luxus noch Bildung. Die Großmütter sind da ganz anders und werden vom Vater für ihren Lebensstil auch verachtet, einmal wettert er gegen Milch, schnell bezeichnet er ein kleines Vergnügen als schwere Sünde.
Wenn sich eines der Kinder verletzt, selbst dann als der Vater im Verlauf der Handlung sich beinahe tödlich verletzt, werden keine ÄrztInnen geholt: Man heilt sich selbst, das sei der Wille des Herrn. Tara weiß, dass sie hier weg will: Weg vom Schrottplatz, weg von der Gewalt und der Willkür von Vater und ihrem Bruder Shawn. Eigentlich war ihr Weg vorgegeben: Sie würde am Schrottplatz schinden müssen, mit 18 heiraten, ein Stück Land vom Vater bekommen und alles so weiter machen wie bisher. College? Die Familie erteilt ihren Kindern Hausunterricht, die Geschichte der Gründerväter und die Heilige Schrift sind das Fundament der rudimentären Bildung.

Zwei Tage lang mühte ich mich, den dichten Passagen des Lehrbuchs einen Sinn abzuringen, aber Begriffe wie „bürgerlicher Humanismus“ und „die schottische Aufklärung“ sprenkelten die Seite wie schwarze Löcher, die alle anderen Wörter in sich hineinsogen. Ich machte den Test und fiel bei jeder Frage durch. (S. 221)

Tara weiß nichts über den Holocaust, daher gilt sie schnell als „Holocaust-Leugnerin“, ein Fehlurteil, dem sie mit Ehrgeiz und Fleiß zu kontern weiß. Wohl sind auch die anderen Mädchen gläubig, aber viel belesener, gebildeter, kritischer als Tara. Ihr Studium muss sie sich selbst bezahlen, der Vater verlangt, dass sie im Sommer wieder bei ihm am Schrottplatz schindet: Während sie dort auf den Anhänger steigt, verblassen die Erinnerungen an die Universität. Doch sie schafft es, emanzipiert sich, erträgt Demütigungen und erlangt mit Hilfe eines klugen Geistlichen schließlich ein Stipendium. Genau davor hat sie die Familie gewarnt: Vor staatlicher Unterstützung, vor Ärzten, vor Medizin, die nicht die Mutter gemischt hat.
Gewiss könnten einige Passagen straffer sein, das ändert nichts an der Wucht der Aussage: Diese junge Autorin hat sich mit Ausdauer und Fleiß äußerlich von ihrer Familie befreit. Dennoch sehnt sie sich nach dem Haus, dem Hügel, der Mutter. Die Gewalt des Bruders wird daheim geleugnet, sie, die ihre Geschwister um Hilfe bittet, wird als Nestbeschmutzerin verleumdet und gemieden.

Als Kind wartete ich darauf, dass mein Geist wuchs, dass meine Erfahrungen sich vermehrten, meine Möglichkeiten sich festigten und eine menschenähnliche Gestalt annahmen. Dieser Mensch und diese Gestalt hatte zu etwas dazugehört.

Was Sie versäumen, wenn Sie den Roman nicht lesen: Aufbruch, Wut, Zerrissenheit einer jungen Frau zwischen Familie, die ihr schadet, und einer Welt, die sie fördert, Ich-Findung, Auseinandersetzung mit Gewalt in Familien, toxischen Familiensystemen, Fundamentalismus dieser Mormonen-Familie

Die Autorin: 1986 in Idaho geboren; lebt heute in Großbritannien; „Befreit“ ist ihr Debütroman

Eike Schönfeld, 1949 geboren, lebt als Übersetzer in Paris, übersetzt u. a. Werke von Vladimir Nabokov, Josph Conrad, Oscar Wilde

Tara Westover:
Befreit.
Wie Bildung mir die Welt erschloss.

Aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld.
Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 2018.
443 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“